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Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes Treu in allen Ländern der Zerstreuung

Die Sehnsucht nach eigener Ethnizität: Shlomo Sands Buch "Die Erfindung des jüdischen Volkes" schwankt zwischen Wissenschaft und Pamphlet. Dabei übernimmt der Autor Thesen von anderen Forschern, ohne sie als solche zu kennzeichnen.

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Die Geschichte des jüdischen Volkes ist ebenso einzigartig wie lückenhaft. Die bis heute letztlich ungelöste Frage, was aus jenen „Urjuden“ wurde, die einst das Heilige Land bewohnten, ist mit einer weiteren Frage verwoben, auf die es in der Wissenschaft ebenfalls keine eindeutige Antwort gibt: Wessen Nachkommen sind all jene Diasporajuden, von denen sich viele im zwanzigsten Jahrhundert im britisch beherrschten Palästina und nach 1948 in Israel niedergelassen haben?

Akademisch trocken

Der Tel Aviver Historiker Shlomo Sand hat sich dieser Fragen nicht nur deshalb angenommen, weil er die Antworten des zionistischen Establishments in Israel für historisch falsch hält. Er lehnt sie ausdrücklich als Ergebnis einer gezielten Geschichtsklitterung ab, mit der der Anspruch sämtlicher Juden in der Welt auf Eretz Israel legitimiert werden solle. So ist in Israels Unabhängigkeitserklärung zu lesen: „Nachdem das (jüdische) Volk aus seinem Land gewaltsam ins Exil vertrieben worden war, blieb es sich treu in allen Ländern der Zerstreuung und hörte nicht auf, zu beten und zu hoffen, dass es in sein Land zurückkehren und in ihm seine staatliche Freiheit erneuern würde.“

Die Genese dieser Geschichtsauffassung, die von mehreren Vertreibungswellen ausgeht und die doch Sands Hauptangriffspunkt ist, wird in seiner Studie nur sehr umständlich rekonstruiert. Sie wird überhaupt erst im dritten Kapitel des Buches, beginnend wohlgemerkt mit der Seite 199, angegangen. Davor wird in trocken akademischer Manier in die Begrifflichkeit der Nationalismusforschung eingeführt sowie über die an sich längst aufgearbeitete Entstehung der modernen jüdischen Historiographie aufgeklärt, die zum Teil unter Verwendung rassischer Terminologie - ähnlich anderen Nationalhistorien der Zeit - eifrig an der „Erfindung der Nation“ arbeitete.

Konstruierte Erinnerung

Diesen seit etwa drei Jahrzehnten in der Geschichtswissenschaft gebräuchlichen Terminus für die Formulierung nationalhistorischer Narrative verwendet Sand allerdings in manipulativer Form. Er spricht nämlich vorzugsweise von der - so lautet auch der deutsche Haupttitel seines Werkes - „Erfindung des jüdischen Volkes“. Diese Formel impliziert doch eine etwas andere Bedeutung, eine Lesart, die wohl bei manch einem gut anzukommen scheint: Hierin liegt vermutlich einer der Gründe für den Erfolg des Buches, das hierzulande bereits seine vierte Auflage erlebt und vermutlich auch jene Leserkreise bedient, die in den Juden noch immer kein „richtiges“ Volk sehen wollen.

Aus dem von Sand beschriebenen „Erfindungsprozess“ erwuchs schließlich auch die frühe israelische Nationalhistoriographie, die bei der Darstellung der antiken Periode treu der biblischen Erzählung folgte. Das allein reichte jedoch nicht, um den Anspruch auf das Land zu zementieren. Es musste auch noch die Diasporageschichte mit der biblischen Epoche verquickt werden, um behaupten zu können, dass die Diasporajuden im Wesentlichen die biologischen Nachfahren der einstigen biblischen Hebräer seien - damit stünde ihnen das Recht zu, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Um diese Auslegung zu untermauern, griffen die ersten Historiker auf den Mythos von der Vertreibung der Bewohner Judäas durch die Römer zurück: „Das Metaparadigma der Exilierung“, schreibt Sand, „war notwendig, um eine weit zurückreichende Erinnerung zu konstruieren, in der ein vertriebenes Rassenvolk, das direkt auf das ,Bibelvolk' zurückging, installiert werden konnte.“

Mythos von der kollektiven Vertreibung

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Veröffentlicht: 20.01.2011, 12:28 Uhr