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Soll man ihm diese Geschichte abkaufen?

10.10.2008 ·  Etwas mehr Diskretion, bitte: Robert Kurson erzählt, wie ein Blinder wieder sehend wurde

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Die zur Leitwissenschaft erklärten Gebiete der Hirn- und Stammzellforschung ermöglichen vormals nicht vorstellbare Einsichten. Die Konsequenzen werden meist nicht mitbedacht. Da gilt der Satz: Wir übernehmen keine Haftung. Die körperlichen und psychologischen Folgen trägt der Patient. Einen Blinden sehend machen, das klingt nach dem medizinischen Fortschritt schlechthin. Der Blinde aber lernt mit seinen anderen Sinnen zu "sehen". Wie kommt nun ein Mensch damit zurecht, wenn man ihm die bisherige Basis seiner Wahrnehmung entzieht?

Robert Kurson erzählt den Fall von Michael May, der bei einem Unfall im Alter von drei Jahren sein Augenlicht verloren hat. Der Versehrte passt sich den neuen Umständen an und kann, auch im Wissen um den erlittenen Verlust, sein Leben mit Abstrichen normal weiterführen. Statt ihn zu bemitleiden oder gegenüber seinen Geschwistern zu bevorzugen, setzt die Mutter des kleinen Michael auf Gleichbehandlung und Integration: Er lernt Rad- und Skifahren, indem er sich an den Geräuschen der Straße oder an den Zurufen seines Vorfahrers orientiert; er geht auf eine normale Schule, besucht das College, ergreift einen Beruf und gründet eine Familie. Michael führt ein geregeltes und, wie er sagt, erfülltes, ja "großartiges" Leben. Aus dem, wie es schien, hoffnungslosen Fall eines schwerstverletzten Dreijährigen ist ein Erwachsener geworden, "der genau das war, was er sein wollte".

Eines Tages jedoch erfährt Michael von der Möglichkeit, ihn operativ von seiner Blindheit zu heilen. Die Heilung eines Blinden gilt seit jeher als Wunder, dem mit großer Skepsis oder Ehrfurcht begegnet wird. Bevor Jesus einen Blindgeborenen heilt, indem er eine Mischung aus Spucke und Lehm auf die Lider streicht, sagt er zu seinen Jüngern, an diesem Blinden "sollen die Werke Gottes offenbar werden" (Joh. 9, 3). Die Aussicht auf ein Wunder tut ihre Wirkung. Michael kann nicht mehr die Augen davor verschließen, eines Tages doch wieder sehen zu können.

Schließlich vereinbart er einen Operationstermin: Die milchig-weiße Schicht auf der Hornhaut, die beim Blinden verhindert, dass das Licht ins Augeninnere gelangt, wird abgekratzt, auf die gesäuberte Hornhaut trägt der Arzt Spender-Stammzellen auf. Diese bereiten nun den Boden dafür, dass körpereigene Tochterzellen die Hornhaut von Verschmutzungen rein halten. Erst dann kann die Hornhaut eines Zweitspenders auf das regenerierte Auge gesetzt werden. Schon am Tag nach der Transplantation nimmt der Arzt Michael den Verband ab. Er kann sehen. Wie in einem Comic heißt es dazu: "Wumm! Wusch! Oohhhhhhhhhhhhh!"

Man könnte es begrüßen, dass Robert Kurson sich bemüht, so anschaulich zu schreiben. Diese Stelle, die einen Höhepunkt des Buches beschreibt, ist leider nicht die einzige, bei der Kurson der Spagat zwischen wissenschaftlichem Sachbuch und leicht daherkommender Erzählung gründlich misslingt. Es ist aber gar nicht die angestrengt locker, flockig erzählte Lebens-, Liebes- und Erfolgsgeschichte, die dem wissenschaftlichen Anspruch der sachorientierten Kapitel zu Augen- und Hirnforschung zuwiderläuft, sondern die unter diesen Umständen erwartete, aber weitgehend fehlende Leidensgeschichte des Protagonisten. So wie Kurson ihn darstellt, muss man Michael fast penetrant optimistisch nennen, weshalb man immer wieder hadert, ihm diese Geschichte abzukaufen.

Zwar deutet Kurson mehrmals an, dass andere Blinde, die wieder sehen lernten, darüber keineswegs froh, sondern geradezu depressiv wurden. Es kann, so meint man, nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der positiv denkende Michael an der "kognitiven Schwerstarbeit" des Sehenlernens verzweifelt. Auch nach dem Eingriff ist er weit entfernt davon, wie ein Gesunder zu sehen. Die Operation lässt ihn gesichtsblind zurück, das heißt, die Gesichter seiner eigenen Familie kann er bestenfalls in Schemen erahnen.

Untersuchungen an der Universität San Diego, denen sich Michael schließlich zur Verfügung stellt, offenbaren die Ursache seiner weiterhin bestehenden Behinderung. Sein Problem ist nicht die mentale Überforderung durch den neu oder rückerlangten Sinn. Ein Hirnscan zeigt, dass bestimmte Areale in Michaels Gehirn nicht oder nur unzulänglich auf visuelle Reize reagieren. Als die anderen Sinne die Aufgaben der geschädigten Augen übernahmen, sind wesentliche Entwicklungsprozesse zum Stillstand gekommen, die nun nicht mehr nachzuholen sind. Die wissenschaftliche Begründung, so könnte man meinen, ersetzt die psychologische Auseinandersetzung.

Kurson (ehemaliger Reporter der "Chicago Sun-Times" und inzwischen des "Esquire" und des "Rolling Stone") hat einen Riecher für den Zeitgeist - eine von der Zuversicht des Protagonisten getragene Erfolgsgeschichte, verknüpft mit den neuesten Erkenntnissen der Stammzellen- und Hirnforschung, wird ihre Abnehmer finden. Gewiß auch hierzulande, wo das Buch in diesen Tagen erscheint. Bei all der Aufklärung, die Michael aufgrund der medizinisch-technischen Möglichkeiten erfährt, bleibt das eigentümlich Dialektische dieses Vorgangs unterbelichtet. Ist die Heilung erst einmal in Aussicht gestellt, gibt es kein Zurück mehr. Ist die Hornhaut verpflanzt, ist der Weg frei für den Blick, aber ausschließlich für den nach vorne, Scheuklappen inklusive. Dem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang kann sich Michael nicht mehr entziehen, mehr volens als nolens ist er zum "Crash-Test-Dummy" der Möglichkeiten geworden, offensichtlich auch zu denen einer publizistischen Ausschlachtung.

FRIEDERIKE REENTS

Robert Kurson: "Der Blinde, der wieder sehen lernte". Eine wahre Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Enderwitz. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008. 368 S., Abb., geb., 23,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2008, Nr. 237 / Seite 41
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