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Veröffentlicht: 18.10.2011, 16:10 Uhr

Steven Pinker: Gewalt Alle Kurven weisen auf den ewigen Frieden

Zahlenritt durch die Geschichte: Steven Pinker sieht auf der welthistorischen Bühne Gewalt und Krieg auf dem Rückzug und hat evolutionspsychologische Begründungen dafür anzubieten.

von Herfried Münkler
© Verlag

Die Zeiten, in denen apokalyptische Kriegsszenarien die Zukunftsvorstellungen der Europäer beherrschten, sind so lange noch nicht her. Sie haben die Menschen mobilisiert und zu Hunderttausenden gegen die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen protestieren lassen. Für Steven Pinker, einen gebürtigen Kanadier, der in Harvard und am MIT Psychologie lehrt, waren diese Proteste zugleich Missverständnis und Symptom eines Trends, wonach Krieg und Gewalt in Politik und Gesellschaft auf dem Rückzug sind und noch nie in der Geschichte eine so marginale Rolle gespielt haben wie in unserer Gegenwart: Symptom, weil der Krieg als Mittel der Politik abgelehnt wurde. Missverständnis, weil ein Gewaltszenario entworfen wurde, das nicht mehr existierte.

Mit Gegenwart meint Pinker freilich nicht nur die letzten Jahrzehnte, sondern das ganze zwanzigste Jahrhundert. Was im kollektiven Gedächtnis der Europäer und Ostasiaten ein ungeheurer Ausbruch der Gewalt war, der alles bis dahin Dagewesene übertroffen habe, ist für Pinker nur ein weiterer Schritt in einem sich beschleunigenden Rückgang von Krieg und Gewalt.

Europa als die Instanz des Besseren

Um diese These zu belegen, hat Pinker komplizierte Statistiken erstellt, historische Zeugnisse zusammengetragen, Zivilisationstheorien referiert und diskutiert, zuhauf psychologische Experimente dargestellt und sie mit hirnphysiologischen und neurologischen Untersuchungen in Verbindung gesetzt. Daraus ist ein Buch entstanden, das man als den Anti-Spengler des 21. Jahrhunderts bezeichnen kann: Hatte Oswald Spengler den Untergang des Abendlandes vorausgesagt, so ist bei Pinker weder von Untergang noch von Niedergang, sondern von Fortschritt die Rede.

Und wenn bei Spengler der infolge von Überzivilisiertheit schwindende Selbstbehauptungswille Europas für dessen Niedergang verantwortlich gemacht wird, während die „Barbaren“ vordringen, sieht Pinker in der schwindenden Bedeutung von Gewalt und Gewaltandrohung ein Zeichen dafür, dass sich das Menschengeschlecht „in einem beständigen Fortschritt zum Besseren“ befinde, bei dem Europa eine Führungsrolle übernommen habe. Kant, der als einer der ersten von einem beständigen Fortschritt des Menschengeschlechts gesprochen hat, machte für ihn allenfalls historische Indizien geltend; Pinker will ihn mit wissenschaftlichen Methoden beweisen.

Ganz ohne Mathematik kommt Pinker nicht aus

Was sonst ein mit interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlern besetzter Thinktank leisten soll, hat sich Pinker ganz allein vorgenommen. Zwangsläufig hat er sich dabei auf Gebiete vorgewagt, auf denen er kein Fachmann ist. Umso mehr muss er hier darauf vertrauen, dass die mathematischen Modelle und statistischen Berechnungen, mit denen er bevorzugt arbeitet, das ausgleichen, was ihm an quellenkritischer Sensibilität abgeht. So nimmt er etwa die Zahlenangaben von Chronisten über die Gewaltopfer bei den Eroberungszügen Dschingis Khans oder Timur Lenks und multipliziert sie mit dem Faktor, um den die Weltbevölkerung heute größer ist als damals. Auf diese Weise sollen die Auswirkungen der Gewalt und die Todesraten quer durch die Geschichte miteinander vergleichbar gemacht werden.

So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

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