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Spiel's noch einmal

 ·  Eugen Drewermann spricht das vierte Evangelium vom Band

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Was hat Rumpelstilzchen mit der Hochzeit von Kana zu tun? Daß Flachs in Gold und Wasser in Wein verwandelt wird, ist als dieselbe Wahrheit zu denken. Denn man muß die Dinge nur vertrauensvoll ansehen, dann verwandeln sie sich. Und ganz gewiß ist Rumpelstilzchen als Gnom nur ein "abgespaltener Teil" des armen Mädchens, dessen Kind geopfert wird. Solches und daß das Johannes-Evangelium dem Buddhismus (was auch immer das sei) näher stehe als der Kirche, vernimmt man aus einer gerade ausgelieferten Publikation des Hauses Patmos.

Von den heutigen Anfangssemestern in der Theologie weiß kaum einer noch mit dem Namen Eugen Drewermann etwas anzufangen. Die Streitigkeiten der achtziger Jahre sind längst Provinzgeschichte geworden. Daran werden auch die rund zehn Jahre alten, jetzt gedruckten Auslassungen dieses Theologen zum Evangelium des Johannes kaum etwas ändern. In zwei Bänden werden auf fast 900 Seiten vom Tonband abgeschriebene, frei gehaltene Meditationen aus Wortgottesdiensten zugänglich gemacht. Wirklich geändert hat sich gegenüber den früheren Büchern dieses Autors eigentlich nichts. Im Gegenteil - der Stand der Forschung, auf den sich der Paderborner Gelehrte bezieht, entspricht im wesentlichen dem von 1941. Denn wie damals Rudolf Bultmann geht Drewermann davon aus, das vierte Evangelium habe einen gnostischen Hintergrund. Die Art, in der er dieses Milieu und diesen Adressatenkreis beschreibt, erinnert fast im Wortlaut an die Darstellung der Gnosis von Hans Jonas aus dem Jahre 1934. Auch die in der Gegenwart durchweg abgelehnte These von der "Zeichen"-Quelle, der der Evangelist seine Wunderberichte verdanke, stammt aus Bultmanns Arsenal und wird hier so repetiert, als hätte sie niemand kritisiert. Einfach falsch ist die These, Jesus hätte nie getauft (gegen Joh 3,22). Der ideologische Hintergrund bei Drewermann: Jesus hätte sich nie an einen Ritus binden können. Denn es gilt: Ritus? Nein danke!

Nun kann Veraltetes ja trotzdem wahr sein, aber daß das Evangelium nach Johannes auch in seiner Position - und nicht nur hinsichtlich seiner Gegner - ganz wesentlich vom Judentum her zu verstehen ist, wie man seit den Funden von Qumran (1947) weiß, wird Drewermann wohl aus mehr als einem Grund sehr unsympathisch sein. Denn für Drewermann ist der Ausdruck "Juden" im vierten Evangelium Chiffre für ein anmaßendes Gottesbesitzertum. Gewiß will Drewermann nicht rassistisch, auch nicht antisemitisch sein, das stellt er glücklicherweise klar. Doch die Assoziationen, die er mit dem Ausdruck "Juden" oder "Gesetz" verbindet und aus dem vierten Evangelium herausliest, sind abenteuerlich bis katastrophal zu nennen. Denn das Gesetz ist immer nur das Enge, Verurteilende, Lebensfeindliche, das Strafende und Anklagende. Im Gesetz geht es immer nur um das "Du mußt!", und das Gesetz wird gemeinsam mit der Welt in gnostischer Sicht perhorresziert: Beide zusammen sind das Räderwerk der gesetzmäßig geordneten Welt. Hat Drewermann nie bemerkt, daß die Tora eben nicht ein Strafgesetzbuch ist, sondern daß man das Wort Tora schon seit Jahrzehnten viel angemessener als "Weisung" übersetzt, daß es etwas ist, das in der gesamten neueren Forschung eher als Lebensweisheit und eben nicht als die "Straßenverkehrsordnung der Moral" bezeichnet wird?

Oder auch so: Der Altmeister der protestantischen Kirchengeschichtsschreibung, Adolf von Harnack (gestorben 1930), hatte die Gestalt des Ketzers Markion zu Beginn des zweiten christlichen Jahrhunderts wiederentdeckt und mit großer Sympathie beschrieben. Markion lehrte den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Gott der Schöpfung, des Gesetzes und des Judentums und dem christlichen Gott der reinen Liebe. Auch Harnack war nicht gerade Antisemit, aber er hat theologisch das Alte Testament abschaffen und das Neue Testament von allem Jüdischen reinigen wollen. Drewermann ist, falls das nicht schon zuviel Ehre bedeutet, ein Markionit reinsten Wassers. Die Kirche hat sich die Bekämpfung dieser fatalen Irrtümer seinerzeit in jedem Sinne des Wortes viel kosten lassen.

Man kann fragen, woher Drewermann diese Positionen gewinnt. Die Antwort ist wie gehabt: Die Psychologie nach dem Entwurf von C. G. Jung ist das, woran der Paderborner im Vollsinne glaubt. Sie ist der alleinige Maßstab zur Beurteilung von Bibel, Judentum und katholischer Kirche. Diese Psychologie ist in der Art, in der Drewermann sie aufnimmt, die Mutter einer Reihe von sehr eigenwilligen Dogmen: Das zentrale Dogma ist eine Angstfreiheit, das zweite Dogma ist, daß ein Mensch nie von außen her, sondern nur aus seinem Inneren her geformt werden könne.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2003, Nr. 271 / Seite 43
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