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Sammelband: Kunsthistoriker im Krieg : Kunstsinn in der Propagandastaffel

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„Krieg gegen die Kunst“

Der besagte Transport unterstand der „Division Hermann Göring“ und verschwunden waren danach ganze siebzehn Kisten mit Kunstwerken. Gerüchte über die kunstraubenden deutschen Truppen kursierten und drangen bis zum Generalkonsul Eitel Friedrich Moellhausen in Rom vor, der dort die verbliebene Geschäftsstelle der deutschen Botschaft leitete. Es gab Handlungsbedarf: Zum einen mussten die „unverantwortlichen Elemente im eigenen Lager“, wie es in einem vertraulichen Schreiben hieß, gestoppt werden. Zum anderen sollte der Ruf der Deutschen nicht weiter beschädigt werden. Den Vorwurf der Kulturbarbarei wollte man nicht auf sich sitzenlassen. Wörter wie „ausmerzen“, „auslöschen“ oder „vernichten“ besaßen im nationalsozialistischen Jargon den Wohlklang von Tugenden. Grauenhaft schien aber die Zerstörung von abendländischem Kulturgut, als dessen Bewahrer man sich ja betrachtete. Kunstschutz und Propaganda bildeten daher von Anfang an eine Einheit.

Und damit beginnt die Geschichte, die der vorliegende Band anhand von zahlreichen Beispielen erzählt. Liebevoll wurde etwa Michelangelos Statue des David zum Schutz eingemauert, während man die Juden der Stadt nach Auschwitz deportierte. Fotografen knipsten im Auftrag von „Kunstschutz“ und Propagandaministerium bombardierte Kirchen, Museen oder Bibliotheken in Italien, um den „erbarmungslosen Luftvandalismus“ anzuprangern, den man im Fall von Guernica, Rotterdam oder Coventry noch als Errungenschaft gefeiert hatte. Und während man Partisanen erschoss, Antifaschisten und Oppositionelle aus Rom in die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen verschleppte, wurde die italienische Bevölkerung detailliert über den „Krieg gegen die Kunst“ unterrichtet, den natürlich die Alliierten führten: Das Buch „La guerra contro l’arte“ erschien 1944 und stellte auf Doppelseiten italienische Kunstwerke gegenüber - vor und nach der Zerstörung.

Beklemmende Kontinuität nach 1945

Der mit mehr als zweihundert Abbildungen bestückte Sammelband leistet mehr, als nur das Verhältnis von Kunstschutz und Propaganda in der Zeit von 1943 bis 1945 auszuleuchten. Geschrieben wurde ein bedeutendes Kapitel jener „Moralgeschichte des Nationalsozialismus“, deren Erforschung der Historiker Raphael Gross kürzlich eingefordert hat. Als überlegen galt im Nationalsozialismus nicht nur die Biologie des Herrenmenschen, sondern vor allem seine Moral; seine Tugenden hießen Ehre, Treue, Anstand. Im Namen des „Kulturvolks“ wurden auch in Italien die Maßstäbe des Grauenhaften verschoben. Mit Tränen in den Augen schützte man Michelangelos steinernen David. Wer David hieß und Jude war, den steckte man ins Konzentrationslager.

Der Band endet mit dem Krieg, die Geschichte nicht. Beklemmend ist der Blick auf die Kontinuitäten nach 1945: Mit viel Pomp wurde nun von Kunsthistorikern die ehemals „entartete Kunst“ rehabilitiert. Weniger interessant als Gemälde oder Skulpturen waren weiterhin Menschen - vertriebene Fachkollegen, deportierte oder ermordete Sammler und ihre Nachkommen.

„Kunsthistoriker im Krieg“. Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943-1945. Hrsg. von Christian Fuhrmeister, Johannes Griebel, Stephan Klingen und Ralf Peters. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2012. 450 S., Abb., br., 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.

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