18.11.2009 · Zwischenbilanz einer päpstlichen Panne: Kardinal Lehmann, Martin Mosebach und andere streiten über die Konsequenzen aus dem Eklat um die Pius-Bruderschaft. Noch sind die sich stellenden Sach- und Personalfragen keineswegs geklärt.
Von Hermut LöhrZwar haben sich die medialen Wogen um die im Januar 2009 bekanntgemachte Entscheidung des Papstes, die Exkommunikation von vier der Pius-Bruderschaft angehörenden Priestern aufzuheben, inzwischen gelegt. Doch sind die sich stellenden Sach- und Personalfragen keineswegs geklärt, und man darf die weitere Entwicklung gespannt abwarten.
In dieser Situation unglücklicher Meeresstille legt der Lit Verlag einen Sammelband vor, der die Diskussion der vergangenen Monate aufgreift und weiterführt. Zwar stammen die Autoren des Buches, darunter auch Kardinal Lehmann und Erzbischof Zollitsch, weit überwiegend aus dem deutschen Sprachbereich, doch wird man die seit Beginn des Jahres verstärkte Papst-Kritik kaum bloß als „typisch deutsche“ Selbstkasteiung à propos „unseres Papstes“ interpretieren können. Freilich, nach moderat-kritischen Eingangsworten von Hans Maier begründet zunächst Martin Mosebach, warum „der Papst tun musste, was er tat“. Die Position ist bekannt: Während Mosebach die „Paranoia“ des Bischofs Williamson ohne Wenn und Aber ablehnt, schlägt sein Herz für die tridentinische Liturgie, den „größten Schatz der Kirche“, und für diese Spielart konservativ-ästhetischen Intellektuellentums, der sich wohlig zum „Ultramontanen“ (Toskana!) bekennt, ist Ratzinger nach wie vor ein Held. Doch geht es in der Frage der Pius-Bruderschaft kaum nur um die Liturgie: „Mit ästhetischen Kategorien allein kann diese Gruppe nicht hinreichend verstanden werden“, stellt Roman Siebenbrock zu Recht fest. Wie die verschiedenen dem Band beigegebenen Dokumente der Auseinandersetzung mit den Anhängern des Erzbischofs Lefebvre zeigen, steht die Interpretation des Zweiten Vatikanums insgesamt zur Debatte.
Es geht um das römische Verfahren selbst
Peter Hünermann zeigt in einer „Schichtenanalyse der aktuellen Krise“, dass neben der Gestalt der Liturgie vor allem das Verhältnis zur kirchlichen Tradition als Richtschnur, dasjenige zu anderen Konfessionen und Religionen sowie strukturell auch die Frage der Kollegialität in der Kirchenleitung nach Klärung verlangen.
Und es geht um das römische Verfahren selbst. Was die einen als wahrhaft evangelische, väterliche Großzügigkeit gegenüber (noch nicht reuigen) Sündern auslegen, ist für die anderen ein „skandalöser Amtsfehler im theologischen Sinn“: Durfte der Papst die Exkommunikation der vier Bischöfe aufheben, ohne dass diese sich in der Sache unterworfen hätten? Der Generalobere der Bruderschaft, Bernard Fallay, spricht gleich in der auf das Aufhebungsdekret reagierenden Verlautbarung davon, dass nunmehr „die katholische Tradition . . . nicht mehr exkommuniziert“ sei; und er bringt die fortbestehenden Vorbehalte gegenüber dem Zweiten Vatikanum zum Ausdruck. In der Tat, es geht keineswegs nur um lateinische Gesänge.
Dogma und Tradition
Der Beitrag des Tübinger Kirchenrechtlers Richard Puza nimmt zunächst hilfreiche Begriffsklärungen vor, bevor er auf den konkreten Fall eingeht und vorsichtig Möglichkeiten aufzeigt, die Fehlentscheidung im Vatikan rückgängig zu machen. Empfohlen wird auch, den Straftatbestand der Holocaust-Leugnung in das kanonische Recht aufzunehmen.
Paul Weß nimmt sich in seiner Analyse des Verhältnisses zum Dogma und zur Tradition an. Die traditionskritische Haltung des jungen Theologen Ratzinger wird dabei der Traditionsapologie des Präfekten der Glaubenskongregation und jetzigen Papstes gegenübergestellt: Bezeichnete jener die fehlende fundamentale Grundlagenreflexion auf die Tradition im Zweiten Vatikanum als „bedauerliche Lücke“ des Konzils, so sei dieser im Gefolge des Konzils in das hoffnungslose Bemühen verstrickt, Neuerungen und Änderungen als Interpretation der Tradition auszusagen. Insofern sähen die Lefebvristen in ihrer Rom-Kritik durchaus etwas Richtiges. Doch hält Weß natürlich eine andere Lösung bereit: Brüche mit der Tradition seien de facto vollzogen und auch notwendig und auszuhalten. Mit anderen Worten: Die Geschichtlichkeit des Dogmas sei anzuerkennen. Man muss nicht sehr kirchenfern (oder gar Protestant) sein, um solche Einsichten für wenig revolutionär zu halten. Weß folgert dann allerdings: Ein neues Konzil muss her, das die Arbeit des letzten aufnimmt; aus der uneingestandenen Reform muss eine ausdrückliche werden.
Israelfreundliche Theologie
Reinhard Boschki nimmt den „Fall Williamson“ insoweit auf, als er die Impulse der Erklärung „Nostra Aetate“ des Zweiten Vatikanums vergegenwärtigt. Wie ließe sich, so fragt er, eine christliche Theologie weiterdenken, die positiv auf Israel und das Judentum eingeht? Hier hatten die katholische und (die von Boschki nicht erwähnte) evangelische Theologie, besonders die biblische Exegese, zum Teil im direkten Dialog mit Vertretern jüdischen Glaubens nach dem Zweiten Weltkrieg Wesentliches geleistet. Die Einsichten einer solchen israelfreundlichen Theologie verdienen es noch heute, klar formuliert zu werden: „Christen können sich nur selbst verstehen, wenn sie den jüdischen Gott, den Gott Jesu, und die jüdische Erlösungshoffnung verstehen. Wer Jesus bewusst oder unbewusst seines Judeseins beraubt, raubt dem Christentum seine Wurzel.“ In dieser Hinsicht dürfte die von Ratzinger vertretene Dogmatik übrigens weniger Nachholbedarf haben als manch anderer theologische Entwurf.
So könnte die Kontroverse um eine Splittergruppe der katholischen Kirche und um die unglückselige Entscheidung Ratzingers in dieser Sache doch ein Gutes haben: Wie der ganz überwiegend von katholischen Autoren gestaltete Band zeigt, sind die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in Hinsicht auf die katholische Kirchenstruktur, die innerchristliche Ökumene und den Dialog mit anderen Religionen keineswegs überholt. Das Buch präsentiert in seinem Besten eine muntere katholische Theologie, die den Kontakt zur Welt findet.