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Sachbuch über Islamkritik : Das Gerede der Allesversteher

Einer der Kritiker des Islam, auf den man hören sollte: der algerische Schriftsteller Kamel Daoud. Bild: Picture-Alliance

Ohne pädagogischen Umerziehungsfuror: Samuel Schirmbeck plädiert für eine realistische Islamkritik, die sich nicht von falschen Forderungen politischer Korrektheit beeindrucken lässt.

          Dieses Buch ist nichts für Bedenkenträger und Gesinnungswächter. Samuel Schirmbeck, viele Jahre Korrespondent für die ARD im Maghreb, bemüht sich erst gar nicht, sie mit devoten Kommentaren, wie seine Erfahrungen mit dem Islam keinesfalls gemeint seien, zu beruhigen. Er ist ein Mann der klaren Worte, ein Reporter im besten Sinne, der erst schaut und zuhört und dann seine Schlussfolgerungen zieht und ohne jeden pädagogischen Umerziehungsfuror auskommt. Und er liefert jede Menge gute Argumente, warum wir hier in Europa endlich zu einer selbstbewussten, an der Realität orientierten Islamkritik finden müssen.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          In elf Kapiteln erzählt Schirmbeck von Protagonisten einer islamischen Welt, die uns Europäern eigentlich am nächsten sein müsste. Doch sind fast alle, die er als Zeugen aufruft und die seine Berichte beglaubigen, hierzulande unbekannt. Wohl auch, weil man hier islamischen Bürgerrechtlern eher misstraut, statt sich mit ihnen ohne Wenn und Aber zu solidarisieren. Es sind erschütternde und überraschende Berichte über religiösen Fanatismus, der Gesellschaften verwüstet und eben doch die klarste, unmissverständlichste Islamkritik hervorgebracht hat.

          Selbstbestimmung ist nicht bloß „westlich“

          Schirmbecks Protagonisten - Islamgelehrte, Soziologen, Psychoanalytiker, Journalisten, Schriftsteller, Philosophen, Künstler - würden, lebten sie hier, umstandslos der „Islamophobie“ geziehen. Sie sind jedoch mit ihren Vorstellungen von Freiheit und einem freien Leben näher bei Voltaire als bei Aiman Mazyeck vom deutschen „Zentralrat der Muslime“; sie treten ohne Schutz und fast ohne unsere Unterstützung mit ungeheurem Mut in ihrer Heimat gegen religiösen Obskurantismus und für eine weltoffene, humane Auslegung des Korans ein. Ihnen, den arabisch-muslimischen „Freiheitssuchern“, ist dieses Buch gewidmet.

          Der „Westen“, als Lebensart und Gedankenwelt - normalerweise als Gegenfigur zur islamischen Welt behandelt -, ist nach Schirmbecks Ansicht in jedem Menschen angelegt, so „man ihn nicht von Kindesbeinen an austreibt“. Er kann das sagen, die Menschen, die er uns vorstellt, beglaubigen es mit ihrer Geschichte. In einem Dorf im Hohen Atlas trifft er ein eigensinniges Mädchen, das den Kampf, sein Leben selbst bestimmen zu dürfen, zwar verliert. Doch weitab von westlicher Zivilisation hat es davon sehr klare, uns vertraute Vorstellungen und gibt lange nicht auf. Jahrzehnte später verbünden sich die „Marokkaner(innen), die Nein sagen“, um die Selbstbestimmung, von der das Mädchen aus dem Bergweiler träumte, öffentlich einzuklagen. Eine Haltung, die dort lebensgefährlich ist.

          Den Islamismus kleinreden

          Schirmbeck stellt ihr das Gerede hiesiger Allesversteher gegenüber, die die Religionsfreiheit überdehnen, um ihre Ruhe zu haben, und nicht sehen wollen, dass sie damit die Freiheiten der Nichtunterworfenen, vor allem die der säkularen Muslime, preisgeben. Scharfzüngig greift er Linke, Grüne und Sozialdemokraten an, die mit der Disqualifizierung offener Islamkritik als fremdenfeindlich und rassistisch den nötigen Widerstand gegen extreme Islamauslegungen behindern. Ein Verfahren, so Schirmbeck, das den Dschihadisten in die Hände arbeite, weil es „ ein Klima befreiender Aufklärung verhindert, in der sich auch die Mehrzahl der Muslime wiederfinden könnte“.

          Er zitiert die (linke) algerische Feministin Wassyla Tamzali: „Muss ich von nun an verschleiert sein, um gesehen zu werden?“ Tamzali hatte das 2009 in „Eine Frau im Zorn. Offener Brief an die ihr Selbstbewusstsein verlierenden Europäer“ geschrieben. Die Macht eines Islams, der nicht nur Frauen unterdrückt und das freie Wort, sondern auch den Islamismus hervorgebracht hat, wird nicht nur in deutschen Debatten kleingeredet. Wer daran nicht teilnimmt und klare Fragen stellt, dem wird rasch „Stammtischnähe“ attestiert.

          „An diesem Stammtisch“, schreibt Samuel Schirmbeck, „säßen dann aber auch einige von meinen muslimischen Freunden, wären sie am Leben gelassen worden“, etwa die ermordeten Schriftsteller, Karikaturisten, Ärzte, Politiker, die Fanatikern oder organisierten Dschihadisten wie der „Bewaffneten Islamischen Gruppe“ (GIA) in Algerien vor zwanzig Jahren zum Opfer fielen. Schirmbeck erinnert an die GIA nicht nur, weil ihr Massenmord hier fast vergessen ist, sondern weil sie der böse Zwilling des „Islamischen Staates“ von heute war, weil auch sie sich als Henker im Namen Allahs feierte.

          Es geht dem Autor dieses Buches nicht um Abrechnung oder Aufrechnung. Er will wachrütteln und ermutigen, lässt auch darum all die Vordenker einer Reform des Islams auftreten, denen er begegnet ist. Alles, was gefragt, diskutiert und angeklagt werden müsste, haben sie schon geschrieben. Wir könnten viel von ihnen lernen, sagt Schirmbeck. Von Philosophen wie Abdennour Bidar, Abdelwahab Meddeb, vom früheren Großmufti von Marseille, Soheib Bencheikh, von Schriftstellern wie Boualem Sansal und Kamel Daoud.

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