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Stanislaw Belkowski: Wladimir. Die ganze Wahrheit über Putin : Den Herrn des Kremls bremst die Überfrau

Bild: Verlag

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.

          Der russische Leser kennt Stanislaw Belkowski als Polittechnologen, als einen jener russischen Kunsthandwerker, die im amorphen Dauermachtkampf ihres Landes die treibenden Kräfte und Akteure identifizieren und ihm dadurch erst Sinn und Richtung geben. Belkowski hat das Modell für eine konstitutionelle Monarchie in Russland entworfen, er beriet liberale Politiker, er kennt die „Küche“ verdeckter Verbindungen und Intrigen und unterhält sein Publikum mit geist- und kenntnisreichen, stets provokant gewürzten Kommentaren. Öffentliche Politik in Russland ist vor allem Theater. Dem Wahlvolk, das keinen realen Einfluss hat, stehen zum Ausgleich griffige Konflikte und Alternativszenarien zu wie das tägliche Brot.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Belkowskis jüngstes Buch, das die „Ganze Wahrheit über Wladimir Putin“ und sein Regime zu enthüllen verspricht, weiht das neugierige Publikum hierzulande daher ein in eine auf eigene Weise virtuose Informationsauswertungs- und Zeichenlesedisziplin, irritiert jedoch auch. Schon das ärgerlich schlampige, oft irreführende Deutsch von Franziska Zwerg - Menschen, denen auch ethisch empfindliche Leute die Hand geben, werden als „händeschüttelnde Menschen“ bezeichnet, das unaufhaltsame Altern des Präsidenten erscheint als „zielstrebig“ - sowie das bleich beleuchtete Gruselporträt des Einbands stigmatisieren die Publikation als Trash. Hoffentlich gibt es Leser, die das nicht abschreckt. Denn sie werden vom Autor belohnt durch ein hellsichtiges politisches Neurogramm, das gelegentlich überzeichnet, dabei aber stets Grundsätzliches verdeutlicht.

          Ohne Vision und Ideologie

          Das ist vor allem die Tatsache, dass in Präsident Putin mit seinem Alphatiergehabe in Wahrheit ein willens- und überzeugungsschwacher, tief verletzlicher Mann steckt, der den Niedergang seines Landes abzubremsen versucht. Deswegen vergleicht Belkowski Putin mit Epimetheus, dem Bruder und Antipoden des schöpferischen und vorausdenkenden Prometheus. Ihm ähnelte in seiner besten Zeit Boris Jelzin, während Epimetheus dagegen ängstlich und abwägend den Ereignissen hinterherdenkt.

          Ein schönes Bild aus der Psychiatrie ist auch, wenn der Autor an anderer Stelle Putins Kontrollwahn paranoid nennt, wobei Paranoia angesichts der unkontrollierbaren russischen Zustände nur ein Wort ist für erbarmungslosen Realitätssinn; im Unterschied zur Schizophrenie kreativer Persönlichkeiten vom Schlag etwa eines Boris Beresowski, die die Zwänge der gesellschaftlichen Wirklichkeit einfach ausblenden. Putin, der als Erbe und Treuhänder des Jelzin-Klans an die Macht kam, ist panisch bemüht, sie nicht zu verlieren. Er hat keine Vision, keine Ideologie. Sowjetisch-zaristisch-imperiale Embleme dienen als Dekor und sollen die Blöße kaschieren.

          Ein Mann mit Geschäftssinn

          Putins wahre Begabung, so Belkowski, ist sein Geschäftssinn, weshalb seelenverwandte Kollegen wie Gerhard Schröder und Silvio Berlusconi zu treuen Freunden wurden. Mit genüsslicher Ironie schildert der Autor die frisierten Lebensläufe von Putins engsten Businesspartnern, von Roman Abramowitsch bis Gennadi Timtschenko. Und er erklärt, warum der Kreml sich nie wirklich für die Belange der Russen in den früheren Sowjetrepubliken einsetzte, von neoimperialen Projekten ganz zu schweigen. Die Geschäfte mit Turkmenien, Kasachstan oder Lettland haben Vorrang.

          Tatsächlich betreibe Putin eine gegen die russische Bevölkerung gerichtete Politik, stellt Belkowski fest. Er führt das auf Putins DDR-Trauma zurück, wo der Zögling des KGB und der Leningrader Hinterhöfe Leute erlebte, die ohne Zwang arbeiteten und Wodka verschmähten. Ähnlich war es dreihundert Jahre zuvor Peter dem Großen gegangen, den westeuropäische Jugendbekannte aus Moskaus „deutscher Vorstadt“ zur Überzeugung brachten, dass seine Untertanen umgeknetet werden müssten. Die Russen erschienen ihrem Präsidenten offenbar, so variiert Belkowski den „Faust“, als einen Teil von jener Kraft, die eigentlich das Gute will, doch nur Probleme schafft. Weshalb Putin die destruktiven Energien seines Volks mit leeren Versprechungen und medialen Drogen einzuschläfern versuche.

          Vertraute Männergesellschaft

          Besonders entschieden streitet der Moskauer Kremlkundler gegen Putins Ruf als Frauenherzen brechender Macho. Hartnäckige Gerüchte über seine Langzeitaffäre mit der Turnerin Alina Kabajewa, der auch mindestens ein Sohn entsprossen sein soll, hält er für gezielte Desinformation, die Putins unentwickelten Eros maskieren soll. Der risikoscheue Kremlherr könne nicht lieben, schon gar nicht das andere Geschlecht, behauptet Belkowski. Dass Putin sich bei politischen Terminen fast obsessiv verspätet, erklärt er auch durch sein Leiden an der Überfrau des ihm anvertrauten Landes.

          Der Autor nennt seinen Helden kryptoschwul, weil er nur in trauter Männergesellschaft aufblühe, und einen platonischen Zoophilen, wegen seiner zärtlichen Gefühle für Tiger, Kraniche und Hunde. Und wirklich, bei Treffen mit Motorradfahrern, Kampfsportlern oder Wildtieren ist Putin immer pünktlich. Die präsidiale Bettstatt jedoch, so gibt sein Biograph sich gewiss, dürfte wüst und leer sein wie die Welt, bevor Gott sprach, es werde Licht.

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