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Seyran Ates: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution : In der abgeschlossenen Tratschgesellschaft wird die Ehre schnell zum Problem

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Müssen gleiche Rechte für muslimische Frauen in Deutschland mit Gewalt durchgesetzt werden? Seyran Ates möchte weniger Multikulturalismus und mehr Einsatz für universelle Werte sehen.

          „Mein Mann macht mir das Leben zur Hölle.“ Wer mit offenen Augen und Ohren in einem von Türken, Arabern, Afghanen bewohnten Stadtteil lebt, wird bald Frauen mit blauen Flecken und Brandwunden zu sehen bekommen und Geschichten hören von rasend eifersüchtigen Männern, die jeden Blick ihrer Ehefrau, und Jungen, die jedes Gespräch ihrer Schwester kontrollieren. Naturgemäß seltener sind Berichte von Ehrenmorden. Auch Zwangsheiraten scheinen kaum noch vorzukommen. Im Gegenteil, oft sind es die Eltern, die sich einer zu frühen und dann wirklich unglücklichen Ehe zu widersetzen versuchen.

          Aber die Konzentration der Diskussion auf Ehrenmorde und Zwangsheiraten ist unglücklich, weil sie hinter dem seltenen Extrem die alltägliche Gewalt gegen Frauen und Kinder verschwinden lässt. Gewiss darf man die Geschichten nicht alle glauben. Aufgeklärte oder arrivierte Migranten wollen sich von ihren hinterwäldlerischen Nachbarn abgegrenzt sehen. Und unglückliche Ehefrauen erzählen Sachen, die sich hinterher als Erfindung herausstellen. Trotzdem sind Häufigkeit und Härte von Gewalt in den Familien immer wieder bedrückend, und es wäre ganz falsch, das verschweigen zu wollen.

          Überzogener Multikulturalismus

          Verschwiegen werde es von Deutschen, so meint Seyran Ates auch in ihrem neuen Buch, weil ein schlechtes Gewissen über die nationalsozialistische Vergangenheit einen überzogenen Multikulturalismus stütze. Und verschwiegen werde es von Migranten, weil sie ihr Nest - ob nun die Ehre der Familie, der zumal türkischen Nation oder des Islams - nicht beschmutzen wollen. Deshalb fordert die Autorin die Deutschen auf, sich offensiver zu den universalistischen Grundlagen ihrer eigenen Kultur zu bekennen, und die Migranten, sich nicht aus Minderwertigkeitskomplexen diesen Universalismen zu verweigern. Und es stimmt, es gibt die Xenophilie, die im Migranten nur das Opfer sieht, es gibt die Abwehrhaltung, sich immer gleich als Kollektiv angegriffen zu fühlen. Aber stimmt es, dass in dem Buch, wie es auf seiner Rückseite groß heißt, ein Tabu gebrochen wird?

          Vermutlich glaubt die Mehrheit der Deutschen, dass die Situation noch schlimmer als ohnehin ist. Die spektakulären Fälle, auf die auch Ates ihre Argumentation wesentlich stützt, wurden bis zum Überdruss diskutiert. Umgekehrt sind in den nationalen Filmproduktionen - Ates nennt Bollywood - Ehrenmord, Zwangsheirat, sogar Kindesmissbrauch geradezu Modethemen, wobei die Kurden für die Türken sind, was für uns die Türken. Nein, verschwiegen wird nicht, aber es gibt eine Verharmlosung durch Dramatisierung. Demgegenüber wäre es wichtig, die Phänomene zu zeigen und ihre Erklärung zu geben.

          Blütenlese und Anschauungsarmut

          Einleitend erzählt die Autorin bis zu einem gewissen Punkt ihre sexuelle Lebensgeschichte. Da lernt man, wie in normalen türkischen Haushalten das Leben von Verboten umstellt ist, für die es keine andere Begründung als ein prügelbewehrtes „Das gehört sich nicht“ gibt. Und man erfährt, welche abstrusen Vorstellungen zumal über die Promiskuität von Deutschen kursieren, vor der es dann natürlich Frauen und Kinder zu bewahren gilt. Das Buch wird schnell anschauungsarm. Stattdessen enthält es eine Blütenlese besonders frauenunfreundlicher Stellen vom Koran bis zu modernen islamischen Eheratgebern. Doch die vorherrschenden Lehren zu Jungfräulichkeit, ehelichen Pflichten, Ehebruch sind in der Ausrichtung so bekannt, dass Belegsammlungen rein gar nichts mehr erhellen.

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