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Veröffentlicht: 26.07.2017, 11:30 Uhr

Sloterdijks „Nach Gott“ Jetzt wird die Seele säkularisiert

Die Ordnungsmacht Gott ist tot, Computer steigern künftig die menschliche Selbstentfaltung: Peter Sloterdijk verhebt sich als theologischer Aufklärer.

von Friedrich Wilhelm Graf
© San Francisco Chronicle / Polari Hier hat die Religion als Subsystem für Modernisierungsopfer und Ewiggestrige schon ausgedient: In dieser ehemaligen Kirche in San Francisco drehen jetzt Rollschuhläufer bei Discoabenden ihre Bahnen.

Pünktlich zu seinem siebzigsten Geburtstag hat Peter Sloterdijk einige schon veröffentlichte Texte und zwei neuere Vorträge zu einem Buch über die Krise der Religion in der Moderne zusammengestellt. In großen Worten kündigt der Verlag eine „theologische Aufklärung über die Theologie“ an, „von der Zeit der Götterherrschaft über jene, in der der Welterschaffungsgott regierte, bis zu den Träumereien über das gottähnliche Vermögen der künstlichen Intelligenz“. Auch ist von einer „sich selbst aufklärenden Theologie“ die Rede, „durchgeführt von einem Nichttheologen“. Nicht nur soll „der Tod Gottes“ auf Zeiten lange vor Nietzsche vordatiert werden. Vielmehr will Sloterdijk auch dringend gebotene „Korrekturen an allen Weltbildern“ vornehmen. Ernsthaft bezeichnet er seine „theologische Aufklärung“ als „eine schicksalhafte Aufgabe“. Das weckt starke Erwartungen. Sie werden weithin enttäuscht.

„Gott“ ist ein höchst gefährliches Wort. Es kann in allen möglichen Kontexten verwendet werden und ist gegen vielfältigen Missbrauch wie insbesondere politische Indienstnahme nicht geschützt. Theologische Aufklärung muss deshalb die vielen unterschiedlichen Arten des Redens von Gott analysieren. Sie muss zeigen, wie Menschen sich ihre Götter machen und welche Funktionen sie diesen „höheren Mächten“ zuweisen. Oft ist „Gott“ nur eine gigantische Projektionsfläche für egozentrische Wünsche oder diffuse Sehnsucht nach bergender Gewissheit.

Götter erzeugen Transzendenzstress

Auch Sloterdijk sieht in „Gott“ primär eine Ordnungsmacht. Mit großer Wortgewalt verweist er auf die hohe Ambivalenz der alten jüdischen wie christlichen Vorstellung der „Allmacht Gottes“. Zu Recht kritisiert er überkommene metaphysische Konzepte der Eigenschaften des „Absoluten“. Überhaupt habe die Vorstellung vom einen Gott nur viel Unglück in die Weltgeschichte gebracht. Doch mit den vielen Göttern der Griechen und der Germanen sei es uns Europäern nicht anders gegangen. Götter erzeugen einfach Transzendenzstress und nerven mit allen möglichen moralischen Forderungen. Wir sollen den Philosophen deshalb dafür dankbar sein, dass sie uns endlich die Einsicht in die „Verbrauchtheit der alten Götter-Garnitur“ geschenkt haben.

Sloterdijks Aufklärung will Licht ins mittelalterlich Dunkle bringen, betrügerische Priester entlarven, papale Despoten ihrer Klerikalmacht berauben und überhaupt das Christentum als die vom neurotischen Konvertiten Paulus gestiftete „Weltreligion des schlechten Gewissens“ erweisen, die den „Export von Schuld und den Großhandel mit ihrer Verzeihung“ zum erfolgreichsten Sinnprodukt auf dem spätantiken Glaubensmarkt gemacht habe.

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Zur „Summe der Unwahrscheinlichkeiten, die sich Christentum nennen“, fällt Sloterdijk allerdings nichts wirklich Originelles ein. In Sachen Christentumskritik argumentierten die theologischen Aufklärer des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ungleich prägnanter, begriffsschärfer als der Karlsruher Zeitgeistdeuter, der im Wust seiner unterhaltsamen Assoziationen oft den roten Faden zu verlieren droht. Dass das Neue Testament über Jesus von Nazareth nur viele „Konfabulationen“ bietet, ist keine neue Erkenntnis. Doch gerade Jesu „Hass“ auf seine leibliche Mutter und seine Brüder als „Realitätsrest im Strom der evangelischen Fiktionsarbeit“ anzusehen ist blanke Behauptung. Man sehnt sich nach der Klarheit eines David Friedrich Strauß, der den mythischen Charakter der Evangelien schon 1835 deutlich radikaler und quellenkundiger gezeigt hatte als Sloterdijk in seinem Geraune über die Kreuzigung auf Golgatha als „Mutter aller Umdeutungen“.

Das schwebende In-etwas-Sein des kampflosen Gehirns

Kluge Religionskritik hat ein Problem: Sie muss erklären können, weshalb es trotz aller wissenschaftlichen Rationalität und aufgeklärten Skepsis noch immer sehr viele gottgläubige Menschen gibt. Religion in der Moderne deutet Sloterdijk als ein zunehmend marginales gesellschaftliches Subsystem, in dem sich vor allem ewiggestrige Modernisierungsopfer und sonstige Verlierer eingerichtet haben. Die Kirchen seien heute zu „Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche“ geworden und betreuten mehr oder minder gekonnt „informelle und private Manifestationen von Restreligiosität“. Aber nimmt man die „neuen Entschiedenen“ des zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts ernst genug, wenn man ihnen viel Lust an „ekklesiopathischen Verschrobenheiten“ attestiert?

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