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: Seid wach und munter

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Der Umschlag von Marcia Pallys "Lob der Kritik" zeigt eine stark formalisierte aufrechte linke Hand mit einem erhobenen Zeigefinger, der Umschlag von Christopher Hitchens' "Verteidigung der kritischen Vernunft" eine rechte, kräftig aufschlagende Faust. Zwei rhetorische Gesten. Ihres Zusammenhanges zu Akteur, Adressat, Situation und Sache entkleidet, sind sie selbstbezüglich geworden.

          Der Umschlag von Marcia Pallys "Lob der Kritik" zeigt eine stark formalisierte aufrechte linke Hand mit einem erhobenen Zeigefinger, der Umschlag von Christopher Hitchens' "Verteidigung der kritischen Vernunft" eine rechte, kräftig aufschlagende Faust. Zwei rhetorische Gesten. Ihres Zusammenhanges zu Akteur, Adressat, Situation und Sache entkleidet, sind sie selbstbezüglich geworden. Der Zeigefinger ermahnt dazu, bei allem Geschehenden ein kritischer Mahner zu sein. Die Faust fordert gebieterisch Zivilcourage, den Mut zum Widerwort. Es geht nicht um die Kritik an irgend etwas oder das Widerwort gegen irgend jemanden, es geht darum, daß alle sich als Kritisierende und Widerworte Gebende begreifen: Hütet euch, seid wach und munter.

          In ihrem Hauptkapitel referiert Marcia Pally vierhundert Jahre neuzeitliche Geschichte "der intellektuellen und der politischen Kritik, sowie deren Verbindung, die zur Grundlage der liberalen Demokratie wurde". Die beiden folgenden Kapitel erörtern an vielen Beispielen die Furcht der modernen Menschen vor technischen und ökonomischen Veränderungen und die Flucht vor diesen Veränderungen in religiöse und nationale Fundamentalismen. Wenn auf kaum zehn Seiten die Theorien von Durkheim, Mauss, Levi-Strauss, Vygotskij, Bachtin, Fleck dargestellt, historisch eingeordnet und gegen Saussure und Piaget abgegrenzt werden, wenn eine Fußnote Hegels Fichterezeption zusammenfaßt und wenn Zahlen über Zahlen die Zusammenhänge von Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Konzentration der Landwirtschaft, Maispreisen, Selbstmordraten, Religiosität ausbreiten, mag man sich zur Mahnung gedrängt fühlen, welcher Leser denn das alles sachkundig mit kritischem Urteil begleiten können soll. Doch die leitende These ist einfach. Wie das nach Individuation strebende Kind die "Freuden der Unabhängigkeit" mit den "Freuden des Kuschelns" zu verbinden suche, müsse der moderne Mensch Loslösung und Eingebundenheit in ein Gleichgewicht bringen. Wo aber Unsicherheiten und Verletzungen dominieren, werde die Zukunft dämonisiert und die Vergangenheit idealisiert. Der Mensch flieht vor dem kritischen Denken in vermeintliche Sicherheiten.

          Christopher Hitchens schreibt in Anlehnung an Rilkes "Briefe an einen jungen Dichter" Briefe an einen jungen Unruhegeist. Sie antworten auf die Frage, wie man ein selbstbestimmtes Leben führt. Natürlich könne er da kein Muster abgeben. Aber im plaudernden Ausbreiten seines reichen Lebens als Dissentierender entwickelt er doch einige Regeln. Man solle jedem Wir und jedem Konsens mißtrauen. Man solle sich nicht durch den Hinweis auf Komplexitäten vom einfachen Bewußtsein des Rechten und Unrechten abbringen lassen. Und keinesfalls solle man denen Gehör schenken, die das Aussprechen der Wahrheit verhindern wollen, weil es der eigenen Sache schade, Beifall von der falschen Seite bringe oder die öffentliche Ordnung untergrabe. Widerspruchsgeist erfordere Mut, Ausdauer und schnelles Handeln im rechten Moment. Doch die Geschichte zeige, daß Aufrechte Diktaturen zu Fall bringen können. Und allemal liege in den Begegnungen mit anderen ähnlich beschäftigten Leuten und in dem Selbstvertrauen, das sich einstellt, wenn man eigene Erfahrungen und Überzeugungen hat, ein reicher Lohn.

          Nun ist der Einsatz für das Gute und gegen das Schlechte gewiß eine schöne Sache. Vielleicht ist er heute nötiger denn je. Aber der Imperativ "Sei kritisch!" geht seltsam ins Leere. Kritisch wird man, indem man an den einzelnen Sachen Widersprüche entdeckt. Das Hinsehen lernt man, indem einem jemand zeigt, was da im einzelnen zu sehen ist. Wenn dagegen Pally die Kritik an Gentechnologie und Stammzellenfoschung damit kritisiert, daß die Menschen sich schließlich auch an Telephon, Glühbirne und Eisenbahn gewöhnt haben, zeugt das nicht gerade von der "Bereitschaft, das eigene Wissen in Frage zu stellen und sich die Dinge möglichst genau anzusehen". Sie wendet das eine Schema des Buches an: Aus Angst vor dem Neuen dämonisieren wir die Zukunft und fliehen in die heile Vergangenheit. So tritt der geheime Doppelsinn der Titelbilder hervor. Der erhobene Zeigefinger und die aufschlagende Faust bekunden: Ich, der Autor, bin ein kritischer Geist. Und da die Leser vermutlich nicht zu den Unkritischen gehören, entsteht die Erbaulichkeit eines Wir, gegen das Mißtrauen angebracht sein dürfte.

          GUSTAV FALKE

          Christopher Hitchens: "Widerwort". Eine Verteidigung der kritischen Vernunft. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, München 2003. 189 S., geb., 19,90 [Euro].

          Marcia Pally: "Lob der Kritik". Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff, Ulrike Bischoff, Gennaro Ghirardelli und Thorsten Schmidt. Berlin Verlag, Berlin 2003. 411 S., geb., 22,- [Euro].

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