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Sarah Khan: Dr. House : In der populären Echokammer des Wissens mangelt es nicht an Distinktionen

  • -Aktualisiert am

Bild: Diaphanes

Diesen Chef möchte man auf keinen Fall haben: Sarah Khan interpretiert die Fernsehserie „Dr. House“ als Hommage an den amerikanischen Pragmatismus.

          Irgendwann einmal muss es möglich gewesen sein, eine Geschichte erzählt zu bekommen und zu glauben, sie sei neu. So mancher Kinobesuch lebt wohl heute noch von der kindlichen Hoffnung, alles sei möglich, bevor der Strahl des Projektors die weiße Leinwand trifft. Solcher Lichtspielmystizismus ist dem Fernsehen eher fremd. Einschalten, hängenbleiben, weiterschauen: allein das Vokabular, mit dem sich Fernsehkonsum beschreibt, macht deutlich, dass ein ganzes Mediensystem schon in vollem Gang ist, ehe noch das erste Zeichen einer neuen Sendung auf dem Bildschirm erscheint. Nicht von ungefähr hat das Fernsehen im Seriellen - also dort, wo Innovation immer als Variation auftritt - seine ehrlichste und kreativste Spielart gefunden. Woche für Woche, Jahr für Jahr schreiten Serien voran, indem sie sich auf sich selbst zurückbeziehen: ein merkwürdiger Fluss des Ansammelns und Vergessens von Vergangenheit.

          Serien haben oft „bizarre Folgen“, schreibt Sarah Khan in ihrem ideensprühenden Büchlein zu „Dr. House“. Das gilt vor allem für lang laufende Serien, bei denen das Wort „Folge“ immer in doppelter Bedeutung zu verstehen ist. Aktuell organisiert sich Serien-Gefolgschaft vor allem in digitalen Fan-Foren, deren massives Einwirken auf populärkulturelle Entwicklungen die Frage aufwirft, ob diese kollektiven Wissensmaschinen wirklich noch von einer externen Kommentarposition auf ihre jeweilige Lieblingsserie blicken oder ob hier nicht die Serie selbst in ungebändigter Form weiterläuft. Khan hat als Expertin für Geistererscheinungen eine gute Antenne für derartige Streuungen im Kommunikationsbereich.

          Die Negativität der eigenen Logik

          Als Grundgeste serieller Rezeption zeigt sich dabei das Vergleichen, entweder in Form der verschwörungstheoretischen Verknüpfung eigentlich unzusammenhängender Elemente oder als feine Unterscheidung zwischen Dingen, die sich auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sehen. Auf der einen Seite also Fans, die aus der Verteilung der Buchstaben e und o in den Namen „Gregory House“ und „Sherlock Holmes“ eine bedeutsame Botschaft herauslesen, auf der anderen Seite fortgeschrittene Exegeten wie Khan, die, selbst unter seriellem Innovationsdruck arbeitend, von so offensichtlichen Anschlüssen nichts wissen wollen, um dann ihrerseits zu fragen, wie sich Dr. House eigentlich zu Mister Spock verhält.

          Dabei ist der vergleichende Blick auf Sherlock Holmes durchaus erhellend. Eigentlich handelt es sich bei „Dr. House“ um eine Mischform aus Krankenhaus- und Kriminalserie. Nicht anders als Sherlock Holmes agiert auch Dr. House als Aufklärer in einer „Welt aus Fällen“ (Hans-Otto Hügel). Gemeint ist eine Welt überfließender Information, deren Ordnung so lange in Frage steht, bis jemand kommt und sinnvolle Beziehungen herstellt. Holmes und sein aktueller Wiedergänger unterscheiden sich allerdings in ihrer Methode - und dieser Unterschied ist grundlegend. Er erzählt von sozial- und medienhistorischen Transformationen epochaler Art.

          Wo nämlich die kombinatorische Vernunft eines Sherlock Holmes mit der Lösung jedes neuen Falls den positiven Beweis erbringt, dass die komplexen Verwicklungen der modernen Welt von einem einzigen, wiewohl exzeptionellen Menschenhirn entwirrt werden können, folgt Gregory House laut Khan einer Ausschlussmethode, die erst einmal alle möglichen falschen Erklärungen aus dem Weg räumt. House, der gehetzte Stänkerer, findet keinen Weg aus der Negativität der eigenen Logik. Er ist Meister eines buchstäblich schlechtgelaunten Verfahrens, zu dessen Anwendung es längst nicht mehr genügt, einen brillanten Einzelkopf zu besitzen. Stattdessen benötigt House ein Team von Zuarbeitern und Abhängigen. Diese getriebenen Arbeitsgruppenmitglieder sind auch nicht mehr, wie einst Dr. Watson, dankbare Kontrastfolie für den unerreichbaren Intellekt des exzentrischen Genies, sondern werden vom Chef zielstrebig ausgenutzt und gegeneinander ausgespielt.

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