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Schulschwänzer Wer fehlt?

08.10.2008 ·  Schwänzer meinen es nicht persönlich, aber schaden der Lerngemeinschaft - und womöglich auch sich selbst. Die Erziehungswissenschaftlerin Margit Stamm hat ein Buch über die „Psychologie des Schuleschwänzens“ geschrieben.

Von Ernst Horst
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Die industrielle Zivilisation verlangt uns Fähigkeiten ab, die in unseren Chromosomen nicht vorgesehen sind. Deshalb ist unsere Schulzeit zwar unbedingt erforderlich, aber kein eitel Honigschlecken. Was wir lernen müssen, ist nicht nur den Satz des Pythagoras, sondern auch Frustration zu ertragen. Manche Kinder entziehen sich diesem Lernziel durch Schuleschwänzen. Darüber hat Margit Stamm, Ordinaria für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialisation und Humanentwicklung in Fribourg, jetzt ein interessantes Buch veröffentlicht: Die Psychologie des Schuleschwänzens - Rat für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker.

Da die Gruppe der Eltern gleich zuerst genannt wird, gehöre ich zur Zielgruppe und niemand darf es mir verübeln, wenn ich aus der Sicht des Laien über das Thema schreibe. Um es gleich vorweg zu sagen: Das ist mehr ein Buch für Eltern mit Matura. In einer akuten Krise beim Nachwuchs hilft es vermutlich auch nicht mehr viel, aber wer weiß oder ahnt, dass eines seiner Kinder es mit der schulischen Präsenz nicht ernst genug nimmt, und sich deshalb Sorgen macht, der findet hier Stoff zum Nachdenken. Die Psychologie im Titel hätte man vielleicht besser durch Soziologie oder Pädagogik ersetzen sollen. Hier geht es um das Wechselspiel zwischen Schülern, Altersgenossen, Eltern, Lehrern und der Institution Schule. Die Zusammenfassung am Ende, die gerade für eilige Leser wichtig ist, versteckt sich leider hinter dem Literaturverzeichnis.

Sanftmütig und tolerant

Empirische Grundlage der Untersuchung ist ein aktuelles Forschungsprojekt in der Schweiz. Den lokalen Bezug kann man aber vernachlässigen. Die Autorin schreibt für alle deutschsprachigen Länder und verwendet auch die entsprechende Literatur. En passant ist auch noch von den angelsächsischen Ländern die Rede. Wir müssen nicht alle Fehler von Uncle Sam und John Bull wiederholen.

Margit Stamm ist sanftmütig und tolerant. Ihre Grundeinstellung, die sie aber vielleicht nie so krass formuliert, ist: Alles Schulschwänzen ist von Übel und sollte, so gut es geht, verhindert werden, aber nur ohne die armen kindlichen Seelen zu verletzen. Gelegentliches Schulschwänzen ist ein Kavaliersdelikt, sollte aber trotzdem immer erschwert werden, um Schlimmeres zu verhüten. In anderen Zusammenhängen gebraucht man für so ein Paradigma gerne das Bild des rutschigen Abhangs (slippery slope). Wer erst einmal ins Gleiten kommt, ist in großer Gefahr, völlig den Halt zu verlieren. Als Generalverdacht für alle Schüler einer öffentlichen Schule ist das vermutlich ganz pragmatisch. Aus persönlicher Erfahrung muss ich aber sagen, dass jedes Kind anders ist. Wenn mich jemand gefragt hätte, hätte ich ein Kind nach Summerhill geschickt, wo der Unterricht freiwillig ist und es per definitionem keine Schulschwänzer gibt, und das andere in ein amerikanisches Juvenile Detention Center, wo Schulschwänzer vermutlich gleich von den Wachen erschossen werden. Zum Glück hat mich niemand gefragt.

Boykott aus Langeweile

Wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass Schulschwänzen - vornehmer Schulabsentismus - ein sehr kompliziertes Phänomen ist. Das ist ungefähr so, wie wenn man einen Tropfen Teichwasser mit dem Mikroskop untersucht. Ein Beispiel ist das Schwänzen aus Langeweile. Schüler, die schulisch in keiner Weise gefährdet sind, boykottieren ein Fach, das sie unterfordert. Geschwänzt wird im Einzelfall häufig oder selten, ganztägig oder stundenweise. Manche bleiben daheim, andere treiben sich mit Freunden in der Stadt herum. Manche schwänzen ohne Wissen der Eltern, manche mit ihrer halbherzigen Unterstützung oder sogar vollständigen Billigung. Teilweise gibt es auch einleuchtende familiäre oder ökonomische Gründe. Ein Kind muss seine kranke Schwester pflegen. Die billigste Urlaubsreise fängt leider kurz vor den Ferien an. Ein Mädchen meidet die Schule wegen Mobbing. Es kann auch handfeste medizinische Ursachen geben, dazu gehört Schulangst. Die Medizin ist eine Grauzone. Viele Ärzte stellen Gefälligkeitsatteste aus.

Ein „massiver“ Schulschwänzer wird definiert als einer, der in den letzten sechs Monaten mehr als fünfmal einen halben Tag geschwänzt hat. In dieser Definition steckt natürlich viel Willkür, aber irgendwie muss man ja definieren. Zusätzlich gibt es manchmal eine gewisse Neigung, Absenzen von Schülern einfach zu ignorieren, und zwar gerade von denen, die den Unterricht immer besonders stören. Wir bewegen uns also in einem Nebel der Wahrnehmung. Auch sind die absoluten Zahlen bei den analysierten Daten manchmal nicht besonders hoch. Egal, jedenfalls findet eine sogenannte Clusteranalyse bei 194 massiven Schwänzern drei Gruppen: 12,8 Prozent gehören zum schon erwähnten „unterforderten Typ“. Das sind eher problemlose Schüler, die sich langweilen. 50,5 Prozent gehören zum „Risiko-Typ“. Sie stammen aus Schulformen mit niedrigen Anforderungen, haben schlechte Mathematiknoten, haben häufig Klassen wiederholt, zeigen die höchste Delinquenzbereitschaft und haben ein Problem mit den Lehrern. Die restlichen 36,6 Prozent gehören zum „labilen Typ“. Sie sind ziemlich durchschnittlich, ja normal.

Man hat in anderen Studien festgestellt, dass Schulschwänzer im späteren Leben oft von der Sozialhilfe abhängig sind. In der aktuellen Schweizer Untersuchung haben massive Schwänzer eine „deutlich höhere Delinquenzbelastung“ als Gelegenheitsschwänzer. Sie begehen strafrechtlich relevante Delikte und finden sie auch nicht so schlimm. Das alles beweist natürlich noch keinen kausalen Zusammenhang, aber es ist auf jeden Fall eine rote Warnlampe für wen auch immer.

Margit Stamm: „Die Psychologie des Schuleschwänzens“. Rat für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker. Verlag Hans Huber, Bern 2008. 224 S., 6 Abb., 4 Tab., br., 17,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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