Über die Krankheitsgeschichte der eigenen Familie zu schreiben, birgt nicht unerhebliche Risiken. Rasch kann der Vorwurf erhoben werden, das Schicksal eines nahen Verwandten werde für eigene künstlerische Zwecke ausgebeutet; man denke nur an die von einigen Kritikern geäußerten Vorbehalte gegenüber Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“, das von der Alzheimer-Erkrankung seines Vaters handelt. Auch Stefan Merrill Block hat bereits über diese Krankheit geschrieben, an der seine Großmutter starb, allerdings - anders als sein österreichischer Kollege - in einem eindeutig fiktionalen Rahmen. Und wie bei seinem 2008 im Original erschienenen Debüt „Wie ich mich einmal in alles verliebte“ darf auch bei seinem neuen Roman, der von den Tücken psychiatrischer Einrichtungen erzählt, davon ausgegangen werden, dass den amerikanischen Autor nicht allein die Suche nach den eigenen Wurzeln umtreibt, nach genetischer Veranlagung und familiärer Prägung, sondern vor allem die Frage, was auf ihn selbst dereinst zukommen mag.
Denn auch dem 1982 geborenen und in Texas aufgewachsenen Schriftsteller wurde einmal, nachdem er vier Tage lang nicht schlafen konnte, von einer Ärztin bescheinigt, an einer bipolaren Störung zu leiden, an manischer Depression, dem angeblichen Leiden seines Großvaters. Stefan Merrill Block nimmt diese möglicherweise voreilige Diagnose, auch wenn er erst spät auf sie zu sprechen kommt, zum Anlass, sich in „Aufziehendes Gewitter“ auf die Spur seines nahezu totgeschwiegenen Vorfahren zu begeben, um die Lücke in der Geschichte seiner Familie mit fünfzigjähriger Verspätung zu schließen. Und wie er das macht, wie er Erinnerung, Imagination und biographische Nachforschungen miteinander verknüpft, ist eindrucksvoll.
Katatoniker und Dauerquassler
Jener Frederick Frances Merrill, um den die Gedanken des Romans kreisen, wird 1962 in das kostspielige Sanatorium Mayflower Home eingewiesen. Stefan Merrill Block hat freimütig verraten, dass es sich dabei um die fiktionale Version des berühmten McLean Hospital handelt, das zeitweise so namhafte Persönlichkeiten wie den Mathematiker John Nash, der Soul-Sänger Ray Charles sowie eine Reihe von Dichtern und Romanciers beherbergte wie Sylvia Plath, Robert Lowell oder David Foster Wallace. Und so nennt er Plaths Roman „Die Glasglocke“ ebenso als Inspirationsquelle wie einen Gedichtband Lowells oder Sylvia Nasars Nash-Biographie „A Beautiful Mind“.
Eine tragende Rolle kommt jedoch ausschließlich Robert Lowell zu, der in „Aufziehendes Gewitter“ inmitten einer Schar aufmüpfiger Patienten einige denkwürdige Auftritte hat und in Zitaten und Anspielungen stets präsent ist. Stefan Merrill Block wird er zum möglichen Gegenstück seines Großvaters, den er sich als einen ruhelosen Geist vorstellt, dessen auf Unverständnis stoßende Briefe dem Feuer übergeben wurden, während Lowell auf der anderen Seite seine psychotischen Episoden in handfeste Poesie verwandelte. Das sich aufdrängende Klischee, wonach Genie und Wahnsinn dicht beieinanderliegen, umschifft Stefan Merrill Block glücklicherweise ein ums andere mal, indem er die Schattenseiten der krankhaften Psyche in den Vordergrund rückt. So humorvoll einige Anekdoten des Romans sind - insbesondere wenn es um manch scheinbar kauzigen Leidensgenossen von Frederick geht, die Katatoniker und Dauerquassler -, so bitter und tödlich enden sie oft, weil die Idee des Selbstmords unter dem Druck der Hospitalisierung so ansteckend wie ein Gähnen wird.
Gehirngewitter
Frederick selbst verkörpert diese Zwiespältigkeit am deutlichsten. Nach außen hin ein gewitzter und liebenswürdiger Schwerenöter, der ab und an einen über den Durst trinkt, wird er in den Augen Katharines und bald auch ihrer gemeinsamen Töchter zum notorischen Säufer und Fremdgeher. Dass sie ihn trotz all seiner Eskapaden und heftiger Stimmungsschwankungen liebt, wird selten in Zweifel gezogen. Und dennoch ist irgendwann das Maß für sie voll. Als Frederick „aus seinem Körper eine schlüpfrige Pointe“ macht, da er sich in der Öffentlichkeit entblößt, weiß seine duldsame Frau sich nicht mehr anders zu helfen, als ihn in die Obhut einer psychiatrischen Anstalt zu geben. Dass ihr und ihrem Mann, an dem sich verschiedene Therapeuten die Zähne ausbeißen, damit nicht unbedingt geholfen ist, kann sie da noch nicht ahnen. Ihr Zögern jedoch, ihn wieder nach Hause zu holen, ist so nachvollziehbar wie ihre Scham, die sie dazu veranlasst, vor den Nachbarn nie von etwas anderem zu reden als einem vermeintlich harmlosen Nervenzusammenbruch.
Das Einfühlungsvermögen von Stefan Merrill Block ist so groß wie seine Vorstellungskraft. Glaubhaft versetzt er sich in eine andere Epoche und macht sich die Nöte seiner Großeltern zu eigen. Die Vergegenwärtigung dessen, was nicht mehr greifbar ist, wird dabei in vielfacher Hinsicht gespiegelt. Sei es, dass eine der nicht eben wenigen Nebenfiguren des Romans, der schizophrene Linguistik-Professor Schultz, glaubt, eine Art Ursprache entdeckt zu haben, die ihn an ein Trauma rühren lässt, das der Verdrängung anheimgefallen ist; sei es, dass der überambitionierte Freudianer Albert Canon aus Angst um die Entdeckung einer außerehelichen Affäre seine Profession verrät und zu drastischen Mitteln greift. Stets stehen dabei Anfang und Ende der Sprache (oder der Gesprächstherapie) im Zentrum, das „Weiß des Raums und des Papiers“, ein Thema, das wie geschaffen ist für einen Schriftsteller. Während die Patienten des Mayflower Home zwangsweise ruhiggestellt oder zum Reden gebracht werden, verleiht der Autor selbst jenen, die für immer schweigen wollen, eine Stimme.
“The Storm at the Door“, wie der Roman im Original heißt, ist daher nicht allein Metapher für das Gehirngewitter in Fredericks Kopf, es ist die Raserei selbst, die hier an den Pforten der Wahrnehmung des gesunden Menschenverstands rüttelt, um ihn in Frage zu stellen oder um Verständnis zu ringen. Nur gut, dass Stefan Merrill Block das, was aus der Reihe fällt, in so geordnete Bahnen lenkt, es sich und uns literarisch vom Leibe hält. Dies zeugt von Rücksichtnahme und Respekt. Mit „Aufziehendes Gewitter“ ist ihm jedenfalls ein überaus berührender Roman gelungen.