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Sean Howe: Marvel Comics. The Untold Story Superhelden müssen episch leben

Doktor Doom gegen die Fantastischen Vier: Sean Howe erzählt die Geschichte der „Marvel Comics“ und von Stan Lee, der ihre Bilder- und Erzählwelt prägte und gerade neunzig Jahre alt wurde.

© Harper Collins Publishers

Comichefte, zumal diejenigen, deren Helden Eisenträger wie Keks knabbern, seit sie versehentlich ein radioaktives Serum getrunken haben, werden für ein männliches jugendliches Publikum gemacht. Die Macher sind manchmal kaum älter. In keiner anderen kreativen Branche kann die Karriere so früh beginnen. Das lag in der Gründerzeit daran, dass die Verleger von künstlerischen Anforderungen der Gattung nichts wissen wollten. Man fing als Botenjunge an und sprang, wenn kurz vor der Drucklegung die allgemeine Hektik ihren Höhepunkt erreichte, beim Ausmalen von Hintergründen ein. Später rekrutierte sich der Nachwuchs häufig aus dem organisierten Fanwesen. Man lernte das Zeichnen durch Abzeichnen und pflegte in Clubzeitschriften eine auf abseitige Details bezogene Kennerschaft.

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Zwei der erfolgreichsten Kinofilme des Jahres 2012 fanden ihre Hauptfiguren im Pantheon der Marvel-Comics: „The Avengers“ und „The Amazing Spider-Man“. In beiden Filmen - wie in allen Filmen mit dem Marvel-Markenzeichen seit den „X-Men“ von 2000 - hat der Mann einen schmückenden Kurzauftritt, der vor einundsiebzig Jahren zum ersten Mal interimistisch die redaktionelle Verantwortung für das Marvel-Universum trug. Martin Goodman, der Eigentümer des Verlags, der damals Timely Comics hieß, setzte Stanley Lieber, einen Cousin seiner Frau, als Chefredakteur ein, nachdem er Jack Kirby und Joe Simon entlassen hatte, die Schöpfer von Captain America. Seine erste kurze Prosageschichte mit dem Nationalhelden im Sternenbannerkostüm signierte der achtzehnjährige Lieber mit einem Kürzel: Stan Lee. Seinen vollständigen Namen wollte er sich aufheben für Romane und Kinodrehbücher.

Entwicklungshemmung der Comicindustrie

Von 1945 bis 1972 wirkte der Sohn jüdischer Einwanderer aus Rumänien, der in der Bronx die Schule besucht hatte, an der Madison Avenue als Chefredakteur aller Marvel-Comichefte. Nach einigen Jahren in der Geschäftsführung siedelte er nach Kalifornien über, blieb aber über alle Eigentümer hinweg Gesicht und Sprecher des Verlags. Wie ein antiker Staatsmann betätigt er sich als erster Geschichtsschreiber seines Reiches. Zuletzt publizierte er ein Handbuch des Comicschreibens auf der Basis von Interviews mit Kollegen. Letzte Woche wurde Stan Lee neunzig Jahre alt.

Die ersten Jahrzehnte der Comicheftindustrie stehen im Zeichen einer Identität des Personals, wie man sie in unserer Zeit nur von der englischen Monarchie kennt. Die Kehrseite der Kontinuität lässt sich als Entwicklungshemmung bestimmen. Der in Brooklyn lebende Journalist Sean Howe, dessen Geschichte der Marvel-Comics es auf die Bestsellerliste der „New York Times“ gebracht hat, obwohl sie keine Abbildungen enthält, ist wie die Zeichner der zweiten Generation als Fan zu seinem Thema gekommen. Der Untertitel des Buches ist eine ironische Hommage an den ehrwürdigsten Branchentrick zur Erneuerung der Markenloyalität: die Wiedereinführung des heroischen Personals. Alle paar Jahre erscheint eine neue Nummer eins von jeder klassischen Heftreihe. Die Ursprungssage wird in einer neuen Version geboten, die als die unerzählte Geschichte ausgegeben wird, obwohl das meiste natürlich schon erzählt worden ist.

Balzac ins Kosmische erweitert

So verhält es sich auch mit „Marvel Comics - The Untold Story“. Namentlich die Auseinandersetzung zwischen Stan Lee und Jack Kirby, die gemeinsam in den sechziger Jahren die Charaktere schufen, die dem Disney-Konzern 2004 beim Kauf von Marvel vier Milliarden Dollar wert waren, ist oft dargestellt worden. Der Begriff „episch“ darf dabei nicht fehlen und wird im gleichen Sinne verwendet wie in den Comics für die Kämpfe zwischen Doktor Doom und den Fantastischen Vier. Für Howe ist die gesamte Geschichte der Marvel-Angestellten eine Variante der Saga, an der sie gemeinschaftlich gestrickt haben.

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