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Sling (Paul Schlesinger): Der Mensch, der schießt : Die Zerstörungskraft dieser formidablen Maschine

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Bild: Lilienfeld

Paul Schlesinger alias Sling war einer der besten Gerichtsreporter der Weimarer Republik. Jetzt kann man seine Reportagen wiederentdecken - als große Seelenlesekunst.

          Das Schönste an den Gerichtsreportagen Paul Schlesingers sind ihre Einleitungssätze. Häufig sind sie von einer bezaubernden Leichtigkeit. Einen Betrüger führt Schlesinger beispielsweise so ein: „Das Schicksal schenkte ihm eine schlanke Gestalt, ein hübsches Gesicht mit zärtlichen grauen Augen, eine bewegliche Intelligenz und außerdem noch den herrlichen Namen Brokat. Das war zu viel auf einmal und musste schiefgehen.“ Über den Täter einer Urkundenfälschung schreibt er: „Vor dem Berufungsrichter stand ein 45-jähriger Postassistent, ein kleiner, unansehnlicher Mann, schüchtern, dürftig, sorgenbeladen. Er hatte sein bescheidenes Leben als Beamter und Familienvater vorwurfsfrei geführt, bis zu dem Tage, da an seinem Schalterfenster der Kopf eines Mädchens erschien, das nicht ohne symbolische Tücke den Namen Frisch trug. Sie war Österreicherin. Die Liebe entbrannte in furchtbarem Ausmaß.“

          Selbst dem grimmigen Gebaren eines manischen Handschriftendiebes gewinnt Schlesinger eine freundliche Seite ab. „Nach eigener Angabe hat Hauck zum ersten Male bei einer Handschrift Gortschakows eine erotische Empfindung gehabt. Wenn man bedenkt, dass er seitdem Tausende von Briefen gekauft, gestohlen und verkauft hat, muss er eigentlich trotz seiner finsteren Maske ein ganz vergnügtes Innenleben geführt haben.“

          Kleistsche Sachlichkeit

          Bisweilen schwingt sich Schlesinger freilich auch zu Höhen von nahezu Kleistscher Sachlichkeit auf. „Unter den vielen sonderbaren Verbrechen, die unsere Zeit, will sagen, unsere Not, hervorgebracht hat, wird das des Kaufmanns Paul Hackbusch als eines der merkwürdigsten im Gedächtnis haften bleiben.“ Wo aber die Empörung mit ihm durchgeht, etwa weil ein lächerlich geringes Vergehen mit einer existenzvernichtenden Sanktion belegt wird, verwandelt sich Schlesingers Stift unversehens in ein literarisches Fallbeil. „Ein Polizeileutnant ging vorüber, ein Richter entschied, ein Generalstaatsanwalt legte Revision ein, ein Kammergerichtssenat dachte nach, eine Familie geht zugrunde.“

          Schlesinger, der unter dem Kürzel „Sling“ publizierte, war einer der bekanntesten Gerichtsreporter der Weimarer Republik. Von 1921 bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1928 veröffentlichte er in der „Vossischen Zeitung“ Hunderte von Artikeln, deren schönste Axel von Ernst zu einem höchst lesenswerten Band zusammengestellt hat. In seinem Vorwort rühmt der Herausgeber Schlesinger als stilprägend, und dies ist keine Übertreibung. Während die herkömmliche Gerichtsberichterstattung sich weitgehend auf die Wiedergabe des Prozessgeschehens beschränkt hatte, allenfalls angereichert um gelegentliche moralisierende Gemeinplätze, bekannte sich Schlesinger mit geradezu provozierender Offenheit zu einer radikal subjektiven Herangehensweise. „Auf mein seelisches Erleben kommt es an. Eine Objektivität gibt es nicht. Weder in der Wissenschaft noch am Richtertisch.“ 

          Oben thronen die Halbgötter in Schwarz

          Nicht der Frage „Hat der Angeklagte es getan?“ galt deshalb Schlesingers Hauptinteresse, sondern den seelischen Beweggründen der Prozessbeteiligten. „Das aufgenommene Bild erzeugt in mir Trauer, Empörung, Furcht, Mitleid, Verachtung, Heiterkeit, Spottlust, Liebe und Hass. Dann versuche ich, mein Gefühl nachzuschaffen, es dem Leser kenntlich zu machen.“

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