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Steinmeiers Deutschland-Buch Die Innenwelt der Außenministerwelt

15.03.2009 ·  Selbst wer Vorurteile gegen Politikerbücher hegt, wird zugeben, dass Frank-Walter Steinmeier gerade ein fortschrittsoptimistisches Buch mit stellenweise eigenem Charme veröffentlicht hat. Der Nachteil daran: Es ist nicht mehr als eine sympathische Bewerbung um das Amt, das er schon hat.

Von Nils Minkmar
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Es ist eine Fiktion anzunehmen, Rezensenten würden Büchern vorurteilsfrei begegnen. Nach einigen Jahren im Beruf türmen sich die Erfahrungen zu einem Vorurteilsmittelgebirge, in dem man seine Richtungsschilder aufzustellen hat, wenn es für Leser nachvollziehbar und insgesamt fair zugehen soll.

Daher folgender Hinweis: Das Genre des Politikerbuchs stößt bei mir mittlerweile auf deutliche Abwehrreaktionen. Es ist schon blöd: Meine Ansprüche an solche Bücher sind groß. Demokratie lebt mehr als jede andere Regierungsform von der Sprache, der gesprochenen Rede wie dem niedergeschriebenen Satz. Unser zentrales Verfassungsorgan, das Parlament, hat den Sprechakt in seinem Wortstamm. Winston Churchill, Helmut Schmidt, Barack Obama, all diese Werbeträger für unsere Regierungsform gewannen ihre Bedeutung vor allem durch ihre klare und doch intensive Sprache. In Frankreich gehen republikanische Politik und literarische Ambition seit Jahrhunderten Hand in Hand.

Lernen vom Dorf

Das alles denke ich mir also vor den Büchertischen und seufze: von irgendwelchen Referenten mehr schlecht als recht zusammengehauene Reden-und-Aufsatz-Sammlungen, die kurz vor den Wahlen zwischen zwei Deckel gepresst werden. Schon nach wenigen Monaten werden sie im Bücherregal zu zerfallenden Vanitasobjekten, vergessen selbst von denen, die als Autoren firmieren. Irgendwann stand ich mal vor einem Grabbeltisch mit ausrangierten Taschenbüchern, nach alten Krimis fischend, und griff versehentlich Björn Engholms „Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft“. Dass man darin viel Vernünftiges lesen könnte, glaubte ich damals nicht mehr. Trotzdem machte mich der Anblick traurig. Der schlechte Zustand der Parteiendemokratie und die geringe Sorgfalt, mit der Politiker Bücher veröffentlichen, könnten zusammenhängen.

Nun also Steinmeier. Dass der Mann ein kompliziertes Verhältnis zur Sprache pflegt, wurde ja bereits im Porträt von Julia Encke in dieser Zeitung (siehe Langzeitbeobachtung: Die Kultur des Kandidaten Frank-Walter Steinmeier) deutlich. Ich befürchtete Schlimmes. Umso größer war die Überraschung, im ersten Teil des Buches einen ganz eigenen Charme zu entdecken. Mit großer Präzision schildert Steinmeier in der Feder von Thomas E. Schmidt von der „Zeit“ die Entwicklung seines lippischen Heimatdorfes Brakelsiek. Es ist eine Beschreibung der deutschen Provinz mit allem, was an ihr zauberhaft und beklemmend sein kann. Erweitert wurde Brakelsiek in den fünfziger Jahren durch die Siedlung, in der die Vertriebenen sich niederließen. Und eine der aus Schlesien vertriebenen jungen Frauen lernte im örtlichen Chor den Vater des heutigen Außenministers kennen, dessen Familie schon seit „ewigen Zeiten“ im Lippischen zu Hause war.

Kollektives Weben an der sozialen Textur

Der sprachlich wie ideell dichteste Teil ist die Passage, in der Steinmeier auf das Dorfleben zu sprechen kommt, insbesondere auf die Rolle, die Männer wie sein Vater darin spielten. Männer, die nicht studiert und keine Reichtümer verdient haben, aber Stolz und Stellung im Dorf aus einer Mischung aus handwerklicher Fertigkeit und hoher praktischer Problemlösungskompetenz bezogen: „Die Männer konnten etwas. Darauf beruhte ihre Stellung. Sie packten an, nicht nur auf der Arbeitsstelle. Sie machten aus einem Haufen Häusern, einer Ansiedlung eine Gemeinschaft. Ich staune heute noch über die Selbstverständlichkeit, mit der Gemeinschaftseinrichtungen, ein Sportplatz, ein Vereinsheim oder ein Grillplatz entstanden. Dann wurde auch etwas daraus.“

Dieser Einsatz war, meint Steinmeier, uneigennützig und voraussetzungslos, und zwar von beiden Seiten: „Das Dorf konnte auf diese Talente und Fähigkeiten zurückgreifen; keiner, der mit zupackte, hatte einen Gewinn an Ansehen oder gar sein Fortkommen im Blick. Auch nach Expertise und Diplom hat damals niemand gefragt, und es ist schade, dass uns diese Art Unbefangenheit im Beruflichen ebenso wie im sozialen Engagement so sehr abhanden gekommen ist.“ Dieser Wert des kontinuierlichen und kollektiven Webens an der sozialen Textur ist ein Leitgedanke im Buch. Er ist sehr ansprechend. In der Tat ist es ein besonderer Vorzug der alten Bundesrepublik gewesen, bei allen Möglichkeiten zum sozialen Fortkommen auch eine große Kohärenz aufzuweisen: Die Kinder reicher Eltern gingen auch ins örtliche Freibad und nicht in Countryclubs. Gymnasium und Hochschule öffneten sich in begrenztem, aber höherem Maße als heute.

Öffnung zur Welt

Steinmeier schildert auf sympathische Art seinen Aufstieg dank Bildung, gibt sich als phasenweise schlechter Schüler zu erkennen und plädiert dafür, in einer fairen Gesellschaft müsse es auch „eine zweite und eine dritte Chance“ geben. So ist das Buch im ersten Teil eine schöne, reflektierte Aufstiegsgeschichte und zugleich eine Ideengeschichte der Bundesrepublik. Steinmeier verschlägt es zum Studium nach Gießen, wo er insgesamt vierzehn Jahre an der Universität bleibt. Er lebt in Wohngemeinschaften, in denen die Debatten um Kernkraft, Nachrüstung und die unzulängliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der deutschen Juristen geführt werden. Er schreibt auch viel über die prägende Auseinandersetzung mit linken Splittergruppen, von denen mancher Protagonist ihm heute bei den Linken wiederbegegnet. Dabei gerät Steinmeier die Schilderung seiner Gießener Zeit so begeistert wie anderen Autobiographen vielleicht ein Kapitel über die Sixties in London – die Öffnung zur Welt ist eben überall ein Erlebnis. Manche treffen Picasso oder Mick Jagger, unser Held trifft irgendwann Gerhard Schröder. Von Gießen ging die Reise ja weiter, nach Hannover, und alle möglichen Scherze über die Hymne, die Steinmeier der Stadt widmet, vergehen einem angesichts der Begeisterung, die Steinmeier für diese Zeit zu vermitteln versteht. Von dieser Begeisterung angesteckt, liest man dann auch einigermaßen interessiert die Schilderung des Umbaus des Norddeutschen Rundfunks oder der niedersächsischen Energiekonsensgespräche.

Überhaupt macht der Ton hier eine besondere Musik. Es ist ein durch und durch fortschrittsoptimistisches Buch – für einen Sozialdemokraten eine Seltenheit. Steinmeier sieht gerade in schwierigen Lagen das Spannende und beispielsweise am Internet eben nicht nur das Böse und Dunkle, sondern das Verbindende, das internationalistische Element. Über die Generation seiner Tochter, die mit dem Internet aufwächst, hält es ihn vor Lob gar nicht mehr: „Diese Generation wird die Welt verändern.“ Es ist in diesem Buch also nicht immer fünf vor zwölf, und dieser Vorzug vor vergleichbaren Politbüchern ist leider auch ein Nachteil. Man versteht nicht, weshalb Frank-Walter Steinmeier eigentlich nach der Bundestagswahl eine, wie es in den Umfragen immer heißt, wichtigere Rolle zu spielen wünscht. Ist doch alles gut so.

Es gibt zwar im letzten Teil des Buches lange Ausführungen über das Wesen sozialdemokratischer Außenpolitik im Zeitalter der Globalisierung. Und das letzte Drittel des Buches ähnelt leider wieder sehr der herkömmlichen Politsprechmaschine: „Vorausschauende Außenpolitik ist für mich sechstens . . .“ Wichtige Fragen wie die nach dem Umgang mit dem Dalai Lama und nach seiner Rolle im Fall Murat Kurnaz werden gar nicht erst angesprochen.

So sympathisch einem die pragmatisch-kommunitaristische Philosophie Steinmeiers sein kann, die er aus seiner Bewunderung für die Brakelsieker Gemeinschaft entwickelt, so unklar bleibt doch, worin seine politische Alternative zur großen Koalition bestehen könnte. Er hat es zugegebenermaßen schwer: Seit Willy Brandt hat keine Regierung so konsequent sozialdemokratische Wünsche realisiert wie die Angela Merkels. Ein schuldenfinanziertes Konjunkturpaket für Schulen und Gedöns? Strenge Regeln für Banken und ihre Manager? Schröder, Fischer und Clement hätten sich bedankt und bekreuzigt!

Die Zufriedenheit des Autors mit seinem Lebensweg und sein Einverständnis mit den von ihm mitgestalteten Verhältnissen im Lande, die sich ja im zärtlichen Possessivpronomen des Titels andeutet, sorgt für eine angenehme Lektüre, spielt ihm aber politisch einen Streich. Das ganze Buch ist eine einzige Bewerbung um das Amt des Außenministers und stellvertretenden Bundeskanzlers.

Frank-Walter Steinmeier: „Mein Deutschland. Wofür ich stehe“. C Bertelsmann, 240 Seiten, 19,95 Euro

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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