12.06.2006 · Medien als Waffengattung im Felde: Ein Band zeigt die Einschußlöcher der Kriegsberichterstattung
Obwohl wir allen Grund haben, den Medien zu mißtrauen, besonders dem Fernsehen, wissen wir, was wir wissen, im wesentlichen durch die Medien. Woher sonst? Wir haben keine Alternative. Der Peinlichkeit dieser Situation entziehen wir uns, indem wir der Selbstdarstellung der Medien kaum widersprechen, die natürlich behaupten, mehr als die Wahrheit zu bieten, nämlich "Objektivität". Niklas Luhmann hat die Verhältnisse in "Die Realität der Massenmedien" treffsicher analysiert. Seine Darstellung der Selektion von Nachrichten kann man zum Beispiel mit der Kriegsberichterstattung vergleichen, die Gegenstand dieses Buches ist.
Doch verfolgt der von Ute Daniel herausgegebene Band einen anderen Ansatz. Es will vor allem über Kriegsberichterstattung berichten. Analysen fallen mehr am Rande ab. Die Gliederung folgt der Chronologie der großen europäischen Kriege. Andreas Gestrich hat die Berichterstattung der Zeitung "Wienerisches Diarium" über den Siebenjährigen Krieg ausgewertet. Ute Daniel beschreibt die vieldiskutierte Berichterstattung über den Krimkrieg. Andreas Steinsieck sieht, wie im Burenkrieg zum ersten Mal Fotografie und Film eingesetzt werden. Nach Almut Lindner-Wirsching haben im Ersten Weltkrieg beide Seiten ihre Medien ähnlich gesteuert.
Für Gerhard Paul war der Spanische Bürgerkrieg ein Krieg der Fotografen, die sich jeweils für ihre Seite mit Kampfbildern zu übertrumpfen suchten, wie mit dem berühmten Bild eines fallenden Republikaners im Augenblick seines Todes von Robert Capa. Kay Hoffmann zeigt, daß die "Deutsche Wochenschau" während des Zweiten Weltkrieges insgesamt doch recht erfolgreich manipuliert hat. Lars Klein versucht, die Rolle der Journalisten im Vietnamkrieg zu klären. Der Irak-Krieg von 2003 ist wohl noch zu frisch, als daß er mehr zuließe als Fernsehmoderatorengeschwätz, das sich vor allem durch Störungen der Medieninszenierungen irritieren läßt, wie die nicht ablichtbaren Operationen im Kampf gegen den Terror oder die Opferbilder des Senders Al Dschazira.
Insgesamt lohnt das Buch aber die Lektüre. Es macht Entwicklungen sichtbar. Man versteht den Einsatz der Medien und die Reaktionen des Militärs und der Politik besser. Man kann die Kriege aus der Perspektive der Berichterstattung gleichsam neu erleben und erfährt Hintergründe, so zum bekanntesten Bild des Vietnamkrieges aus der Zeit der Tet Offensive, die Erschießung des NFL-Captains Nguyen Van Lem durch den südvietnamesischen Polizeichef Nguyen Ngoc Loan am 1. Februar 1968, fotografiert von Eddie Adams. "Die Empörung, die das Bild auslöste, habe er nie verstanden, meinte Adams später. Er fragt, was ,wir' in der Situation getan hätten, denn Nguyen Van Lem hatte zuvor acht Südvietnamesen liquidiert. Diese Vorgeschichte erzählt das Foto freilich nicht" (Lars Klein).
Die Empörung hatte auch einen ganz anderen Grund. In den Vereinigten Staaten war die öffentliche Meinung umgeschlagen. Sie war jetzt gegen den Krieg. Die politischen und militärischen Paradoxien, die aus diesem Umschlag entstanden, konnten nur mit Mythen überblendet werden.
Die Grundfrage freilich - wie beeinflußte die Kriegsberichterstattung Krieg und Politik? - bleibt nicht nur unbeantwortet, sie drängt sich mit fortschreitender Lektüre immer dringlicher auf. Vermutlich läßt sie sich überhaupt nicht zufriedenstellend beantworten. Einmal sind Bilder nie mit ihrem Gegenstand identisch. Im strengen Sinne können sie daher keine Wirklichkeit wiedergeben. Die Wirklichkeit entwickelt sich nach ihren eigenen Gesetzen unabhängig vom Bild. Insofern sind Bilder Schein. Die moderne Kunst erkennt das auch an.
Zum anderen ist auch das Wissen über Kriegsberichterstattung Medienwissen wie alles andere. Wir müssen es mangels besserer Quellen hinnehmen. Insofern ist Kriegsberichterstattung nur ein Thema, das man entweder auf den Krieg beziehen kann und das dann neben andere Kriegsthemen wie Luftwaffe, Panzerfaust oder Ostfront tritt. Oder man bezieht es auf die Medien. Dann tritt es neben Themen wie Sendezeiten, Einschaltquoten oder Werbung.
Solche Themen schließen die Medien tatsächlich an Militär und Politik an. Aber aus diesem Grund können die Medien nicht einfach über Themen verfügen. Häufig werden sie ihnen aufgenötigt. Meistens müssen die Medien bei der Auswahl der Themen Rücksicht auf das Publikum, die Übermittlungstechnik, die Politik, die Wirtschaft und die öffentliche Meinung nehmen. Der Krieg vereinfacht die Themenwahl. Er zwingt alle, für den Sieg zu arbeiten, natürlich auch und gerade die Berichterstatter. Dagegen können Journalisten opponieren und dadurch Ruhm erwerben. Meistens tun sie es aber nicht. Auch das zeigt dieses lehrreiche, gut geplante, nachdenklich stimmende Buch.
GERD ROELLECKE
Ute Daniel (Hrsg.): "Augenzeugen". Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. 264 S., br., 24,90 [Euro].