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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Sich verlieren

 ·  Ein Kartenwerk macht die antike Welt anschaulich

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Zum Glück kein Bilderbuch. Zum Glück kommt der bislang umfangreichste historische Atlas zur Alten Welt nicht als Multifunktionsgerät aus Karten, Graphiken, Bildchen und Glossentexten einher. Titel und Tradition werden auch insofern ernst genommen, als der Interessierte rein geographische und topographische Karten anderswo suchen muss, im alten "Kiepert" etwa oder im monumentalen "Barrington Atlas of the Greek and Roman World". Doch kann man dem neuen Werk mit seinen mehr als 170 farbigen Karten eine Zukunft als oft benutztes Referenzwerk vorhersagen, auch wegen der ausführlichen Erläuterungstexte, Quellenangaben und des Registers.

Die hier anschaulich gemachte antike Welt ist größer geworden. Der Alte Orient nimmt breiten Raum ein, und am anderen Ende der Zeitleiste steht das Byzantinische Reich bis zu seinem Ende. Sogar die Anfänge der arabischen Expansion erhalten eine Doppelseite. Aktuelle Akzente in der Forschung spiegeln sich in Karten, die Erkundung, Migration und Austausch abzubilden suchen; für den immer noch problematischen Schluss von Artefakten auf Kulturen ist die Kartographie nicht verantwortlich zu machen. Im Rahmen der römischen Geschichte ist den Regionen und Provinzen mit Recht große Aufmerksamkeit geschenkt. Warum aber wird das in einigen hethitischen Texten genannte Land Wilusa gleich mehrfach ohne Fragezeichen mit Ilios/Troja gleichgesetzt, obwohl das bestenfalls eine Hypothese sein kann? Hier wird eine strittige Ansicht mit dem Mittel der Karte zur Beinahe-Gewissheit erhoben. Doch was passiert, wenn der ganze "Ex oriente lux"-Tross demnächst von den Dardanellen ins rauhe Kilikien umziehen muss?

Insgesamt konservativer verfährt das Werk mit den klassischen Themen der griechischen und römischen Antike. Die Unübersichtlichkeit der griechischen Machtverhältnisse in den Jahrzehnten vor Alexander auf einer einzigen Karte abzubilden musste mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu einer unübersichtlichen Karte führen. Sehr zu begrüßen ist aber, wie ausführlich die politisch originellen griechischen Bundesstaaten behandelt werden. Was vermissen wir in diesem gründlich gearbeiteten Werk, das einlädt, sich in ihm zu verlieren? Vielleicht einige zusätzliche Stadtpläne über die üblichen Verdächtigen hinaus, um urbanistische Entwicklungen zu veranschaulichen.

UWE WALTER

Anna Maria Wittke, Eckart Olshausen, Richard Szydlak: "Historischer Atlas der antiken Welt". Herausgegeben von Hubert Cancik, Manfred Landfester und Helmut Schneider. Der Neue Pauly, Supplemente, Band 3. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar 2007. XIX, 308 S., 20 Tabellen, 130 Farb- u. 60 S/W-Karten, geb., 179,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2008, Nr. 5 / Seite 35
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