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Sammelband: Kunsthistoriker im Krieg : Kunstsinn in der Propagandastaffel

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Kulturbarbaren sollten die anderen sein: Ein Sammelband dokumentiert die Arbeit des „Deutschen Militärischen Kunstschutzes“ in Italien 1943 bis 1945.

          Es gibt sie also noch immer, diese Kisten, die jahrzehntelang fest verschlossen im Archiv lagern, ohne dass sich jemand fragt, welches Geheimnis sie wohl hüten. Und das Erstaunen ist groß, wenn eines Tages doch der Deckel angehoben und ein Blick hineingeworfen wird. Einen solchen Fund machte vor fünf Jahren Ralf Peters, Mitarbeiter des Münchner Zentralinstituts für Kunstgeschichte: Rund zweitausend Fotografien zeigten Kunstobjekte und Denkmäler aus Italien während des Zweiten Weltkriegs, und viele von ihnen trugen Vermerke wie „Propagandastaffel“ oder „Propagandaabteilung“. Wie sie ins Zentralinstitut gelangt waren, klärte sich schnell: Sie stammten aus dem Besitz von Ludwig Heinrich Heydenreich, einem Spezialisten für das Werk Leonardo da Vincis, der von November 1943 bis Kriegsende für den „Deutschen Militärischen Kunstschutz“ in Italien gearbeitet hatte. Nach dem Krieg war er der Gründungsdirektor ebendes Zentralinstituts für Kunstgeschichte, in dessen Beständen die Fotografien entdeckt wurden und das er bis 1970 leitete.

          Wie macht man mit Alten Meistern oder Kunstdenkmälern Propaganda? Und wen interessieren Gebäude, Gemälde oder Statuen, wenn Krieg ist, wenn also in Genua, Mailand, Rom oder Neapel Menschen getötet oder deportiert werden? Mit solchen Fragen befasste sich bereits 2010 eine Fachtagung, deren Beiträge nun erweitert als Sammelband vorliegen. Die Herausgeber sind Mitarbeiter des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. In sechzehn Beiträgen zeichnen sie und weitere Autoren ein umfassendes Bild der „Kunsthistoriker im Krieg“, der Aktivitäten und Akteure vom „Deutschen Militärischen Kunstschutz in Italien 1943-1945“.

          Gegenpropaganda als Verteidigungsstrategie

          Zurück zur Frage: Wen interessiert Kunst im Krieg? Die einfache Antwort lautet: Die Haager Landkriegsordnung von 1899 (erweitert 1907) enthält unter anderem das Gebot, historische Denkmäler sowie Kunstobjekte im Krieg zu verschonen und zu schützen. Auch die Alliierten marschierten mit ausgebildeten Kunsthistorikern in Italien ein und besaßen Kunstschutzabteilungen. Nach dem Sturz Mussolinis 1943 und Italiens Frontwechsel wurden die Deutschen zu Feindtruppen, die der Haager Landkriegsordnung verpflichtet waren; deshalb mussten auch sie im Rahmen der Militärverwaltung eine gesonderte Abteilung für den „Kunstschutz“ in Italien einrichten.

          Das ist aber nicht die ganze Antwort. Denn die Nationalsozialisten engagierten sich im Kunstschutz - wie man bei der Lektüre dieses glänzend recherchierten Bandes versteht - auf ganz besondere Weise. Berüchtigt sind sie heute vor allem als Kunstzerstörer, namentlich der Moderne, die sie als „entartet“ beschimpften und flächendeckend aus den Museen entfernen ließen. Geradezu hysterisch fielen allerdings die Reaktionen aus, wenn man von den Alliierten beschuldigt wurde, vormoderne Kunst zu rauben oder zu zerstören, insbesondere in Italien. Die Verteidigungsstrategie? Gegenpropaganda.

          Wie muss man sich diese Gegenpropaganda vorstellen? Die Urszene spielte sich im Oktober 1943 ab, als italienisches Kunst- und Archivgut aus Montecassino und Neapel nach Spoleto verlagert wurde, um es vor Gefechten zu schützen. Wenige Monate zuvor hatten die Alliierten Sizilien eingenommen und kämpften nun auf dem Festland weiter.

          „Krieg gegen die Kunst“

          Der besagte Transport unterstand der „Division Hermann Göring“ und verschwunden waren danach ganze siebzehn Kisten mit Kunstwerken. Gerüchte über die kunstraubenden deutschen Truppen kursierten und drangen bis zum Generalkonsul Eitel Friedrich Moellhausen in Rom vor, der dort die verbliebene Geschäftsstelle der deutschen Botschaft leitete. Es gab Handlungsbedarf: Zum einen mussten die „unverantwortlichen Elemente im eigenen Lager“, wie es in einem vertraulichen Schreiben hieß, gestoppt werden. Zum anderen sollte der Ruf der Deutschen nicht weiter beschädigt werden. Den Vorwurf der Kulturbarbarei wollte man nicht auf sich sitzenlassen. Wörter wie „ausmerzen“, „auslöschen“ oder „vernichten“ besaßen im nationalsozialistischen Jargon den Wohlklang von Tugenden. Grauenhaft schien aber die Zerstörung von abendländischem Kulturgut, als dessen Bewahrer man sich ja betrachtete. Kunstschutz und Propaganda bildeten daher von Anfang an eine Einheit.

          Und damit beginnt die Geschichte, die der vorliegende Band anhand von zahlreichen Beispielen erzählt. Liebevoll wurde etwa Michelangelos Statue des David zum Schutz eingemauert, während man die Juden der Stadt nach Auschwitz deportierte. Fotografen knipsten im Auftrag von „Kunstschutz“ und Propagandaministerium bombardierte Kirchen, Museen oder Bibliotheken in Italien, um den „erbarmungslosen Luftvandalismus“ anzuprangern, den man im Fall von Guernica, Rotterdam oder Coventry noch als Errungenschaft gefeiert hatte. Und während man Partisanen erschoss, Antifaschisten und Oppositionelle aus Rom in die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen verschleppte, wurde die italienische Bevölkerung detailliert über den „Krieg gegen die Kunst“ unterrichtet, den natürlich die Alliierten führten: Das Buch „La guerra contro l’arte“ erschien 1944 und stellte auf Doppelseiten italienische Kunstwerke gegenüber - vor und nach der Zerstörung.

          Beklemmende Kontinuität nach 1945

          Der mit mehr als zweihundert Abbildungen bestückte Sammelband leistet mehr, als nur das Verhältnis von Kunstschutz und Propaganda in der Zeit von 1943 bis 1945 auszuleuchten. Geschrieben wurde ein bedeutendes Kapitel jener „Moralgeschichte des Nationalsozialismus“, deren Erforschung der Historiker Raphael Gross kürzlich eingefordert hat. Als überlegen galt im Nationalsozialismus nicht nur die Biologie des Herrenmenschen, sondern vor allem seine Moral; seine Tugenden hießen Ehre, Treue, Anstand. Im Namen des „Kulturvolks“ wurden auch in Italien die Maßstäbe des Grauenhaften verschoben. Mit Tränen in den Augen schützte man Michelangelos steinernen David. Wer David hieß und Jude war, den steckte man ins Konzentrationslager.

          Der Band endet mit dem Krieg, die Geschichte nicht. Beklemmend ist der Blick auf die Kontinuitäten nach 1945: Mit viel Pomp wurde nun von Kunsthistorikern die ehemals „entartete Kunst“ rehabilitiert. Weniger interessant als Gemälde oder Skulpturen waren weiterhin Menschen - vertriebene Fachkollegen, deportierte oder ermordete Sammler und ihre Nachkommen.

          „Kunsthistoriker im Krieg“. Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943-1945. Hrsg. von Christian Fuhrmeister, Johannes Griebel, Stephan Klingen und Ralf Peters. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2012. 450 S., Abb., br., 39,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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