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Timothy Pachirat: „Every Twelve Seconds“ Alle zwölf Sekunden

20.01.2012 ·  Der amerikanische Politologe Timothy Pachirat hat die Arbeitsabläufe in einem Schlachthof studiert und herausgefunden, wie die Distanz zum industriellen Töten inszeniert wird.

Von Thomas Weber
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Dass die industrialisierte Fleischproduktion nichts für empfindliche Gemüter ist, überrascht niemanden mehr. Diese oft instinktive Abscheu verliert aber aus dem Blick, wie vielschichtig das Phänomen ist. Der amerikanische Politikwissenschaftler Timothy Pachirat berichtet in einem bemerkenswerten und verstörenden Buch von seinen Erfahrungen als Arbeiter in einem Industrie-Schlachthof in Nebraska. Er zeigt, wie Abschottung nach außen und Überwachung nach innen die oft abstoßenden Arbeitsroutinen der Fleischindustrie der Wahrnehmung entziehen.

Pachirat bewegt sich in seiner Analyse zwischen zwei theoretischen Polen. Auf der einen Seite steht Norbert Elias. Für Elias ist es ein wesentliches Merkmal des Zivilisationsprozesses, Tätigkeiten und Zustände, die zunehmend als abstoßend empfunden wurden, dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen. Im Hinblick auf jene, die diese abstoßenden Arbeiten auszuführen haben, ist jedoch Michel Foucault von Bedeutung, der die Beseitigung von Barrieren und allgegenwärtige Überwachung betonte.

Nichts dringt aus dem Schlachthof nach außen

Pachirat widmet allerdings nur wenige Seiten diesem theoretischen Hintergrund. Einer nüchternen und akribischen Beschreibung der ausgeklügelt durchkonstruierten Organisation des Betriebes und der extrem arbeitsteiligen Prozesse, der Dokumentation der Arbeitssuche des Autors, seiner Einarbeitung und jeder Einzelheit seiner monotonen Arbeit ist der Großteil des Buches gewidmet.

Nach außen bieten die Schlachthöfe nur eine anonyme, industrielle Fassade - allerdings mit überwachten und eingezäunten Grenzen. Kaum etwas lässt darauf schließen, was in den Betrieben vorgeht. Weder akustisch, optisch noch olfaktorisch dringt etwas nach außen - nur die beständige Lieferung von Rindern in geschlossenen Lastwagen lässt erahnen, was hinter den Mauern vorgeht. Das Innere des Schlachthofs ist in drei streng voneinander abgetrennte große Bereiche eingeteilt: den "kill floor" - ein Begriff, der sich trotz seiner unverhohlenen Direktheit in der Industrie hält -, in dem die Rinder getötet, entblutet, ausgeweidet und gespalten werden.

Der Schlachtprozess ist in viele Arbeitsgänge geteilt

Davon abgetrennt ist der nächste, der gekühlte Bereich, in dem die Tierkörper zwischengelagert und auf ihre Weiterverarbeitung im nächsten Teil vorbereitet werden. Dort werden die Tiere schließlich in verbrauchsfertige Teile zerlegt und verpackt. Diese Schlachtstraße umfasst mehr als hundertzwanzig separate Arbeitsgänge - im Anhang des Buches vollständig katalogisiert und beschrieben -, die meist nur von einem oder höchstens von einer Handvoll Arbeitern ausgeführt werden.

Jeder der Arbeiter wird nur Zeuge eines kleinen Teils des Schlachtungsprozesses. Nur Aufseher und Inspektoren des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums können sich relativ frei zwischen den Arbeitsgängen und zwischen den Bereichen bewegen. Pachirats erster Job führt ihn in den Kühlraum. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt nimmt er dort zehn Stunden am Tag Rinderleber von einer Rohrbahn ab und hängt sie auf Karren.

Diskrepanz zwischen Regeln und Realität

Ein Nachfragemangel an Rinderleber führt dazu, dass der Autor an den Anfang der Schlachtstraße versetzt wird, wo er Rinder durch eine enge Schleuse treibt. Seine Fähigkeit, gut Englisch sprechen und schreiben zu können, erlaubt ihm schließlich nach nur wenigen Wochen den Wechsel auf die Stelle eines Qualitätsmanagers.

Für jede dieser Beschäftigungen schildert Pachirat detailliert die Handgriffe, die Geräte und auch die Diskrepanz zwischen Regeln und Realität. Lebern fallen auf den Boden, werden aber trotzdem weiterverarbeitet, die Rinder werden mit mehr elektrischen Schocks als notwendig zur Schlachtung getrieben, und der Qualitätsmanager steht unter ständigem Druck, ein Auge zuzudrücken. Die Überwachung der Arbeiter beschreibt Pachirat mit Rückgriff auf Jeremy Benthams Panoptikum. Jeder Arbeiter sieht nur einen winzigen Ausschnitt aus dem Gesamtprozess, während die Aufseher und Inspektoren den gesamten Ablauf im Blick halten können.

Die Arbeiter stammen meist aus sozial schwachen Schichten

Die hoch arbeitsteilige Gestaltung der Schlachtstraße erlaubt es den Arbeitern, sich vom eigentlichen Akt des Tötens zu distanzieren. In den Augen der Mehrzahl der Arbeiter trägt diese moralische Last einzig und allein eine Person - derjenige, der das Bolzenschussgerät alle zwölf Sekunden aufsetzt und abdrückt. Dass der Tod der Rinder ein langsamer Prozess ist, der sich über mehrere Stationen hinzieht, wird vollständig verdrängt.

Pachirats Tätigkeit im Schlachthof endet damit, dass er von einem Inspektor aufgefordert wird, gegen den Betrieb auszusagen, nämlich Verstöße gegen Hygienebestimmungen zu bezeugen. Er legt daraufhin seine Identität offen und weist den Inspektor darauf hin, dass sein Bericht auf der Anonymisierung des Betriebes und seiner Kollegen beruht. Pachirat schweigt, weil er sich verpflichtet fühlt, seine meist aus sozial schwachen Schichten stammenden Kollegen zu schützen. Diese letzten Szenen des Buches deuten an, in welchem von außen kaum wahrnehmbaren Netz von Verdächtigung, Kontrolle und Furcht alle Teilnehmer dieses Systems gefangen sind.

Pachirat schließt sein Buch mit Gedanken über Versuche, die Unsichtbarkeit dieses Geschäfts zu überwinden. Gegner der industrialisierten Fleischproduktion sehen oft in der Sichtbarmachung der in ihren Augen unhaltbaren Praktiken einen ersten Schritt, Widerstand zu erzeugen. Pachirat bezweifelt jedoch die Erfolgsaussichten dieser Strategie. Das Abstoßende sichtbar zu machen kann nicht nur Mitgefühl und aktiven Widerstand, sondern langfristig auch Apathie hervorrufen. Völlige Transparenz muss nicht notwendig zu den erwünschten politischen Veränderungen führen.

In dieser Analyse von völliger Transparenz als Gegenpol zu Geheimhaltung, Absonderung und Isolierung bleibt Pachirat etwas kurz, und ein weiter ausholender theoretischer Bogen wäre an dieser Stelle angemessen gewesen. Die überzeugende Stärke des Buches bleibt jedoch die prosaische, nie in vereinfachende moralische Verdammung abgleitende und dennoch aufschreckende Schilderung des Funktionierens eines modernen industriellen Schlachthofes.

„Every Twelve Seconds - Industrialized Slaughter and the Politics of Sight“. Timothy Pachirat. Yale University Press, New Haven, 2011. 302 S., geb., 30,99 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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