"Endlich war die Tür des Vestibüls geöffnet, und die schöne Fremde, der Telamon die Hand reichte, schritt voran. Wir folgten ihr, und die Schönheit so vieler verschiedener Gegenstände ließ das Thema der Unterhaltung wechseln." Mit diesen Worten begleitet Madeleine de Scudéry in ihrer 1669 in Paris erschienenen und Ludwig XIV. gewidmeten "Promenade de Versailles" den Eintritt der fiktiven Reisegesellschaft vom Schloß in die Gärten von Versailles. Aus dem "kleinen Haus des größten Königs der Welt" heraus ins Freie tretend, machen sie sich auf, all jene Wunder zu erkunden, die André Le Nôtre, der erste Gärtner des Königs, für dessen "Maison de Plaisance" ersonnen hatte.
Noch ist das Schloß mit seinen geringen Ausmaßen und polychromen Fassaden nicht jenes Monument königlichen Ruhms, das Colbert bereits einzufordern beginnt. Und wenn später das Zusammenspiel der Künste zur Inszenierung absoluter Macht in der Spiegelgalerie ihren Höhepunkt erreichen wird, ist es bislang der Garten, auf den alle Mühe verwandt wird, um dem König als Rückzugsort eine verwunschene Insel der Glückseligkeit zu schaffen. Doch in Le Nôtres geraden Avenuen und unendlichen Perspektiven liegt bereits der Keim für die strenge Symmetrie der klassischen Architektur, die Versailles, 1682 zum offiziellen Regierungssitz und Mittelpunkt des sonnenköniglichen Reichs erkoren, auszeichnen wird.
Gefährliche Trampelpfade
Die Gärten von Versailles werden ein Teil des staatlichen Repräsentationsapparats zur Inszenierung der "gloire du roi", die nichts dem Zufall überläßt. In diesem Sinne verfaßt Ludwig XIV. 1689 die erste Version seiner "Manière de montrer les Jardins de Versailles", eine genaue Anleitung zum Durchschreiten der Gärten, die selbst die Blicke der Besucher lenkt: "Aus dem Schloß durch das Vestibül des Marmorhofs hinaustretend, betreten wir die Terrasse; auf der Treppe muß innegehalten werden, um die Situation der Parterres, der Wasserbecken und Fontänen zu beachten."
An Stelle von rigidem Zeremoniell und repräsentativem Apparat bringt heute der Massentourismus Versailles um seinen Zauber. Der Besucher kommt meist gar nicht mehr über die einst vom König als Auftakt verordnete Kontemplation des Blicks von der Terrasse über den Grand Canal hinaus - wenn er überhaupt in den Park hinausgetreten ist und nicht nur einen kurzen Blick durch die Fensterscheiben der Spiegelgalerie geworfen hat, während er im Touristenstrom durch das Schloß getrieben wurde. Und was fände er auch dort im Park, außer Blasen an den Füßen? Was gibt es noch zu entdecken an Überraschendem, Unerwartetem, vielleicht sogar Beunruhigendem an einem Ort, dessen Mythos von Historikern, Kuratoren, Verwaltern und Eventmanagern geraubt wurde?
Eine Menge. Vorausgesetzt, man kehrt zurück an den Ursprung: zum Garten, als einem Ort der Verzauberung. Und so ist es ein Gärtner, der es nun vermag, uns noch einmal mit einem Buch über Versailles zu überraschen. Alain Baraton, Chefgärtner der "Domaine national de Trianon et du Grand Parc de Versailles", steht hier erneut auf den Stufen des Palastes und blickt auf den Park. Doch ist es nicht "le grand Versailles", das er sieht, sondern "das einfache, intime und unbekannte - das Versailles eines Gärtners".
Baratons persönliche Verbundenheit mit dem Ort ist es, die seine besondere Perspektive ausmacht. Als Sohn einer kleinbürgerlichen Familie aus dem Yveline verlebte er eine "unglückliche Kindheit", als unsicherer Teenager tut er sich schwer, seinen Platz zu finden. Dann beginnt er im Sommer 1976 als Saisonkraft im Park von Versailles und wird neu geboren: Hier findet er seine Berufung, und es beginnt der Aufstieg zum Chefgärtner von Versailles - eine Karriere, die heute ohne Hochschulabschluß geradezu undenkbar wäre. Mittlerweile ist Baraton als erster Gärtner des Landes eine Berühmtheit in Frankreich. Zahlreiche Bücher hat er verfaßt, und samstags und sonntags um viertel vor acht in der Früh - Gärtner sind keine Langschläfer - berät er im Radiosender "France Inter" die grünen Daumen des hexagone.
"Le Jardinier de Versailles" ist eine Kombination aus Autobiographie, Lesebuch für Freizeithistoriker und leidenschaftlichem Manifest des Gartenbaus. Wie einst das Fräulein von Scudéry läßt Baraton angesichts der "Schönheit so vieler verschiedener Gegenstände das Thema der Unterhaltung wechseln" und stellt dabei ganz mühelos die Geschichte von Versailles seit Ludwig XIII. bis zur Französischen Revolution dar. Dabei gelingt es ihm stets, "ein bißchen Fleisch in den Steinen auszumachen", die Menschen aufzuspüren, welche in Versailles ihre Spuren hinterließen. Damals wie heute. Baratons Gärten sind erfüllt von den Schatten Ludwigs XIV. und Marie-Antoinettes; zahlreich sind aber auch die Liebespärchen, die Träumer, die Jogger, die Exhibitionisten, die Verirrten, Verwirrten und Verzweifelten unserer Zeit.
Beeindruckend ist die Belesenheit des Autors: Er kennt alle Werke über Versailles. Vor allem aber weiß er, was in keinem Buch steht, denn seit dreißig Jahren arbeitet und lebt er im Park. Auch seine Frau hat er dort kennengelernt; als Familiendomizil dient einer der vom Wald verborgenen Pavillons, den einst Molière bewohnte. Baraton ist jeder Winkel in Versailles vertraut, auch jene weitab aller Trampelpfade, wo der Park wild ist, ja gefährlich. Von der Bezwingung der Natur durch die Kunst, wie sie Le Nôtre einführte, hält er nicht viel. Dessen Werke erscheinen ihm traurig und leblos wie die Vitrinen im Schloßmuseum, das er für den Besucher als Zumutung empfindet.
Es ist ein bißchen frisch
Auch Baraton arbeitet historisch, durchstöbert Archive nach alten Dokumenten, um den ursprünglichen Zustand eines Gartenabschnitts nachzuvollziehen. Doch geht es ihm dabei darum, "l'esprit du lieu", den Geist des Ortes, erfahrbar zu machen. Authentizität, das bedeutet für Baraton etwa das Pflanzen natürlicher Blumenarten, die noch einen herrlichen Duft entfalten und der Sinnlichkeit des Ancien régime weitaus näher kommen als die noch vor einigen Jahren bevorzugten prächtigen Rosenarten, die in der Überzüchtung ihren Duft eingebüßt haben.
Das Buch setzt ein mit dem Unwetter am 26. Dezember 1999. Auch in dieser Hinsicht eine Rückkehr zum Ursprung, zur Stunde Null: Die Natur hat die Oberhand zurückgewonnen und der Harmonie und Ordnung barocker Gartenkunst das Chaos entgegengeschmettert. Für Baraton ist es ein schlimmer Einschnitt. Seine geliebten Bäume - zu Hunderten liegen sie entwurzelt darnieder. Der Gärtner steht am Morgen nach dem Sturm vor dem kleinen Tümpel im Weiler der Marie-Antoinette, in dem gerade der letzte der Tulpenbäume untergeht, die einst Ludwig XVI. aus Virginia importieren ließ. Gleich der Titanic versinkt der Mastodon langsam im Wasser, während des Gärtners Herz zerreißt. Es beginnt erst wieder zu schlagen, als Baraton unter den "Überlebenden" eine libanesische Zeder erkennt. Sie ist eine Schwester jenes Pflänzchens, die der berühmte Botaniker Bernard de Jussieu 1734 unter dem Hut aus England nach Frankreich gebracht hat und das heute im Labyrinth des Pariser Jardin des Plantes mehr als zwanzig Meter aufragt. Es ist diese Verflechtung von Erlebtem mit den Geschichten am Rande der Geschichte, aus der Versailles noch einmal neu entsteht - weniger prächtig, aber um so lebendiger.
Und wie beginnt nun Alain Baratons idealer Spaziergang durch die Gärten von Versailles? Zauberhaft und sinnlich, wie es eben dem "esprit du lieu" entspricht: "Es wäre früh am Morgen, vor der Öffnung des Parks, damit er frei ist von Touristen und noch bedeckt mit Tau. Es ist ein bißchen frisch, vielleicht hat es am Abend zuvor geregnet, aber der Tag wird schön sein. Die Parterre riechen nach geschnittenem Gras . . .".
KRISTINA DEUTSCH
Alain Baraton: "Le Jardinier de Versailles". Éditions Grasset & Fasquelle, Paris 2006. 336 S., geb., 19,- [Euro].