04.05.2007 · FRANKFURT. Nein, das ist kein Enthüllungsbuch, wie es der frühere Radsportbetreuer Jef D'hont am Montag vorgelegt hat. Ralf Meutgens klagt nicht das Telekom-Team an, systematisch gedopt zu haben, stellt trotz zahlreicher Ähnlichkeiten mit lebenden Personen niemanden an den Pranger. Und doch geht ...
FRANKFURT. Nein, das ist kein Enthüllungsbuch, wie es der frühere Radsportbetreuer Jef D'hont am Montag vorgelegt hat. Ralf Meutgens klagt nicht das Telekom-Team an, systematisch gedopt zu haben, stellt trotz zahlreicher Ähnlichkeiten mit lebenden Personen niemanden an den Pranger. Und doch geht der frühere Radsportler und A-Trainer viel weiter als der belgische "Skandal-Autor" D'hont: "Doping im Radsport", seit zwei Wochen auf dem Markt, ist trotz aller Geständnisse und Enthüllungen der vergangenen Jahre eine immer noch erschreckende Zustandsbeschreibung, eine Systemanalyse des Dopings - von der Wiege bis zur Bahre.
Eigentlich darf man nach der Lektüre keine Hoffnung mehr haben. Weil sich über 318 Seiten herausstellt, wie Eltern, Sportler, Trainer, Mediziner, Teamchefs, Fans, Medien und Sportpolitiker zu Doping erziehen, letztlich zwingen. "Es ist nicht fünf vor zwölf", hat der ehemalige, erfahrene Radprofi Marcel Wüst, nicht eben als Enthüller bekannt, am Montag erklärt, "es ist halb eins." Dann käme "Doping im Radsport" zu spät für eine Erneuerung. Aber genau daran ist dem Herausgeber Meutgens, Mitarbeiter dieser Zeitung, gelegen. Die Sammlung der konkreten Erfahrungsberichte, kombiniert mit wissenschaftlichen Betrachtungen und unterlegt mit Dokumenten, soll letztlich dem Ziel dienen umzudenken. Meutgens' Botschaft ist eindeutig wie radikal: Erst wenn alle belasteten Köpfe ausgetauscht sind, ist ein Neuanfang möglich. Der Wandel aber muss schon bei der Betreuung der Kinder beginnen: mit einer professionell geförderten Prävention, mit einer Erziehung gegen Doping.
"Doping im Radsport" verknüpft also kaum Namen und Taten. Nur der Tod hat einen: Frank Nowak. Das ist die Geschichte eines talentierten Rennfahrers, der elendig an verschnittenem Rauschgift gestorben ist, an einer Sucht, die, wie das Buch nahelegt, im Sport geweckt wurde - und zwar mit der Mentalität, rücksichtslos alles einzuwerfen, was irgendwie schneller, stärker und erfolgreicher macht. Streng betrachtet, ist der tragische Fall Nowak ein Schwachpunkt im Buch. Es gibt bislang keinen juristisch belastbaren Beweis für die Vermutung der Eltern, ihr Sohn sei an einer süchtig machenden Dopingkultur zugrunde gegangen. An diesem Punkt werden Kritiker des Buches einhaken, die noch heute behaupten, schädliche Nebenwirkungen mancher Dopingmittel seien nicht bewiesen, die schon früher Sportlern erklärten, das Medikament Erythropoietin gefährde auch beim Missbrauch nicht: Doktoren, die im Radsport mitmischten, die, wie im Buch berichtet, schon mal ein Anabolikum reichen, obwohl der Fahrer an einer Leberentzündung leidet.
Der Angriffspunkt im Fall Nowak ist zugleich der Ausgangspunkt für die Stärke von "Doping im Radsport": Er zwingt zu plausiblen Erklärungen. Sie kommen auch bei vielen anderen Fragen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zustande. Von Eltern, von ehemaligen Radprofis, früheren Betreuern, von Wissenschaftlern, Medizinern, Juristen. Meutgens bietet keine Memoirensammlung aus seinem Tagebuch, sondern Autoren, die allesamt viel miterlebt haben: zum Beispiel das Phänomen der Erziehung zu Doping in der sogenannten Lebens- und Charakterschule Spitzensport. Der Soziologe und ehemalige Nationalmannschaftsfahrer Sascha Severin spricht von der Bildung gewisser "Rituale" bei den Jugendlichen; dazu gehört ein geputztes Fahrrad, eine peinlich genaue Einhaltung der Trainingszeiten - und die Einnahme von Aspirin vor dem Wettkampf. Ihm selbst wurde die Pille einst vom Trainer empfohlen für das Rennen, als Hilfsmittel gegen den Schmerz - und wegen der blutverdünnenden Wirkung? Weil es immer schon so gemacht wurde, weil es das Vorbild macht, weil es alle machen. So kann eine Doping-Karriere mit einem vergleichsweise harmlosen Mittel beginnen und zu einer physischen wie psychischen Abhängigkeit führen. Das Suchtpotential eingesetzter Substanzen ist bestätigt. Die Frage, ob ein Sportler nach einem Sieg "unter Stoff" beim nächsten Mal darauf verzichten wird, erübrigt sich.
Dem Sog des Systems kann sich kaum jemand entziehen. So schildert der erfolgreiche frühere Radprofi Rolf Järmann seinen Wandel vom "absoluten Doping-Gegner" zum "Betrüger" als Folge einer fatalen Erkenntnis: Ohne Stoff läuft nichts im Peloton. Ärzte hätten ihn überzeugt, dass Epo keinen Schaden zufüge. Zuschauer haben ihm klargemacht, was er tun muss: "Als ich bei der Tour in den Alpen weit hinter der Spitze fuhr, wurde ich verspottet: ,Fahr zu, du fauler Hund.'" "Doping im Radsport" beschreibt den Weg vom gesunden, jugendlichen Sportler zum vollgepumpten Profi - ein grenzenloser Menschenversuch. Er wird geebnet von jenen Müttern und Vätern, die, wie der frühere Radsportmediziner Wolfgang Stockhausen schreibt, nach Epo und Wachstumshormon für ihre 14-jährige Tochter fragen. Er wird letztlich von Handlangern ausgerichtet an den Forderungen von Sponsoren und Ministerien, die ihre Beitragssätze nach Siegen berechnen. In diesem renditeorientierten Sport haben Ärzte Trainingswissenschaftler abgelöst, so beklagt der ehemalige Sportliche Leiter von mehreren Profiteams, Paul Köchli: "Es ist möglich, ohne Doping bessere Leistungen zu erreichen." Vorausgesetzt, das System lässt sich aufbrechen. Aber wie ein roter Faden zieht sich der Widerstand gegen Kritiker und selbst wohlwollende Mahner durch die Szene. Ärzte im Tross halten Warnungen vor Nebenwirkungen für nicht bewiesen, die Fahrer schweigen, Präventionsangebote werden kaum gefördert oder ignoriert von Funktionären und Verbänden, die sich eher um ein sauberes Image als um die Lösung des Konfliktes bemühen. So musste Mediziner Stockhausen feststellen, dass den Radprofis bei der WM 1998 statt der üblichen zehn 45 Minuten Zeit gelassen wurden, im Kontrollraum zur Feststellung des Hämatokritwertes zu erscheinen. Bei dieser Überprüfung wird das Verhältnis von festen zu flüssigen Bestandteilen des Blutes gemessen. Von Hämatokrit 50 an, ein Indiz für Doping mit Erythropoietin, müssen die Radprofis aussetzen. Schließlich ist eine lebensgefährliche Blutverdickung zu befürchten. In 45 Minuten aber lassen sich die Blutwerte leicht manipulieren und unangenehme Schlagzeilen verhindern. So bleibt man, nach außen, sauber.
Die Eltern von Frank Nowak glauben, ihr Sohn würde noch leben, hätte er nur Hockey gespielt. Wahrscheinlich. Hockey ist keine dopingverseuchte Sportart, es gibt kaum Geld, keine existentiellen Abhängigkeiten. Und doch eine vergleichbare Mentalität: Nach 1992 haben Hockey-Nationalkader kräftig auf Kreatin gesetzt. Die Substanz stand nicht auf der Dopingliste - wie Aspirin. Aber es versprach etwas: eine Leistungssteigerung.
Meutgens führt den Leser nur einmal in die Irre, ganz am Anfang. Beim Titel: "Doping im Radsport" ist nämlich eine Blaupause für Doping im gesamten Spitzensport. So muss man das Buch lesen.
ANNO HECKER.
Besprochenes Buch: Ralf Meutgens (Herausgeber), "Doping im Radsport", Delius Klasing Verlag 2007, 318 Seiten, 18 Euro.