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Schizophrenie : Gefangen im Anstaltsalltag

Dort, wo Arnhild Lauveng den medizinischen Apparat seziert, hat ihr Buch etwas Beängstigendes. Wir begegnen entmündigten Patienten, gefangen im Anstaltsalltag, scheinbar aufgegeben von Ärzten und Pflegern. „Als ich krank war, erlebte ich eine starke Fokussierung auf meine Krankheit und auf meine schwächeren Seiten. Man hatte weniger Interesse und richtete weniger Aufmerksamkeit auf meine Stärken, darauf, wer ich jenseits der Krankheit war. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Interessen, Hobbys und Wünsche nur als störende Hindernisse empfunden wurden, die uns von dem eigentlichen Ziel, nämlich der Behandlung der Krankheit, abhalten. Dabei führte die Konzentration auf all das, was nicht funktionierte, zu einer weiteren Schwächung meines ohnehin schon jämmerlichen Selbstbildes“, schreibt Arnhild Lauveng.

Instrumentalisierung der eigenen Schwächen

Die Monate und Jahre in der geschlossenen Anstalt sind eine Tortur, der Zugang zum eigenen Ich ist Arnhild Lauveng abhandengekommen. Einsam und unverstanden fühlt sie sich, als habe sie jemand ausgesetzt auf einem feindlichen Planeten, wo keine Menschenseele ihre Sprache spricht. Der Kommunikationsfähigkeit beraubt, erfindet Arnhild Lauveng ihren eigenen Code. Sie verständigt sich, wie viele andere Patienten auch: Sie instrumentalisiert ihre Symptome, um so ihre Wünsche zu befriedigen. Diese Sprache, schreibt sie, funktioniere besser, weil das Klinikpersonal diese Art der Kommunikation erwarte. Bat sie zum Beispiel eine der Schwestern, den Flur zu putzen, weigerte sie sich mit der Begründung, auf dem Gang trieben sich ein Dutzend Wölfe herum, die nur darauf warteten, sie zu zerfleischen. Das Flurputzen wurde ihr erlassen, die Sprache hatte ihren Effekt verloren.

„Auf der Station gab es bestimmte Regeln, wann wir duschen durften. Wenn ich sagte: ,Ich habe Lust zu duschen, ist das in Ordnung?', wurde ich immer auf die Regeln verwiesen. Aber wenn ich heulte, mich vielleicht ein bisschen kratzte und behauptete, dass die Stimmen mich so unter Druck setzten und dass ich mich schmutzig und unwürdig fühlte, hatte ich deutlich bessere Chancen, dass sich die Türen öffneten.“

Mühsam ins Leben zurück

Eindringlich gaben die Ärzte Arnhild Lauveng zu verstehen, dass ihr Wunsch zu studieren und als Psychologin zu arbeiten, völlig absurd sei. Man riet ihr, sich darauf einzustellen, mit den Symptomen ihrer chronischen Krankheit zu leben, bis ans Ende ihrer Tage. Denkt man diesen Rat zu Ende, hätte sich Arnhild Lauveng mit den quälenden Halluzinationen und Angstzuständen anfreunden müssen. Sie hätte auch damit aufhören müssen, für ihre Träume zu kämpfen. Aber das wollte sie nicht.

Die Offenheit, mit der Arnhild Lauveng ihr Martyrium schildert, berührt. Doch ihre Vergangenheit tippt sie kaum an, die Menschen, die ihr nahestehen, ihre Familie, ihre Freunde bleiben konturlos. Sie selbst beschreibt sich als ein zurückgezogenes, nachdenkliches Mädchen. In der Schule wurde sie gemobbt, tauchte sie irgendwo auf, gingen die anderen Kinder weg. Ihr Vater starb, da war Arnhild Lauveng fünf Jahre alt, zwei Jahre lang lag er im Sterben. Sie litt unter dem Gefühl, nicht liebenswert zu sein, nicht gut genug für diese Welt und dieses Leben. Die Angst, zu versagen, wurde pathologisch. Weitere Erklärungen für ihre Schizophrenie gibt uns Arnhild Lauveng nicht.

Genauso schleichend, wie sich die Krankheit einnistete, verschwand sie wieder. Arnhild Lauveng tastete sich mühsam ins Leben zurück, über Jahre. Erst als sie sich selbst schon lange wieder gefunden hatte, da glaubte auch die Medizin an ihre Heilung.

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