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Teja Fiedler: Die Zeit ist aus den Fugen : Mit den Augen des Vaters

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Teja Fiedler erzählt die jüngere böhmische Geschichte aus privater Sicht. Held ist der eigene Vater, und dessen Leben liest sich wie ein Roman. Herausgekommen ist ein gelungenes Beispiel für spannende Sachfiktion.

          Im Film gibt es das Genre der Doku-Fiction. Darunter versteht man Dokumentationen, die durch Spielfilmhandlungen ergänzt werden, um den Stoff anschaulicher und lebensnäher zu machen. Für ein entsprechendes Buch müsste man unter Gebrauch der übrigen Klassifikationen dann wohl von „Sachfiktion“ sprechen, und wenn man ein Beispiel dafür lesen möchte, wäre Teja Fiedlers Buch „Die Zeit ist aus den Fugen“ erste Wahl.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bunt und spannend

          Der 1943 im böhmischen Dauba geborene Publizist erzählt darin die Lebensgeschichte seines Vaters Alois. Der kam 1889 zur Welt, als Sohn eines wohlhabenden deutschsprachigen Sägewerkbesitzers aus jenem Teil Böhmens, der später, als sich nach der Auflösung der Habsburger-Monarchie der bereits existierende Konflikt zwischen den Volksgruppen im neuen tschechoslowakischen Staat noch verschärfte, das Sudetenland genannt werden sollte. Alois Fiedler starb als Vertriebener in Niederbayern 1966, hat also in seinen siebenundsiebzig Jahren beide Weltkriege, mehrere Staatswechsel und allerlei andere Schicksalsschläge erdulden müssen. Jedes Leben dieser Zeit liest sich heute wie ein Roman. Aber nur die wenigsten werden auch so geschrieben.

          Teja Fiedler ist ein durch zahlreiche Publikationen zu historischen und landeskundlichen Themen erfahrener Autor. Deshalb verlässt er sich auf die Überzeugungskraft des ungewöhnlichen Verfahrens. Ausgewiesen wird es nicht, der Band ist im Sachbuchprogramm des Verlags gelistet, und die Vorbemerkung des Autors beschränkt sich darauf, zu bemerken, dass die Biographie „bunt und spannend“ sei. Das wird häufig behauptet.

          Erinnerung an die verlorene Heimat

          Dass es sich auch so verhält, wird indes schon eine Seite weiter klar, wenn das erst Kapitel so anhebt: „Nur er war noch am Leben. Die anderen mussten tot sein. Zerfetzt. Zerstückelt. Zermalmt.“ Teja Fiedler springt umstandslos an die Front zwischen Österreichern und Italienern im Jahr 1917. Und er versetzt sich genauso umstandslos in den Kopf seines Vaters hinein, der als Leutnant eines Infanterieregiments gerade von der italienischen Artillerie beschossen wird. Wir sehen den Grabenkrieg mit seinen Augen, hören das Pfeifen der Granaten mit seinen Ohren, riechen und schmecken und fühlen mit ihm. So geht es durch das ganze Buch. Es wird lange Gespräche geben, innere Auseinandersetzungen des Vaters mit sich selbst, private Beobachtungen - all das, was kein Biograph guten Gewissens normal beschreiben könnte.

          Aber was heißt normal? Man muss von Alois Fiedler als einem Helden sprechen - nicht im Sinne heroischen Verhaltens, aber als dem Helden dieses Buches. Objektivität ist Teja Fiedlers Sache als Autor nicht. Wie könnte sie es sein angesichts des eigenen Vaters? Was er als dessen Wahrnehmung erzählt, wurde ihm selbst als Kind berichtet, wenn der Vater ins Reden kam, um die Erinnerung seiner Familie an die verlorene Heimat wachzuhalten, die Teja Fiedler gar nicht mehr bewusst erlebt hatte. Diesen Gedächtnisschatz hat er für seine Biographie dann um Dokumentenstudium und die Aussagen weiterer Zeitzeugen ergänzt, und so wird neben dem Lebensweg des Vaters immer auch die Geschichte Böhmens bis 1945 mitverfolgt.

          Abbruch der Erzählfiktion

          Auf diese Weise entsteht ein Doppelporträt von Mann und Land; der eine ein ganz gewöhnlicher Bürger, das andere ein von vielen begehrtes Gebiet. Daraus erst entsteht die Dynamik des individuellen Daseins von Alois Fiedler, und wenn es etwas gibt, was dieses Buch ganz klarmacht, so ist es die Unvermeidlichkeit, mit der selbst die harmonischsten Lebensformen den größeren sozialen Strömungen unterworfen sind. Alois Fiedler erinnerte sich später seinem Sohn gegenüber an ein friedliches Miteinander von Tschechen und Deutschen. Teja Fiedler kristallisiert dann jene Episoden - gut erfunden oder auch nicht - heraus, in denen dieser wechselseitige Respekt umkippt, weil die Freundschaft unter die Räder der Politik gerät.

          Der Titel des Buchs, das zweitberühmteste „Hamlet“-Zitat, ist dennoch falsch gewählt. Es bezieht sich auf eine Prognose des Großvaters Isidor Fiedler angesichts der Verheerungen des Ersten Weltkriegs. Doch das Bemerkenswerte am Leben Alois Fiedlers liegt darin, dass er seine Welt immer wieder in die Fugen zurückführte. Erst ganz am Schluss, als er vom Plan der amerikanischen Mondflüge erfährt, scheint ihm die Menschheit von allen guten Geistern verlassen. Das kann er nicht mehr korrigieren.

          Und gleichfalls ganz am Schluss, im vorletzten Satz des Buchs, verlässt Teja Fiedler die bisher bewahrte Erzählfiktion und spricht von „meinem Vater“. Sein Tod ist gleichfalls nicht mehr zu korrigieren; mit ihm bricht die Erzählfiktion ab. Obwohl man um deren Konstrukt wusste, kommt das fast wie ein Schock, nachdem man sich 320 Seiten lang in diesen Vater hineinbegeben hatte. Ihn mit einem Mal von außen mit den Augen eines anderen betrachten zu sollen, fällt schwer. Das ist ein Kompliment für diese Sachfiktion.

          Teja Fiedler: „Die Zeit ist aus den Fugen“. Vom Kaiserleutnant zum Vertriebenen - Das Leben meines Vaters. Piper Verlag, München 2010. 320 S., 24 Abb., geb., 19,95 [Euro].

          Quelle: F.A.Z.

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