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: Steigt bloß nicht auf die Authentizitätswolke

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Wir schmieden weder unser Glück noch unser Unglück allein. Vieles hängt vom Zufall ab, noch mehr von den gesellschaftlichen Umständen. Dieser Bereich jenseits des Rechts und der Gerechtigkeit, diese Sphäre, in der sich ethische Selbstorganisation und gesellschaftliches Bedingen verschränken, ist die Domäne normativer Sozialphilosophie.

          Wir schmieden weder unser Glück noch unser Unglück allein. Vieles hängt vom Zufall ab, noch mehr von den gesellschaftlichen Umständen. Dieser Bereich jenseits des Rechts und der Gerechtigkeit, diese Sphäre, in der sich ethische Selbstorganisation und gesellschaftliches Bedingen verschränken, ist die Domäne normativer Sozialphilosophie. Hier will Rahel Jaeggi den Voraussetzungen guten menschlichen Lebens und den Ursachen lebensethischen Mißlingens auf die Spur kommen.

          Als Maßstab für Analyse, Deutung und Bewertung soll ihr dabei der ehemals berühmte Begriff der Entfremdung dienen. Daß eine Entfremdungstheorie heute sich über Phänomenanalysen das begriffliche Tableau erarbeiten muß, ist der Autorin klar. Sie weiß, daß eine Phänomenologie der Beziehungslosigkeit und sozialen Abstraktion noch nicht die theoretischen Grundlagen bereitstellt, um die Voraussetzungen guten menschlichen Lebens benennen und dadurch eine normative Sozialphilosophie von den Ratschlägen der Lebenskunst unterscheiden zu können. Entfremdungskritik, die sich von Geschichtsphilosophie und essentialistischer Anthropologie unabhängig machen möchte, muß sich als "immanente Kritik" verstehen, als Stimme innerhalb der Selbstverständigung der Moderne, die die Realitäten an ihren Werten mißt und die Antinomien, die Selbstwidersprüche moderner Lebensorganisation innerhalb kapitalistischer liberaler Gesellschaften aufzeigt.

          Es sind vor allem die modernen Verheißungen der Freiheit und Selbstbestimmung, unsere Erwartung, ein Leben als Person führen zu können, die der Entfremdungskritik als Folie dienen, vor deren Hintergrund die Entfremdungswirkungen der Macht-, Sinn- und Identitätsverlusterfahrungen sichtbar werden. Daher dürfen sozialphilosophische Entfremdungsanalysen nicht die Geltungsreichweite beanspruchen, die möglicherweise menschenrechtsbegründeten Gerechtigkeitsprogrammen zukommt. Sie sind lebensformgebunden und reichen über den Horizont kultureller Selbstbesinnung nicht hinaus.

          Dieser hermeneutische Zugriff prägt die Studie. Er rückt die Befindlichkeit der Individuen ins Zentrum, die Gesellschaft hingegen, in der dieses sich als Entfremdung erfahrende lebensethische Scheitern stattfindet, verschwindet im Hintergrund. Daher bleibt der gesellschaftstheoretische Unterbau der Jaeggischen Entfremdungsphänomenologie unbestimmt. Ihre Sozialphilosophie ist weder individualistisch noch universalistisch, weder der systemtheoretischen Rationalität noch der kommunikativen Vernunft verpflichtet. Sie steht in der Tradition Aristoteles', Hegels und der zeitgenössischen Kommunitaristen. Ihre Basistheorie ist eine intuitive, dem moralischen Common sense sofort verständliche Personenethik.

          Moderne Individuen wollen ihr eigenes Leben führen. Oft genug kollidiert das personenethische Selbstverständnis mit einer Umwelt, werfen die Gegebenheiten sie aus ihrem eigenen Leben heraus. Von der Gesellschaft werden den Personen Anpassungsleistungen abverlangt, sie verlieren sich in ihren Rollen, ihre Handlungsauthentizität wird durch Strategie und Kalkül erstickt; sie kommen sich abhanden.

          Von den Phänomenen der Beziehungslosigkeit, der gestörten Welt- und Selbstaneignung, des Sinnverlusts und des Machtverlusts berichtet die Autorin. Ihnen widmet sie Gefühls- und Erfahrungsanalysen, die den Leser davon überzeugen, daß die Freiheits-, Selbstbestimmungs- und Authentizitätsbestimmungen unseres modernen personenethischen Selbstverständnisses eine hinreichende Grundlage für eine entfremdungspathologische Betrachtung gesellschaftlichen Lebens ist.

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