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Hasan Cobanlis „Erdoganistan“ : Törrörüstler sieht er überall

Nimmer schön auf dem Teppich geblieben: Präsident Recep Tayyip Erdogan, Meister der moralischen Entrüstung, vor seinem Palast in Ankara Bild: dpa

Hasan Cobanli seziert das System Erdogan – und zeigt, wie der türkische Präsident den Krieg, den er im eigenen Land führt, nach Deutschland exportiert. Eine Abrechnung, wie es sie noch nicht gegeben hat.

          So eine Abrechnung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinen Anhängern in der Türkei wie in Deutschland hat es noch nicht gegeben. Hasan Cobanli, in Istanbul geboren und als Journalist in München lebend, nimmt kein Blatt vor den Mund: Er beschreibt Erdogan als einen Politiker, der „Kriege entfacht, Bürgerkriege führt und in alle Richtungen Hass predigt“.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Er sieht im „kollektiven Beleidigtsein“ einen wichtigen Bestandteil des neuen türkisch-muslimischen Selbstverständnisses, und besorgt schreibt er, der Konflikt zwischen den Ja-Sagern, die aus der Türkei ferngelenkt würden, und den kritischen Nein-Sagern werde sich tiefer denn je in die deutsche Gesellschaft hineinfressen, je klarer in der Türkei die Würfel gefallen sind.

          Cobanli, Enkel einer der Helden des türkischen Unabhängigkeitskriegs, ist nicht zwischen Deutschland und der Türkei Erdogans hin- und hergerissen. Er wurde zwei Jahre vor Erdogan, 1952, geboren, und mit dessen Türkei hat er abgeschlossen. Für ihn ist „Erdoganistan“ ein Staat, der sich anmaßt, den Bürgern ihre Bedürfnisse zu diktieren, und ein Schiff, das in unsichere Gewässer abdriftet und dabei Kurs auf den Sumpf Nahost nimmt.

          Begegnung der beiden Männer

          Seine Abrechnung enthält viel Polemik und ist streckenweise sehr unterhaltsam. Denn Cobanli beobachtet gut, und er bleibt gegenüber Erdogan durchaus fair. So würdigt der Autor Erdogan als einen erfolgreichen Bürgermeister Istanbuls, „nach Ansicht vieler der effizienteste, den die Stadt“ hatte. Erdogan stehe für einen „Turbo-Kapitalismus pur und eine Re-Islamisierung der Gesellschaft, aber ebenso für ordentliche Müllabfuhr und pünktlichen Busverkehr“. Cobanli zeichnet Erdogans Weg vom jungen wehrhaften Straßenverkäufer und frommen Koranschüler zum pragmatischen City-Manager und schließlich zum „progressiven Reformer“ nach, der sich dann aber von der Ablehnung durch die EU düpiert fühlte.

          Das Jahr 2007 brachte den Bruch: Die Armee drohte mit einem Putsch, es blieb aber bei der Drohung, und im Verfassungsgericht fehlte nur eine Stimme, um Erdogans allein regierende AKP zu verbieten. Cobanli beschreibt Erdogans Reaktion darauf so: „Erdogan reagierte wie ein Büffel, der erkennt, dass die Jäger ihr Pulver verschossen haben: Rasend vor Wut, zielstrebig und mit den fiesesten Methoden ging er zum Gegenangriff über. Jetzt war seine Chance da, seine Macht festzuklopfen.“ Mit jedem Wahlsieg wurde er autoritärer, er ließ bürgerliche Proteste niederknüppeln und begann, überkommen geglaubte islamistische Lebensregeln durchzusetzen.

          Einmal sind sich die beiden begegnet, da war Erdogan noch Oberbürgermeister. Sie unterhielten sich auf einer Investmentbanker-Party über dem Bosporus. An dem Abend habe jeder gespürt, dass dieser Mann, trotz seines laschen Händedrucks, Macht verkörperte. Die beiden stellten fest, dass sie fast gleich alt sind und nur wenige Kilometer entfernt in Istanbul geboren wurden, aber Lichtjahre voneinander getrennt aufgewachsen sind: Erdogan im rauhen Hafen- und Arbeiterviertel Kasimpasa, Cobanli im vornehmen Nisantasi.

          Wie bei der Mafia

          Sie stellten fest, dass sie als Kinder den Putsch von 1960 völlig verschieden erlebt haben. Damals setzten die Generäle die Regierung des konservativen und islamischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes ab. Cobanlis Vater, ein Anhänger Atatürks, mochte Menderes nicht und begrüßte den Putsch. Erdogans Vater aber, ein einfacher Arbeiter, habe geweint, als Menderes gehängt wurde. „Für mich ist Menderes heute Vorbild“, sagte Erdogan dem Gast. Die zwei Welten, in die die Türkei heute auseinanderfällt, waren vorgezeichnet.

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