10.10.2007 · Geboren unter dem Zeichen der Modernität: Helmuth Kiesels redliche Ernst-Jünger-Biographie / Von Lorenz Jäger
Die darstellerischen Kräfte, die dieses Leben einem Biographen abverlangt, sind enorm. Seine schiere Dauer von mehr als einem Jahrhundert - lässt sie sich auf eine Formel bringen, vielleicht auf die der stets wiederholten Grenzüberschreitung? Der Länder- und der Wahrnehmungsgrenzen, der des gesitteten bürgerlichen Lebens im Krieg, nein: in zweien? Und welche Retuschen gilt es, umsichtig, Fläche für Fläche, voneinander abzuheben - bei einem Autor, der seine Werke immer wieder revidiert hat.
Wer zählt die Masken und Stilisierungen Ernst Jüngers, vom Krieger zum Anarchen, vom kalten zum mitfühlenden Beobachter, vom Nietzscheaner zum Leser der Psalmen, vom Denker der Nation zum Propheten des "Weltstaats"? Wer dieses Leben beschreiben will, der muss es mit dem zwanzigsten Jahrhundert aufnehmen können, mit den Literaturen mindestens Deutschlands und Frankreichs, mit der Politik und der Philosophie, mit seinen Freikorps und seinem LSD, mit den frühen technischen, technokratischen Visionen und mit der späten Ökologie.
Unmögliche Aufgabe! Dennoch: Helmuth Kiesel ist es gelungen, eine Gesamtdarstellung zu schreiben, respektabel und redlich, nichts auslassend, vieles erhellend. Ein Kunstgriff des Buches findet sich gleich zu Beginn, wenn Kiesel die kulturelle Konstellation von Jüngers Geburtsjahr 1895 entwirft. Es ist ja eine gute Übung der Biographik, seit Goethes "Dichtung und Wahrheit", den Anfang mit einer Beschreibung der "Nativität" zu machen. Und es müssen nicht immer die Planeten sein, die da in Aspekte treten, es können auch andere, irdischere Mächte sein, die nach Ausdeutung verlangen. "Modernität" etwa ist ein Wort, das sich, wie Kiesel feststellt, um 1895 seinen Platz in den Lexika erobert. Mit ihm treten in eine widersprüchliche, gespannte Konstellation am Ideenhimmel über Ernst Jünger die Begriffe "Neurasthenie", "Vitalität", "Nationalismus", "Imperialismus", "Fortschrittsdenken" und "Sekurität" zusammen.
Kiesels Buch ist das eines Mannes, der sich durch und durch als Literaturwissenschaftler versteht. Vielleicht erklärt sich so das Schiefe, das sich gleich zu Beginn findet, wenn dann doch von den astrologischen Bildern die Rede ist: Die "Nativität" erklärt er als die "Konstellation der Gestirne im Zeichen des Widder" - nein, im Widder stand damals die Sonne, und die Nativität beschreibt die ganze, auch über die anderen Zeichen des Tierkreises verteilte Stellung der Planeten.
Jünger, auch sein Freund Carl Schmitt, hielten auf die Astrologie große Stücke. Warum? Vielleicht, weil es sich bei dieser Lehre um die dichteste, gerade noch erreichbare Form des antiken Mythos handelte. Weil er hier die Göttergenealogien wiederfand, von den Titanen bis zu den Olympiern, in denen er seine Wirklichkeit zu erkennen glaubte. Kiesel erwähnt die Bekanntschaft Jüngers mit dem Astrologen Friedrich Lindemann, aber am Ende bleibt diese Denkform ein Fremdkörper in der Darstellung; dass manche späteren Schriften, "An der Zeitmauer" etwa, in ihrer Argumentation astrologisch tief imprägniert sind, wird an-, aber nicht ausgedeutet. Dieses Buch ist ein Plädoyer für Ernst Jünger vor dem Forum des Gegenwartsbewusstseins. Jüngers Werk ist damit beschrieben, aber zugleich versiegelt wie ein kontaminierter Reaktor.
Dass Rennfahrer eine gegenüber dem Durchschnitt fast abnorm erhöhte Sehkraft besitzen, ist medizinisch festgestellt. Ähnliches kann man bei den Stoßtruppführern vermuten, zu denen Jünger im Ersten Weltkrieg gehörte. So kommt man zur zweiten Formel, die sich für die Beschreibung von Jüngers Werk anbietet: Es ist eine große Geschichte der Augen, die sich vor dem Leser von Kiesels Buch eröffnet, des neuen Sehens, der Fotografie, der Gestaltwahrnehmung, der Sicht aus dem Flugzeug, auch der magischen Übersteigerung des Blicks, vor der manches transparent wird. Man hat in diesem Zusammenhang von Jüngers "Surrealismus" gesprochen, ein Begriff, gegen den Kiesel Einspruch erhebt: Das "automatische Schreiben" etwa finde man bei Jünger, einem immens bewussten, penibel redigierenden Autor, nicht. Aber auch nicht bei Aragon! Hält man sich dagegen an eine einfachere Definition des surrealen Prinzips, an die Überlagerung von großstädtischer Moderne und Traumlogik, dann kommt Jünger der Sache wieder sehr nah - nur dass er seine Traumlehre nicht von Freud bezog, sondern, zum Beispiel, aus Alfred Kubins Roman von der Traumstadt Perle ("Die andere Seite").
Diese Biographie ist reich an Einsichten. Eine sei stellvertretend hervorgehoben. Als Jünger um 1930 eine Reihe von Büchern herausgab, die sich dem Krieg und der Nachkriegszeit widmeten, war darunter auch der Band "Die Unvergessenen", ein Gedenkbuch für die Gefallenen. Und man ist doch überrascht, wenn man unter den Gewürdigten eben nicht nur die erwartbaren Namen von Walter Flex und Gorch Fock findet, sondern auch Alfred Lichtenstein, den expressionistischen Lyriker, August Macke, den Maler, oder August Stramm, den extremsten Kopf der deutschen Avantgarde-Dichtung. Das war nun eine Ehrentafel, die von der NS-Idee einer "deutschen Kunst" den denkbar größten Abstand hielt, und man beginnt zu ahnen, wie ein deutscher Faschismus (nicht: Nationalsozialismus) der intellektuellen Ultranationalisten um Jünger und dessen Bruder Friedrich Georg hätte aussehen können.
Es gibt bei Kiesel einen weiteren Kunstgriff. Jünger wird historisiert, will sagen: anstößige Formulierungen des frühen Werks werden entschärft, indem man sie bei linken oder gar bürgerlichen Autoren in ähnlicher Form wiederfindet. Damit aber umgeht man auch die Frage: Ist es denn wahr? Ist es denn, zum Beispiel, wahr, was die Nationalisten vom Versailler Vertrag, vom Völkerbund oder vom kriegsächtenden Kellog-Pakt sagten? Verständlich, dass ein heutiger Autor die fundamentale Auseinandersetzung mit diesen Fragen scheut, dennoch möchte man mit einer psychoanalytischen Wendung von einem Abwehrmechanismus sprechen. Es gibt ein verräterisches Satzzeichen, das Kiesel gern einsetzt: die Anführungszeichen. Sie signalisieren Distanz, ohne dass man in eine Debatte um die Sache eintreten müsste. Wer kriegerische Erfolge oder Siege so markiert - und Kiesel tut es -, ist auf der sicheren Seite. Auch den militärischen Rang des Freikorpschefs Hermann Ehrhardt versieht Kiesel stets mit dem Vorbehalt (",Kapitän' Ehrhardt"), aber der Mann war nun einmal Korvettenkapitän.
Und wenn auf gut einer Druckseite Hitlers Putsch vom November 1923 erst als "geradezu lächerlich wirkendes Fiasko", dann als "schmählich gescheitert" und schließlich als der "blamable Münchener Putschversuch" umschrieben wird, dann verhält sich das zur Aufarbeitung der Vergangenheit wie ein ausgewachsener Waschzwang zum sonst üblichen Reinigungsbedürfnis.
Helmuth Kiesel: "Ernst Jünger". Die Biographie. Siedler-Verlag, München 2007. 717 S., geb., 24,95 [Euro].