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: Sein Leben in h-Moll

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Dietrich Fischer-Dieskau hat für seine Hugo-Wolf-Monographie die Meßlatte selber sehr hoch gelegt. Im Vorwort zu Kurt Honolkas Wolf-Buch (1988) hieß es: "Sich beschreibend auf Hugo Wolf einzulassen, birgt mancherlei Risiken in sich. Denn zu seiner Lebenszeit und mit seiner Lebensleistung sind wir ...

          Dietrich Fischer-Dieskau hat für seine Hugo-Wolf-Monographie die Meßlatte selber sehr hoch gelegt. Im Vorwort zu Kurt Honolkas Wolf-Buch (1988) hieß es: "Sich beschreibend auf Hugo Wolf einzulassen, birgt mancherlei Risiken in sich. Denn zu seiner Lebenszeit und mit seiner Lebensleistung sind wir längst aus jenem Raum vertrieben, in dem sich, Mozarts oder Schubert Verfahren ähnlich, Werk an Werk in sicherer Folge reihen konnte." Nun läßt sich durchaus rätseln, was "Mozarts oder Schuberts Verfahren" war, und ob sie wirklich "Werk an Werk in sicherer Folge reihen" konnten. Aber daß Wolf ein schwieriges, riskantes Thema ist, sei unbestritten.

          Fischer-Dieskau, zum Ende seiner Sängerkarriere mehr und mehr zum Buchautor geworden, hat sich nach Schubert, Schumann und Debussy nun zum hundertsten Todestag Hugo Wolfs auch diesem Komponisten zugewandt und aufs neue den Brückenschlag zwischen Empathie und Akribie versucht. Daß Fischer-Dieskau für die Wolf-Rezeption Eminentes geleistet hat, steht außer Frage. Gehörten Schubert, Schumann und Brahms schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts international zum Standard-Repertoire, so bedurfte es seiner - und Elisabeth Schwarzkopfs - Autorität, um reine Wolf-Programme auch in England, Frankreich und Amerika "durchzusetzen". Fischer-Dieskaus immense Vertrautheit mit Wolf und seine fast missionarische Begeisterungsfähigkeit tragen denn auch das Buch in nicht geringem Maße.

          Doch ähnlich wie bei Debussy möchte der Autor nicht im Subjektivismus verharren, sondern ein richtig "gediegenes" Werk vorlegen, künstlerisch spontane Einfühlung durch historiographische Objektivierung in schier exemplarische Abstraktion überhöhen. Dazu gehört auch die traditionell obligate Aufteilung in "Leben" und "Werk". Wobei Fischer-Dieskau immerhin so weit die Trennung aufhebt, daß sich das Werk auf die "großen Liedfolgen" beschränkt, während d-Moll-Quartett, die symphonische Dichtung "Penthesilea" und die Oper "Der Corregidor" in die biographische Darstellung verwoben werden.

          Dies erscheint sinnvoll, weil sowohl die autobiographisch-psychologisierenden als auch die lebenskatastrophischen Aspekte dieser drei Werke mehr von der empirischen Person des Komponisten verraten als die stärker objektivierten Lied-Zyklen. Aufschlußreich ist da Fischer-Dieskaus Anmerkung, der "Penthesilea"-Geschlechterkampf würde sublimer in den Mann-Frau-Antagonismen im "Spanischen" wie "Italienischen Liederbuch" fortgeführt. Wo der Autor sich auf ästhetische Fragen konzentriert, vermag er zu überzeugen.

          Heikler ist die chronologische Darstellung, bei der sich Fischer-Dieskau nicht wenig in der Detail-Auffädelung erschöpft. So beeindruckend wie auch ermüdend werden Lebensstationen und -umstände geschildert. Zwar kann er dabei erstmals auf den Nachlaß Walter Legges zurückgreifen, doch neuartige Erkenntnisse kann er ihm nicht abgewinnen. Und immer, wenn er triftigere Ansichten entwickeln könnte, führt ihn die Angst vor der eigenen Courage in die Sicherheit des Zettelkastens zurück.

          In der Beschreibung der großen Lied-Zyklen beeindruckt Fischer-Dieskaus enthusiastische Kennerschaft, die gleichwohl mittlere Distanz hält, kaum wirklich analytisch vorgeht, trotzdem seltsam im toten Winkel steckt: Warum er sich so für die Kritiker-Malträtierung in Mörikes "Abschied" erwärmen kann, bleibt unerfindlich. In Einleitung wie Abschluß findet sich ein kulturpessimistischer Ton: Ausgerechnet der große Sänger, der so viele grandiose Novitäten bewegend lanciert hat, bezweifelt, daß nach Wolf noch ernst zu nehmende Lieder komponiert worden seien.

          Man hätte dem Buch eine schärferes Lektorat gewünscht. Formulierungen wie "Grenzgebiet, in dem sich deutsches und slowenisches Blut mischten", liest man nicht ohne Beklemmung. Nicht selten findet sich auch der "hohe" Ton des deutschen Bildungsbürgertums, dem Fischer-Dieskau entstammt. Dem wiederum entsprechen Bürokratismen wie "führte ich zahlreiche Wolf-Abende durch": Kleinigkeiten, die die Qualitäten dieses von erheblicher Identifikationsbereitschaft getragenen Buchs trüben.

          GERHARD R. KOCH

          Dietrich Fischer-Dieskau: "Hugo Wolf". Leben und Werk. Henschel Verlag in der Verlagsgruppe Dornier, Berlin 2003. 558 S., Abb., geb., 39,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2003, Nr. 44 / Seite 42

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