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: Sei, was du geworden bist

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Leute, die etwas auf sich halten, machen sich gegenseitig mit den berühmten Vorfahren bekannt. Das ist heute so, das war immer so. Wenn sich bei Homer die Helden begegnen, dann wetteifern sie nicht nur im kriegerischen Kampf oder im friedlichen Agon miteinander, sondern sie suchen sich auch durch protzige Genealogien gegenseitig zu übertreffen.

          Leute, die etwas auf sich halten, machen sich gegenseitig mit den berühmten Vorfahren bekannt. Das ist heute so, das war immer so. Wenn sich bei Homer die Helden begegnen, dann wetteifern sie nicht nur im kriegerischen Kampf oder im friedlichen Agon miteinander, sondern sie suchen sich auch durch protzige Genealogien gegenseitig zu übertreffen. In der Ilias werden uns genealogische Aufzählungen geboten, wie sie noch bis weit in die klassische und hellenistische Zeit hinein von Königen, Dynasten und Aristokraten öffentlich propagiert wurden, mit dem einzigen Ziel, die Exzellenz des eigenen Geschlechts zu demonstrieren.

          Der genealogische Diskurs war somit in hohem Maße wirkungsorientiert. Er zielte nach innen auf Identitätsstiftung und Stabilisierung der Familie, nach außen auf die Legitimation genuin aristokratischer Rang- und Machtansprüche. Nicht anders war es im republikanischen Rom. In dieser hochgradig kompetitiven politischen Kultur befanden sich die führenden Familien ("gentes") in permanenter Konkurrenz um die vorderen Positionen in der Gesellschaft und um die magistratischen Spitzenstellungen, und dabei wurde gezielt in öffentlichen Reden und auf pompös inszenierten Leichenbegängnissen vor einem großen Publikum mit den Leistungen und Verdiensten der Vorfahren geprahlt. Die genealogisch strukturierte Erinnerung tritt uns hier als eminent politisches Argument, im Sinne Pierre Bourdieus als soziales oder symbolisches Kapital, entgegen, mit welchem die Akteure bei ihren Adressaten (die zugleich ihre potentiellen Wähler waren) im wahrsten Sinne des Wortes Kreditwürdigkeit zu erlangen suchten.

          Bourdieu, der zusammen mit Jacques Derrida, Michel Foucault und Niklas Luhmann zu den Säulenheiligen der heutigen, stets auf Interdisziplinarität getrimmten Drittmittelantragsprosa und berufungsbegründenden Gutachterlyrik gehört, taucht in dem Buch von Sigrid Weigel nicht auf, die Antike und die Historiographie überhaupt auch nur am Rande, Derrida, Foucault und Luhmann aber sehr wohl. In Weigels "Genea-Logik", ihren Ausführungen über Generation, Tradition, Gattung und Evolution, fehlt die über das achtzehnte Jahrhundert hinaus ausgreifende geschichtliche Unterfütterung, doch soll dies weniger als Kritik verstanden werden, sondern vielmehr als Hinweis auf weitere Perspektiven ihres engagierten und elaborierten Plädoyers für eine in der Tat ergebnisträchtige interdisziplinäre Kooperation.

          In zehn Kapiteln entwickelt Weigel, die am Berliner Zentrum für Literaturforschung seit Jahren erfolgreiche Großprojekte zur Genealogie und Vererbung an der Nahtstelle zwischen Kultur- und Naturwissenschaften betreibt, ein beeindruckendes Panorama kultur- und wissenschaftsgeschichtlicher Überlegungen und scheut - dabei stets als Expertin für Buchstaben, Texte und Aufschreibesysteme im weitesten Sinne - auch nicht die kritische Reflexion genuin biologischer, evolutionstheoretischer und molekulargenetischer Fachdiskurse. Ihre zehn Kapitel stellt sie unter sechs programmatische Obertitel: Genealogie, Tradition und Erbe, Familie und Generation, Gattung und Literatur, Evolution, Genetik.

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