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: Terrorismus als Montagekunstwerk

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Noch vor der Polizei war ein Vorstandskollege am Tatort: "Es war niemand da sonst. Nur das zerstörte Auto und der tote Herrhausen", erinnert er sich. Das war in Bad Homburg, am 30. November 1989. Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist um 8.37 Uhr von der RAF ermordet worden.

          Noch vor der Polizei war ein Vorstandskollege am Tatort: "Es war niemand da sonst. Nur das zerstörte Auto und der tote Herrhausen", erinnert er sich. Das war in Bad Homburg, am 30. November 1989. Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist um 8.37 Uhr von der RAF ermordet worden. Wie der Kollege es nach dem Alarmsignal aus der Frankfurter Zentrale so rasch in den Vordertaunus geschafft haben will, bleibt rätselhaft. Und weiß Gott nicht als einziges. Bis heute sind Herrhausens Mörder unbekannt geblieben.

          Ein RAF-Terrorist immerhin ist mittlerweile unter konkreten Verdacht geraten: Wolfgang Grams. Er ist indes seit zehn Jahren tot, beim Versuch seiner Festnahme in Bad Kleinen durch eine Kugel getötet. Bis heute sind die Umstände nicht vollständig geklärt. Viel Stoff also für Andres Veiel. Der 1959 geborene Regisseur hat vor zwei Jahren mit seinem Dokumentarfilm "Black Box BRD", der sich der Biographien von Herrhausen und Grams annahm, Furore gemacht (F.A.Z. vom 25. Mai 2001). Denn er hatte seine beiden Porträts eher neben- als gegeneinander arrangiert. Die Parallele, die Veiel konstruierte, profitierte von ihrer mathematischen Eigenschaft: Beide Biographien berührten sich in dem Film nicht. Die Familie und Freunde von Grams versuchten mit dessen Weg in den Untergrund und den dort vermutlich von ihm begangenen Verbrechen zurechtzukommen, Herrhausens Familie und Kollegen analysierten den Karriereweg eines der mächtigsten Männer der Bundesrepublik. Kein Wort fiel über den jeweils anderen.

          Das hat sich in dem jetzt erschienenen Buch, das den gleichen Titel wie der Film trägt, nicht geändert (Andres Veiel: "Black Box BRD". Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2002. 282 S., Abb., geb., 19,90 [Euro]). Und doch ist es ein vollkommen anderes Werk. Veiel hat es zwar mit dem Geschick eines Regisseurs komponiert, geradezu geschnitten, aber die Dramaturgie ist völlig verändert. Wichtige Akteure des Films kommen erst spät und dann eher beiläufig zu Wort, während plötzlich Personen in den Zeugenstand gerufen werden, die im Film gar nicht vorkamen. Die prominenteste ist Birgit Hogefeld, die Lebensgefährtin von Grams, auch sie als Terroristin gesucht, am 26. Juni 1993, als Grams den Tod fand, in Bad Kleinen festgenommen und seitdem inhaftiert. Sie hatte am Anfang von Veiels Filmkonzept gestanden, denn der Regisseur wollte ein Porträt seiner eigenen Generation erstellen - von jener Generation, die sich vom seltsamen Wechselspiel von Idealen und Gewalt verlocken ließ. Als dann die Darstellung um Alfred Herrhausen erweitert wurde, fürchtete Birgit Hogefeld, daß ihr Mitwirken an "Black Box BRD" einem etwaigen Gnadengesuch schaden könnte, und zog sich aus dem Projekt zurück. Jetzt, zu dessen Abschluß, den das Buch darstellt, ist sie wieder mit dabei. Ihre Aussagen füllen eine der Leerstellen, die der Film notgedrungen noch zu seinem Prinzip erklärt hatte.

          Eine weitere war kurz vor dessen Kinostart gefüllt worden. Das Bundeskriminalamt konnte dank neuer genetischer Analysen eine am Tatort des Mordes an Herrhausen verbliebene Spur eindeutig Wolfgang Grams zuordnen. Plötzlich drohte die Unbestimmtheit des Films, der gerade aus der Frage, ob Grams auch gemordet hat, Spannung gewann, verlorenzugehen. Doch über die genaue Rolle von Grams ist immer noch nichts bekannt, und auch das Buch, immerhin anderthalb Jahre nach dem Film erschienen, hat dazu keine neuen Erkenntnisse zu bieten. Veiel hat indes durch die Aufnahme einer Erinnerung des Bruders von Wolfgang Grams seinen eigenen bitteren Kommentar zur Ermittlungspraxis der Behörden zu Papier gebracht. Als der Leichnam von Grams durch dessen Familie identifiziert wurde, mußte der Bruder feststellen, daß Gehirn und Gebiß fehlten und auch die Hände für Untersuchungen amputiert worden waren.

          Es sind solche Details, oft nur in ein, zwei Sätzen erzählt, die Veiels Buch zu einem ganz anderen Werk als den Film machen. Dort fehlte diese erschreckende und doch so folgerichtige Episode, weil mehr die Bilder sprachen als die Beteiligten. Bücher müssen auf all die Tricks verzichten, mit denen Filme Emotionen hervorrufen. War in Veiels Dokumentation das Dekor, in dem er seine Gesprächspartner aufnahm, mindestens so wichtig für deren Aussagen wie das Erzählte selbst, so bleibt in seinem Buch nur noch das Wort. Hier stehen Aussagen nebeneinander, die vom Regisseur zwar arrangiert, aber nicht kommentiert werden - ein Verfahren, das dem Film durch seinen notwendig subjektiven Blick gar nicht zur Verfügung steht. Der Vergleich von zweimal "Black Box BRD", dem Buch und dem Film, ermöglicht nicht nur eine gegenseitige Ergänzung des Erzählten, sondern auch eine ästhetische Analyse der jeweils unterschiedlichen historiographischen Methode.

          So ist das Buch nicht, wie es im Gewerbe üblich ist, als "Buch zum Film" zu verstehen, sondern als eigenständige Annäherung an das Thema, die nicht weniger geglückt ist als die Dokumentation - und das will einiges besagen. Doch im Buch stören plötzlich die Leerstellen, die den Film prägten. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, hier Bettina Herrhausen, die Tochter aus erster, tragisch gescheiterter Ehe, mit mehreren Äußerungen präsent, doch sie bleibt Randfigur. Ganz am Ende wird sie mit einer erschreckenden Aussage zitiert: "Wenn ich ehrlich bin, würde ich heute um manchen Menschen mehr trauern, als ich es um meinen Vater je getan habe." Ein spannendes Buch wäre auch ihre Geschichte geworden, die Geschichte einer 1959 geborenen Frau - im selben Jahr wie Andres Veiel und doch nie verführt durch das Wechselspiel von Idealen und Gewalt. Warum? Einem Buch, das diese Frage offenläßt, fehlt etwas.

          ANDREAS PLATTHAUS

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