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Sigmund Freud/Martha Bernays „Die Brautbriefe. Band 2“ : Am Traunsee flog ihm der Weltenplunder an den Kopf

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Bild: Verlag

Schlaflos mit Flaubert: Der zweite Band der Brautbriefe von Sigmund Freud und Martha Bernays zeigt schon einige Neigungen des späteren Begründers der Psychoanalyse.

          Während ihrer Brautzeit tauschten Sigmund Freud und seine Verlobte Martha Bernays in den Jahren 1882 und 1886 mehr als 1500 Briefe aus. Wie bereits der erste Band gezeigt hat, bedeutet allein die schiere Menge dieses Konvoluts, das seit 2011 in einer auf fünf Bände angelegten Edition erscheint (F.A.Z. vom 11. April 2011), eine große Herausforderung für das Herausgeberteam, das mit dem Tod des Medizinhistorikers und Freud-Forschers Gerhard Fichtner vor zwei Jahren einen großen Verlust zu verzeichnen hat. Es mag kein Zufall sein, dass sich in den nun vorliegenden zweiten Band auch kleinere Ungereimtheiten oder Fehler eingeschlichen haben (wie etwa die Verwechslung von Personen oder Briefen).

          Der Kommentar ist nach wie vor weitgehend nicht interpretierend, sondern eher sachlich, geradezu karg gehalten, was allerdings dem an Freud und der Psychoanalyse generell interessierten Leser den Zugang nicht erleichtert. Erfreulicherweise ist der zweite Band, der das zweite Halbjahr 1883 umfasst, weniger als der erste von der immer wieder aufflammenden Eifersucht Freuds geprägt. Mit der räumlichen Distanz zwischen der in Wandsbek bei Hamburg lebenden Martha Bernays und dem in Wien arbeitenden jungen Arzt gewinnen die Verlobten nun einen weiteren Spielraum für Reflexionen, und so erscheint ihnen ihre eigene Korrespondenz bezeichnenderweise bereits als ein „Roman in Fortsetzungen“, doch „ leider nur interessant für die beiden Autoren“, wie Martha ironisch hinzufügt.

          Maximen mit Cervantes

          Diese Formulierung ist für den Titel des Bandes durchaus treffend gewählt, der zahlreiche Diskussionen literarischer Werke enthält und somit oft Züge eines Privatfeuilletons annimmt. Denn Freud versorgt sein in der Ferne weilendes „Prinzeßchen“ trotz seines geringen Einkommens reichlich mit Literatur, nicht nur mit ihren Lieblingsautoren Charles Dickens oder Gustav Freytag, sondern auch mit Cervantes’ „Don Quijote“, und schickt ihr sogar Thomas Huxleys „Allgemeine Einführung in die Naturwissenschaften“. Während Martha Letztere gänzlich unkommentiert lässt, findet sie wenig Geschmack an Cervantes.

          „Glaubst Du nicht“, hält Freud ihr entgegen, „daß man mit Rührung lesen muss, wie sich ein großer, selbst idealer Kopf über das Ideal lustig macht? Ehe wir so glücklich waren, in unserer Liebe etwas vom Wahrhaften zu erfassen, waren wir alle solche edle Ritter, die in ihrem Traum befangen durch die Welt gingen, das Einfache umdeuteten, das Gemeine wie uns selbst ins Edle und Ungewöhnliche vergrößerten und dabei eine traurige Figur machten.“ Doch räumt Freud ein, dass derartige Anknüpfungspunkte zur Identifikation mit dem Ritter von der traurigen Gestalt „für Euch Mädchen fehlen“ - ein früher Hinweis auf den geschlechtsspezifischen Einschlag seiner Literaturpsychologie.

          Naives zu Flaubert

          Auch die erstmalige Begegnung mit Flaubert, auf den ihn sein Freund und Gönner Josef Breuer aufmerksam macht, ist im Briefwechsel ausführlich vermerkt. Schlaflos liest Freud in dessen Gmundener Villa die „Versuchung des heiligen Antonius“, ein Buch, das „in gedrängtester Weise, in unübertrefflicher Plastik einem den ganzen Weltenplunder geradezu an den Kopf wirft, und zwar nicht nur die großen Probleme der Erkenntnis, sondern die echten Rätsel des Lebens, allen Widerstreit der Gefühle und Neigungen wachruft und das Bewußtsein der eignen Ratlosigkeit in der allgemeinen Rätselhaftigkeit über alles herrschend etabliert“.

          Die Beschreibung der „Plastik der Halluzination“ hat ihr Pendant nicht umsonst in der Klinik: „Man versteht es besser, wenn man weiß, daß Flaubert Epileptiker war und selber halluzinierte.“ Martha hingegen entlockt Freuds fiebrige Schilderung des „wunderlichen, furchtbaren, großartigen Buches“ nur die bange Frage, ob Breuers Frau etwa derartige Bücher mit ihrem Mann lese. Bald entdeckt jedoch auch der künftige Psychoanalytiker Spuren der Nervosität an sich selbst und verordnet sich Enthaltung: „Ich darf keine works of fiction mehr lesen, ich bin zu aufgewühlt.“

          Ein nervöser Nervenarzt

          Über solche Hinweise zur engen Verschränkung von Literatur und Klinik hinaus beinhalten die Briefe noch viele weitere Einblicke in die Vorgeschichte der Psychoanalyse. Die beständige Nähe zu den „Narren“ in Meynerts psychiatrischer Klinik und die intensive emotionale Anteilnahme, die Freud auch bei der Behandlung seiner ersten durch Breuer vermittelten Privatpatienten verspürt, sind ihm Aufforderung zur strengen Selbstbeobachtung und Gefühlskontrolle. Die Gefahren, denen sich der Arzt bei der Behandlung von Nervenkrankheiten aussetzt, kommentiert Freud in mehreren Briefen ausführlich am Fall von Breuers Patientin Bertha Pappenheim, die später als Fall „Anna O.“ in den „Studien über Hysterie“ Berühmtheit erlangen sollte.

          Als er Martha unter Auflage strengster Verschwiegenheit mitteilt, dass Breuer die Behandlung abbricht, weil seine glückliche Ehe darüber „aus dem Leim zu gehen“ droht, bereitet er der Verlobten eine schlaflose Nacht. Freud seinerseits reagiert darauf in Träumen, von denen er Martha berichtet: „Du bist immer eine andere Person, vorgestern warst Du eine Tochter von Breuer, Details habe ich vergessen, gestern eine Tochter von Onkel Hermann, der ein alter zittriger Trinker war usw. Nicht wahr, das ist nicht Untreue, sondern Unsinn?“

          Gedeutet im Sinne der späteren Lehren der Traumdeutung werden Träume hier noch nicht, allenfalls werden sie nach dem Muster der antiken Traumbücher in prophetischer Weise ausgelegt. Die fremdartigen Landschaften, die Freuds Reisen anzukündigen scheinen, führen ihn denn auch nicht, wie in seiner später unternommenen Selbstanalyse, nach Rom, sondern zunächst an die Elbe. Zur berühmten Theorie, dass der Traum als eine Wunscherfüllung zu gelten hat, waren noch einige weitere Umwege nötig.

          Sigmund Freud und Martha Bernays: „Unser Roman in Fortsetzungen“. Die Brautbriefe. Band 2. Hrsg. von Gerhard Fichtner u.a. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 616 S., geb., 48,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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