http://www.faz.net/-gr3-10g9x

: So gehen Sie der Selbsttäuschung aus dem Weg

  • Aktualisiert am

Der Philosoph und ehemalige Wertpapierhändler Nassim Taleb musste innerlich laut lachen, als er kurz vor Einführung des Euro eine grausame Ironie entdeckte: Den alten 10-Mark-Schein zierte ein Porträt des Mathematikers Carl Friedrich Gauß neben einer sogenannten Glockenkurve, die seinen Namen trägt.

          Der Philosoph und ehemalige Wertpapierhändler Nassim Taleb musste innerlich laut lachen, als er kurz vor Einführung des Euro eine grausame Ironie entdeckte: Den alten 10-Mark-Schein zierte ein Porträt des Mathematikers Carl Friedrich Gauß neben einer sogenannten Glockenkurve, die seinen Namen trägt. Sie symbolisiert berechenbares, gezähmtes Risiko. Sie beschreibt die "Normalverteilung" von Ereignissen, beispielsweise die Häufigkeit von Personen von einem bestimmten Intelligenzquotienten, von Serien bei Würfelwürfen oder Schwankungen des Devisenkurses. Je mehr man sich vom Durchschnitt entfernt, desto unwahrscheinlicher wird ein Ereignis - und zwar je weiter, desto schneller.

          Dass Währungen jedoch nicht nur Kursschwankungen unterliegen, sondern zusammenbrechen, ist in der Welt "normalverteilter" Risiken nicht vorgesehen. Genau das aber war den Deutschen gleich mehrmals kurz aufeinander widerfahren. Katastrophal war bereits die durch den Ersten Weltkrieg bewirkte Inflation. Dann vernichtete die Hyperinflation der zwanziger Jahre nicht nur Ersparnisse, sondern auch Immobilienvermögen. Schließlich wiederholte sich das Spiel durch die Inflationsspirale, die die Nationalsozialisten durch Rüstung, Kriegswirtschaft und Raubkrieg in Gang setzten. Zur Kapitalvernichtung kam diesmal noch die (nicht zuletzt zur Bekämpfung der Inflation dienende) Enteignung und Ermordung der europäischen Juden hinzu. Diese sich selbst verstärkende Tragödie lief mit einer Dynamik ihrem unausweichlichem Ende zu, die jenseits aller Vorstellungen historischer "Normalität" und statistisch beschreibbaren "Abweichungen" vom Normalen liegt. Gauß macht eine freundliche Miene zu einem bösen Spiel.

          Es gibt demnach zwei Reiche des Zufalls, in denen verschiedene Arten von "Risiko" lauern: In "Mediokristan" herrscht das gezähmte, "milde" Risiko, das beispielsweise ein Würfelspieler oder eine Haftpflichtversicherung trägt; in "Extremistan" schlummert das "wilde" Risiko, das in den gänzlich unvorhersehbaren, selbstverstärkenden Wirkungen komplexer, dynamischer Systeme schlummert. Der philosophische Skandal liegt darin, dass wir diese beiden Reiche gern verwechseln. Taleb sucht nach den Verantwortlichen dieses Skandals. Er findet die Schuld bei "Experten" im Allgemeinen und Statistikern, Bankern, Journalisten, Nobelpreiskomitees und Philosophen im Besonderen. All diese Betrüger sind natürlich auch die Opfer ihrer selbst. Denn ihre fatale, uns in falsche Sicherheit wiegende Expertise beruht auf kognitiven Defekten, die wir alle teilen.

          Wir neigen dazu, vergangene Ereignisse in die Zukunft fortzuschreiben und falsche Verallgemeinerungen zu machen. Dieses Problem der sogenannten Induktion macht Taleb mit dem titelgebenden Tiervergleich anschaulich. Wir begegnen stets weißen Schwänen. Das Erscheinen eines schwarzen Schwans kann uns aus der Fassung bringen, wenn wir aus unserer Erfahrung den Schluss gezogen haben, dass alle Schwäne weiß zu sein hätten. Unsere umlagefinanzierte Sozialversicherung war eine Antwort auf drei staatlich verursachte Inflationen. Sie hat in den vergangenen fünfzig Jahren regelmäßig Renten ausgezahlt: Also ist bewiesen, dass der Staat uns nicht ein viertes Mal enteignet. Fatalerweise neigen wir dazu, nur die Bestätigungen für unsere Verallgemeinerungen zu sehen, während wir die Warnsignale lieber ausblenden. Doch wer wettet im Ernst darauf, dass im Schafsfell des Sozialstaats nicht mehr die rücksichtslose Bestie steckt?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.