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Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit : Küchendissidenten, besiegt vom Kapitalismus

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Bild: Hanser Berlin

Meisterwerke der Zeitgeschichte: Die Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch schildert in einer atemraubenden Dokumentation das Leben auf den Trümmern des Sozialismus.

          Was für Erinnerungen?“, fragt Swetlana Alexijewitschs letzte Gesprächspartnerin, eine sogenannte Normalbürgerin. Die Postbotin hatte ihr eine Botschaft überbracht. „Die Partei hat dichtgemacht.“ Nun sei alles, auch das Imperium, die Sowjetunion, verloren. Die Frau an der Gartenpforte wundert sich. „Aber was habe ich verloren? Ich lebe genau wie früher ...“ Armselig, seit Jahrzehnten nur mit dem Allernötigsten versorgt, egal, wer das Sagen hat, jetzt ist es gerade Putin. Sozialismus, Kapitalismus, alles gleich. Nur Warten auf den Frühling lohnt - eine Hoffnung, die sich zuverlässig erfüllt.

          Swetlana Alexijewitsch ist eine berühmte Schriftstellerin, nur für ihre Heimat Weißrussland gilt das nicht. Ihre Bücher, in dreißig Sprachen übersetzt, werden dort, in der letzten Enklave sowjetischer Diktatur, beschwiegen, zumindest offiziell. Ihr neues Buch über das russische Leben seit 1991, das sich gängigen Genres nicht zuordnen lässt und dessen Kapitel ohne exakte Zeitangaben auskommen, ist eine einzigartige, vielstimmige literarische Chronik des Sowjetmenschen und seiner Wiedergänger. Entfernt erinnert es an Walter Kempowskis „Echolot“, weil auch sie Menschenstimmen sammelt, die historische Zäsuren erlebten.

          Alltag einer riesigen Zwangsgemeinschaft

          Nur schafft sie daraus einen dokumentarischen Roman, dessen schöne, klare Sprache den Leser gefangennimmt für eine eigenwillige Zeitreise, die immer wieder zur Höllenfahrt in den Abgrund allgegenwärtigen Terrors gerät. Dieser Terror zieht sich durch das ganze Buch, ist nicht nur an bekannten Zeitmarken wie 1937 oder 1941 festzumachen. Als die Sowjetunion zerbricht, fällt er als schockierend brutaler Bürgerkrieg noch in entferntesten Gegenden des Riesenreiches über die Menschen her - wovon die andere Welt kaum Kenntnis nahm.

          Swetlana Alexijewitsch hat exemplarische Lebensgeschichten und Bekenntnisse zusammengefügt zu einem atemberaubenden, oft kaum erträglichen Menschenpanorama, das, grell ausgeleuchtet, einen bestürzend genauen Einblick in den Alltag dieses Zusammenbruchs einer riesigen Zwangsgemeinschaft gewährt. In ihren Gesprächen mit Zeitgenossen, Dissidenten, Studenten, Künstlern, Ingenieuren, Arbeitslosen und neuen Geschäftsleuten, mit Tätern und Opfern, ehemaligen GULag-Häftlingen und Henkern, Soldaten, Funktionären und immer wieder jenen, die noch jeden Strohhalm der Hoffnung auf bessere Zeiten ergriffen, gibt es nur den einen gemeinsamen Bezugspunkt: die Sowjetunion als Lebensverhängnis.

          Denn irrwitzigen Verhältnissen ausgeliefert

          Alexijewitsch versammelt Individuen, die zuweilen wie Gestalten der großen russischen Literatur anmuten; Mitglieder einer geschlossenen Gesellschaft, deren Erosion keine Utopie vom neuen, besseren Menschen aufhalten konnte, sosehr man sie auch immer wieder beschwor und jeden Zweifler grausam verfolgte. Nur selten liest man zwischen den Porträts knappe Kommentare der Menschensammlerin, dann teilt sie dem Leser etwa mit, dass das Gespräch an dieser Stelle eigentlich zu Ende war, sie aber gebeten wurde, zu bleiben und zuzuhören. Wohl auch, weil keiner vor ihr so fragen und zuhören konnte. Oder sie unterbricht eine Suada über den ordinären Kapitalismus postsowjetischer Prägung, die ihr Gegenüber mit Grausamkeiten der Stalin-Zeit würzt und diese „Trotz alledem eine große Zeit!“ nennt. Dann sagt sie, dass sie das nie verstehen werde, und bringt selbstgerechte Uneinsichtige aus der Fassung.

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