29.01.2012 · Stadtgeschichte mit politischem Impuls: Zwei neue Bücher von Eric Hazan widmen sich Vergangenheit und Gegenwart von Paris.
Von Helmut MayerStreets of Paris", so heißt der Band, den Richard Cobb, der wunderbare Historiker und Beobachter französischen Alltagslebens, im Jahr 1980 gemeinsam mit dem Photographen Nicolas Breach herausbrachte. Heute kann man sich an diesen Straßenszenen ein Paris vor der durchgreifenden sozialen Segregation und der schrittweisen Verdrängung der quartiers populaires an die Ränder vor Augen führen. Oder sagen wir es gleich mit den entschiedenen Worten eines anderen exzellenten Kenners dieser Stadt und ihrer Geschichte, nämlich Eric Hazans: ein Paris, bevor die "Apartheid zwischen Arm und Reich immer rigoroser wurde".
Hazan hat zwei neue Bände über Paris veröffentlicht. Wer nur die "Vue des Paris. 1750 - 1850" (Bibliothèque nationale de France, Paris 2011. 87 S., Abb., br., 9,99 [Euro]) liest, könnte ihn für einen Stadthistoriker halten, der lediglich dem Antiquarischen frönt. Der Band gibt eine Auswahl aus den im Besitz der französischen Nationalbibliothek befindlichen Pariser Ansichten, die der Architekt Gabriel-Hippolite Destailleur im neunzehnten Jahrhundert zusammentrug. (Einen Teil seiner riesigen Sammlung an Bildern und Büchern verkaufte Destailleur übrigens 1879 nach Berlin, wo sie in den Grundstock für die Kunstbibliothek einging.) Der Vortritt wird den exzellent reproduzierten Zeichnungen und Aquarellen eingeräumt, denen Hazan knapp gefasste Erläuterungen beigefügt hat.
Der andere Band, "Paris sous tension", eine Sammlung von Essays und Artikeln, ist in Hazans eigenem Verlag erschienen (Éditions La fabrique, Paris 2011. 123 S., br., 12,- [Euro]). Er zeigt auch den linken politischen Aktivisten im Stadthistoriker. Schon der letzte Teil seiner vor sechs Jahren ins Deutsche übersetzten "Erfindung von Paris" hatte an Hazans Sympathien keinen Zweifel gelassen. Er gilt dem "roten Paris so wie der Verleger seit einigen Jahren mit Verve das Terrain der Einsprüche von Links und der neuen sozialen Bewegungen sondiert.
Weshalb auch Paris, da nimmt Hazan kein Blatt vor den Mund, für ihn immer noch ist, wofür es in seinen Augen seit mehr als zweihundert Jahren gelten muss: Das "große Schlachtfeld eines französischen Bürgerkriegs zwischen Aristokraten und Sansculotten" - wie immer die Namen lauten, die man heute für die Lager findet. Das ist eine klare Frontlinie und ihr entspricht Hazans Beschwörung eines kommenden Aufstands, mit dem die Nachfahren der Sansculotten sich ihr Paris zurückerobern werden.
Zum Teil steckt dahinter - insbesondere dann, wenn gleich brennende Unterpräfekturen in den Vorstädten in Aussicht gestellt werden - französische Revolutionsfolklore eher einfacher Machart. Aber das nimmt Hazans zornigen Kommentaren zur aktuellen Stadtentwicklung kaum etwas von ihrem Reiz. Nostalgiker eines früheren Paris gibt es schließlich genug.
Bei Hazan hingegen, dem man über die Geschichte dieser Stadt nichts erzählen muss, prägt ein politischer Impetus die Stadtwahrnehmung. Wer nach etwas zu langem Aufenthalt im Zentrum von Paris beim Gang zum Bahnhof im Norden ein leichtes Aufatmen in sich verspürt (aber wie lange noch?), sollte für diesen mit der Geschichte seiner Stadt verwachsenen Autor etwas übrighaben.