17.03.2010 · Hunde kläffen, Tritte schallen, Stimmen rumoren. Sieglinde Geisel schreibt über ein zermürbendes Phänomen, das uns die Fassung raubt: Lärm.
Von Helmut MayerAuch Stoiker kommen an ihre Grenzen. Zumal dann, wenn sie es darauf anlegen. So wie Seneca es tat, als er sich über einem öffentlichen Bad einmietete. Dünne Wände nur trennten ihn dort vom ächzend turnenden, klatschend massierten, wasserrauschenden, streitenden, musizierenden, ballspielenden Leben. Lärmende Ablenkung eben vom Inneren, dessen Ruhe der Stoiker trotzdem zu bewahren hatte. Nach der Maxime: Sind nur die Leidenschaften der Seele kalmiert, was soll der Lärm draußen ihr anhaben.
Aber solche zu Sentenzen gemünzte Abhärtung fiel selbst dem stoischen Hardliner schwer. Und er machte interessante Erfahrungen dabei: Straßengetöse, Geräusche der Handwerker, das Geplätscher oder selbst ein Musiker ließen sich mit etwas Übung noch ertragen. Wenn aber die menschliche Stimme ins Spiel kam, wenn der Haarzupfer seine Dienste anpries oder die Ballschläger ihre Punkte zu zählen begannen, dann war es mit der Fassung bald vorbei. Bloßes Geräusch mochte sich bannen lassen, aber gegen den mit Worten verknüpften Lärm half nur Abreise oder Wachs in den Ohren.
Der Mensch macht Lärm
Womit Seneca allerdings das Phänomen des enervierenden Lärms doch nur halb traf. Denn dessen Verknüpfung mit Lebenszeichen unserer Mitmenschen beginnt nicht erst mit Stimme und Rede. Das durch die Wände sickernde Fernsehgeräusch, das Dröhnen eines Laubbläsers, der Beat aus dem Walkman des Nebenmanns: Immer schon sind wir damit unfreiwillig ins Leben der anderen getaucht, und gerade das zieht den Nerv.
Es ist ein großer Vorzug von Sieglinde Geisels Büchlein, diesen sozialen Charakter des Lärms klar herauszustellen. Denn der Lärm entsteht – einmal abgesehen von zur Not in Dezibel fassbaren Dauer- oder Spitzenbelastungen – tatsächlich im Kopf. Dabei kann er objektiv so leise sein, wie man nur will, und trotzdem zur Raserei bringen. So wie seine glückliche Entschärfung nicht in außen eingetretener Ruhe liegen muss, sondern sich auch einer beruhigenden neuen Einschätzung unserer lärmenden Mitmenschen und ihrer Absichten verdanken kann.
Was eben zeigt, dass Lärm mit Messwerten nicht zu fassen ist. In ihm klingt immer schon das Leben der anderen durch, ihr selbstverständlicher oder auch hartnäckig behaupteter Anspruch auf Präsenz, markiert im akustischen Raum. Und weil das Ohr sich nicht wegwenden und auch kaum verschließen lässt, ist Lärm sogar die bevorzugte Weise, diesen Anspruch zur Geltung zu bringen. Der Mensch ist das Tier, das Lärm macht. Und es braucht gar keine schwarze Anthropologie, um den erdrückenden Großteil seiner mitgehörten Wortmeldungen diesem Lärm zuzurechnen. Wer daran nur einen Augenblick zweifelt, denke an den mittlerweile eingerissenen Gebrauch von Mobiltelefonen im öffentlichen Raum. Dass der Mensch vernünftig sei, ist eine unumgängliche Unterstellung; dass er Lärm macht, eine schlichte Tatsache.
Die Antilärmbewegungen fruchten nicht
Die eingangs mit Seneca aufgeworfene Frage, was nun schlimmer sei, der wortreiche oder der wortlose Lärm, das neben uns hemmungslos geführte Telefongespräch mit Schnucki oder der einen ganzen Straßenzug beschallende Höllenlärm eines Laubbläsers, kann man dabei auf sich beruhen lassen: Beide Phänomene erhellen den erreichten zivilisatorischen Stand, der sich auch darin ausdrückt, dass die von ihnen hervorgerufenen Gewaltphantasien solche bleiben.
Obwohl nicht alle an solchen Phantasien leiden, zumal jene nicht, denen solche Lärmempfindlichkeit ein Rätsel ist und die nach dem Grundsatz verfahren: Was mich nicht stört, kann füglich keine Zumutung für andere sein. Womit auch berührt ist, was Sieglinde Geisel bündig als den „Lärm von unten“ beschreibt: Dass also die Zumutung häufig darin besteht, von Mitmenschen hörend in Mitleidenschaft gezogen zu werden, von denen man sich jede Annäherung verbitten würde. Aber angesichts der Lärmdurchdringung heutiger Lebensformen ist solche soziale Zurechnung gar nicht immer möglich. Wen wollte man zum Beispiel für die omnipräsente Hintergrundmusik haftbar machen? Es braucht offenbar den Rekurs auf eine tiefverwurzelte Neigung.
Wehalb denn auch die Bemühungen verschiedener Antilärmbewegungen, die die Autorin Revue passieren lässt, nichts fruchteten. Es gibt einen Aktionismus gegen „Lichtverschmutzung“, obwohl doch der Hörsinn viel eher Schutz verdiente – was Schopenhauer unübertroffen zum Ausdruck brachte, indem er die Hörnerven an einer „absolut letalen Stelle im Gehirn“ zusammentreffen ließ. Das ist hübsch phantasiert, aber noch rührender ist seine Ansicht, dass wir erst dann ganz zivilisiert sein würden, „wenn auch die Ohren nicht mehr vogelfrey“ seien.
Sie sind es aber mittlerweile erst recht, und also bleibt nur, wozu schon Seneca riet und Kafka griff: Ohropax. Wer immer aber ein näheres Verhältnis zu den so praktisch wie sinnig in zarte Watte gehüllten Wachspfröpfchen unterhält, sollte an dem elegant geschriebenen Buch von Sieglinde Geisel nicht vorübergehen – und es dann noch möglichst oft verschenken. Denn man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, und außerdem: Leute, die lesen, telefonieren zumindest nicht.