http://www.faz.net/-gr3-6ufgk

Steven Pinker: Gewalt : Alle Kurven weisen auf den ewigen Frieden

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Zahlenritt durch die Geschichte: Steven Pinker sieht auf der welthistorischen Bühne Gewalt und Krieg auf dem Rückzug und hat evolutionspsychologische Begründungen dafür anzubieten.

          Die Zeiten, in denen apokalyptische Kriegsszenarien die Zukunftsvorstellungen der Europäer beherrschten, sind so lange noch nicht her. Sie haben die Menschen mobilisiert und zu Hunderttausenden gegen die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen protestieren lassen. Für Steven Pinker, einen gebürtigen Kanadier, der in Harvard und am MIT Psychologie lehrt, waren diese Proteste zugleich Missverständnis und Symptom eines Trends, wonach Krieg und Gewalt in Politik und Gesellschaft auf dem Rückzug sind und noch nie in der Geschichte eine so marginale Rolle gespielt haben wie in unserer Gegenwart: Symptom, weil der Krieg als Mittel der Politik abgelehnt wurde. Missverständnis, weil ein Gewaltszenario entworfen wurde, das nicht mehr existierte.

          Mit Gegenwart meint Pinker freilich nicht nur die letzten Jahrzehnte, sondern das ganze zwanzigste Jahrhundert. Was im kollektiven Gedächtnis der Europäer und Ostasiaten ein ungeheurer Ausbruch der Gewalt war, der alles bis dahin Dagewesene übertroffen habe, ist für Pinker nur ein weiterer Schritt in einem sich beschleunigenden Rückgang von Krieg und Gewalt.

          Europa als die Instanz des Besseren

          Um diese These zu belegen, hat Pinker komplizierte Statistiken erstellt, historische Zeugnisse zusammengetragen, Zivilisationstheorien referiert und diskutiert, zuhauf psychologische Experimente dargestellt und sie mit hirnphysiologischen und neurologischen Untersuchungen in Verbindung gesetzt. Daraus ist ein Buch entstanden, das man als den Anti-Spengler des 21. Jahrhunderts bezeichnen kann: Hatte Oswald Spengler den Untergang des Abendlandes vorausgesagt, so ist bei Pinker weder von Untergang noch von Niedergang, sondern von Fortschritt die Rede.

          Und wenn bei Spengler der infolge von Überzivilisiertheit schwindende Selbstbehauptungswille Europas für dessen Niedergang verantwortlich gemacht wird, während die „Barbaren“ vordringen, sieht Pinker in der schwindenden Bedeutung von Gewalt und Gewaltandrohung ein Zeichen dafür, dass sich das Menschengeschlecht „in einem beständigen Fortschritt zum Besseren“ befinde, bei dem Europa eine Führungsrolle übernommen habe. Kant, der als einer der ersten von einem beständigen Fortschritt des Menschengeschlechts gesprochen hat, machte für ihn allenfalls historische Indizien geltend; Pinker will ihn mit wissenschaftlichen Methoden beweisen.

          Ganz ohne Mathematik kommt Pinker nicht aus

          Was sonst ein mit interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlern besetzter Thinktank leisten soll, hat sich Pinker ganz allein vorgenommen. Zwangsläufig hat er sich dabei auf Gebiete vorgewagt, auf denen er kein Fachmann ist. Umso mehr muss er hier darauf vertrauen, dass die mathematischen Modelle und statistischen Berechnungen, mit denen er bevorzugt arbeitet, das ausgleichen, was ihm an quellenkritischer Sensibilität abgeht. So nimmt er etwa die Zahlenangaben von Chronisten über die Gewaltopfer bei den Eroberungszügen Dschingis Khans oder Timur Lenks und multipliziert sie mit dem Faktor, um den die Weltbevölkerung heute größer ist als damals. Auf diese Weise sollen die Auswirkungen der Gewalt und die Todesraten quer durch die Geschichte miteinander vergleichbar gemacht werden.

          So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

          Weitere Themen

          „Das Verschwinden“ Video-Seite öffnen

          Fernsehtrailer : „Das Verschwinden“

          Die vierteilige Miniserie „Das Verschwinden“ läuft ab Sonntag, den 22. Oktober um 21:45 Uhr im Ersten.

          Hingerichtet

          Todesstrafen-Geschichte : Hingerichtet

          Die Geschichte der Todesstrafe mit ihren wechselnden Hinrichtungsmethoden, namentlich die jüngere, ist, wie Helmut Ortner deutlich macht, die Geschichte des fehlgeschlagenen Versuchs ihrer Humanisierung.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Ihre Bewerbung gefällt dem Kreml: die russische Journalistin Xenia Sobtschak, hier 2012 in Moskau

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.