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Veröffentlicht: 25.07.2012, 16:40 Uhr

Susanne Schmetkamp: Respekt und Anerkennung Bedürfnisse besonderer Art

Tugenden sind eine Sache der richtigen Balance: Susanne Schmetkamp laboriert an der Ethik der Anerkennung.

von Gerd Schrader
© Verlag

Der altertümliche Begriff der Tugend feiert seit einigen Jahrzehnten in der Moralphilosophie, zuweilen als Identität und Identitätssuche zeitgemäß drapiert, fröhliche Urständ. Die in der Tradition Kants stehende Prinzipienethik, die Tugend lediglich als Bereitschaft versteht, das als richtig Erkannte in die Tat umzusetzen, ignoriert, so die dahinterstehende Kritik, dass moralische Urteilsfähigkeit nicht so sehr eine kognitive Disposition ist als vielmehr Ergebnis eines (selbst-)therapeutischen Prozesses der Herausbildung eines Charakters, der selbstbewusstes Glücksstreben mit Sensibilität für die Nöte anderer Menschen in sich vereint. Diese Identität entwickeln kann nur derjenige, der sich anerkannt fühlt: nicht nur als moralische Person, sondern mit all seinen Bedürfnissen, Emotionen, Leidenschaften.

Offensichtlich aber ist nicht jeder Wunsch nach Anerkennung moralisch legitim. Mancher möchte für vermeintliche Leistungen anerkannt werden, die von anderen nicht oder nur gering geschätzt werden. Gerade der Wunsch nach Anerkennung provoziert nicht selten Ablehnung. Während also Anerkennung nicht erzwungen werden kann, ist die Achtung des anderen, jedes anderen ein fundamentales moralisches Prinzip. Kant zufolge bin ich verpflichtet, auch diejenigen zu achten, die mir fremd oder unsympathisch sind. Achtung, nach einer Fußnote in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ „kein durch Einfluß empfangenes, sondern durch einen Vernunftbegriff selbstgewirktes Gefühl“, gilt letztlich dem sittlichen Gesetz, das mir Respekt vorschreibt und mich motiviert, ihm gemäß zu handeln. Achtung als universelle Pflicht und als Anerkennung der Besonderheit anderer stehen in einer Spannung, die aufzulösen im Namen von Differenz und Partikularität ein philosophisches Desiderat geworden ist - nicht erst seit der Konjunktur vor allem aus Frankreich importierter Theorien.

Kollektive gegen Einzelne

Susanne Schmetkamps Buch ist eine Auseinandersetzung vor allem mit der Theorie Axel Honneths. Wie dieser unterscheidet sie zwischen drei Formen der Anerkennung: Liebe und Fürsorge gegenüber Nahestehenden, moralische Achtung gegenüber jedermann, Wertschätzungen von Fähigkeiten und Leistungen, die jemand in einer Gesellschaft oder Gemeinschaft erbringt. Liebe und Wertschätzung sind partikular und graduell, Achtung hingegen ist universell, kategorisch und absolut. Schmetkamp kritisiert, dass in diesem Drei-Sphären-Modell eine Dimension übersehen wird: Rücksicht auf besondere Bedürfnisse jenseits von personalen Nahbeziehungen. Nicht nur gegenüber Behinderten sei erhöhte Sensibilität geboten, die allerdings nicht kategorisch eingefordert werden könne, sondern eine „milde Verpflichtung“ sei.

Bei dieser „Gratwanderung zwischen Offenheit für das Andere und identitärer Festschreibung“ aber besteht die Gefahr, dass wir Personen mit einer moralischen Rücksicht gegenübertreten, die nicht ihrem Selbstverständnis entspricht, zum anderen werden vielleicht Überzeugungen und Verhaltensweisen toleriert, die nicht akzeptiert werden sollten. Vor allem die Debatte um die Integration ethnischer und religiöser Minderheiten in die multikulturelle Gesellschaft zeigt, wie schwierig es ist, die Rechte von Kollektiven und die des Einzelnen auszutarieren.

Eine heikle Balance ist herzustellen

Schmetkamps Formel, eine gerechte, Marginalisierungen verhindernde Politik erfordere Inklusion und Destruktion, die Anerkennung der Differenz und zugleich den Versuch, starre Grenzen zu überwinden, benennt das Problem, aber löst es nicht. Darf die Freiheit der Kunst, wenn sie religiöse Gefühle verletzt, eingeschränkt werden? Sind soziale Auseinandersetzungen um die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums als Kämpfe um Anerkennung zu verstehen, oder wird dadurch der Begriff überdehnt? Wer von Identität redet, meint meist auch ökonomische Interessen. Dabei geraten die drei Prinzipien der Anerkennung zuweilen miteinander in Konflikt. Einerseits scheint ein fairer Diskurs über moralische und politische Normen nur möglich, wenn neben wechselseitiger Achtung auch ein Minimalstandard ökonomischer und finanzieller Sicherheit für alle Beteiligten, etwa durch Mindestlöhne oder ein bedingungsloses Grundeinkommen, gewährleistet ist, andererseits wird dadurch das Leistungsprinzip verletzt.

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Schmetkamps Erweiterung der Anerkennungstheorie um das Postulat der Rücksicht auf die spezifischen Bedürfnisse benachteiligter Individuen kann diesen Konflikt nicht definitiv lösen, nicht wegen mangelnder begrifflicher Schärfe, sondern weil die Tugenden, die sie einfordert, nichts anderes sein können als Orientierungspunkte, zwischen denen immer aufs Neue, in der Philosophie, im Alltagsleben, in der Politik, eine heikle Balance herzustellen ist.

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