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Sachbuch-Überblick Die Zeit brennt

29.09.2006 ·  In diesem Herbst wird die Zeit knapp. Wir leben unter Bedrohungen unserer Freiheit und unserer Kultur. Die neuen Sachbücher beleuchten unsere porös gewordene Lebenswelt.

Von Eberhard Rathgeb
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Der diesjährige Bücherherbst der Sachbücher zeigt eines ganz klar: daß die unmittelbare Gegenwart einen fest am Wickel hat, daß man sich aus ihr ohne große Verluste nicht herauswinden kann. Gegenwart - das ist in hohem Maße wieder Politik, und die Politik, die wir machen, entspricht unserer gelebten Kultur.

Doch unsere Lebenswelt ist durchgehend porös geworden, überall zeigen sich Risse; was festgefügt erschien, driftet mit ungeheurem Tempo auseinander; was aussah, als würde es noch eine Weile funktionieren, funktioniert nicht mehr. Das gilt für die Kreise im Großen, das gilt für die Kreise im Kleinen.

Rasantes Stichwort zur rasenden Zeit

Der Philosoph Peter Sloterdijk, der Gespür hat für allgemeine mentale, für kollektivseelische Verschiebungen, gibt uns mit seinem aufregenden Buch über „Zorn und Zeit“ (erschienen im Suhrkamp Verlag) ein neues Vokabular an die Hand, mit dem wir unsere Gegenwart besser in den Griff kriegen sollen.

Zornkollektive heißt sein rasantes Stichwort zur rasenden Zeit - gefaßt vor dem düsteren Hintergrund der islamistischen Bedrohungen der westlichen Kultur, vor der wir nicht in falscher Ruhe und eingebildeter Ausgeglichenheit, vor der wir nicht in Starre verharren dürfen.

Wer das neue Buch der holländischen Frauenrechtlerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali liest („Mein Leben, meine Freiheit“, Piper), die Holland wegen der Bedrohung durch islamistische Dunkelmänner verlassen mußte und jetzt in den Vereinigten Staaten lebt, der wird sich nicht zurückziehen können, der wird die Bedrohung unserer Freiheitsrechte durch Extremisten als das zentrale Thema begreifen, eine Bedrohung durch Extremisten, die im Namen des Islam Morddrohungen auch gegen Hirsi Ali ausgestoßen haben - Morddrohungen, die ihrem Freund, dem Filmregisseur Theo van Gogh, mitten im freien Westen das Leben gekostet haben, als er wegen eines islamkritischen Films im November 2004 in Amsterdam erschossen wurde.

Der großen Worte müde

Die eigene Lebensgeschichte wird in die Waagschale der Politik geworfen - als sei man der großen Worte müde geworden, die sich nur im Prinzipiellen bewegen, in lauter Tüfteligkeiten, aber das gelebte Leben nicht erreichen, geschweige denn aufrütteln. Das gelebte Leben wird zum Argument, mit dem man sich Gehör zu verschaffen versucht. Das alles sieht so aus, als wären die Diskussionen um theoretische Feinheiten öffentlich an ein gewissen Ende gelangt, als würde jetzt die Wahrheit ganz auf die Existenz gestützt.

Dem entspricht die Einsicht der Baseler Philosophen Michael Hampe („Die Macht des Zufalls“, Wolf Jobst Siedler jr.), daß wir letztlich besser mit dem Zuspruch zum Zufall als mit der Risikovermeidungshysterie leben - so wie wir allen klugen Erwägungen zum Trotz immer mit der Existenz und mit dem Lebensgefühl rechnen müssen.

Erschütternder Bericht

Wir sitzen in Westeuropa auf einer Insel der Freiheit und Gerechtigkeit - und stellen zunehmend fest, daß diese Insel der halbwegs Seligen ganz real bedroht ist. Diese Insel schwimmt in einem Meer, das uns mit allem drum herum verbindet. Ein Blick allein in das riesige Reich China, wo der Aufbruch in die industrielle und technische Moderne mit einer unsäglichen Armut auf dem Land korrelliert, lehrt uns, daß hier Sprengstoff für eine soziale Revolution in China lagert, deren Fernwirkungen nicht abzusehen sind.

Noch können wir uns täglich über unserer Errungenschaften freuen. Der aufsehenerregende und erschütternde monumentale Bericht „Zur Lage der chinesischen Bauern“ (Zweitausendeins) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem Staatsbesuch in China die beiden Autoren Chen Guidi und Wu Chuntao besucht - ist auch ein Korrektiv für alle banalen Globalisierungsvorstellungen, aus denen die trügerische Hoffnung spricht, daß der freie Markt einmal eine freie Welt entstehen lassen wird, wo wir alle in Frieden leben werden.

In einer falschen Sicherheit

Der amerikanische Journalist Thomas L. Friedman hat diesen auf fatale Weise naiven Traum auf vielen flott geschriebenen Seiten gleichsam repräsentativ für die neoliberalistischen Träume geträumt („Die Welt ist flach“, Suhrkamp) - und damit eineinhalb Millionen Leser, die von den kursierenden globalen Zukunftszenarien verunsichert sind, letztendlich in einer falschen Sicherheit gewiegt.

Einer Sicherheit, die aus seiner ökonomistischen Sicht auf die Welt kommt und die er vor allem seinen amerikanischen Landsleuten nahebringen möchte, damit sie mehr arbeiten und leisten, um so vor dem anrückenden Heer von Indern und Chinesen, die alle mit Computern bewaffet sind, zu bestehen. Doch die Welt ist nicht so flach wie ein Geldschein (siehe auch: ).

Die Bewohner des blauen Planeten trennen grabentief immer noch ihre Kulturen, ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe. Eine weltweite Diskussion darüber, wie wir leben wollen, wird durch die Globalisierung nicht ausgelöst werden. (Und nicht einmal hierzulande wird es, leider, zu einem solchen Gespräch kommen.)

Steuererklärungen aus Indien

Sudhir und Katharina Kakars Buch über die Inder („Die Inder. Porträt einer Gesellschaft“ C. H. Beck) vermag in Hinblick auf den diesjährigen Gast der Frankfurter Buchmesse (Indien eben) diese Unterschiede der allgemeinen Daseinsbewältigung anschaulich und deutlich vor Augen zu führen - entscheidende Unterschiede der Kulturen, die nicht dadurch verlorengehen oder weggebügelt werden, daß einige halbwegs pfiffige Amerikaner ihre Steuererklärungen in Indien erstellen lassen, wie Thomas L. Friedman in heller Aufregung vermerkt.

Vielleicht entsteht diese blinde Welteinheitseuphorie nur in den Köpfen von Leuten, die gar nichts mehr oder wenig von den Grundlagen und der gedanklichen Schwere der westlichen Kultur wissen - in den Köpfen von Leuten, die einige Tendenzen der Gegenwart vorschnell und vorlaut extrapolieren und damit an der Gegenwart und Zukunft vorbeisausen.

Die Schulen haben versagt

Wie aber kam es, daß in den Köpfen nichts mehr drin ist? Die Schulen haben versagt, die Universitäten haben versagt bei der Tradierung des ideellen Stoffes, aus dem wir auch gemacht sind. Ob wir mit mehr Disziplin, wie ein ehemaliger Internatsdirektor in diesem Herbst energisch fordert (Bernhard Bueb: „Lob der Disziplin“, List), die Schüler dazu kriegen, ihre Hausaufgaben zu machen (siehe auch: Bernhard Bueb: Die Macht der Eltern)?

Konrad Adam weist einen anderen Weg. Er hat mit seinem Rundgang durch die Welt der Antike („Die alten Griechen“, Rowohlt) vorbildlich vorgemacht, wie man jenen geistigen und faktischen Stoff, der die Grundlage unserer Kultur ist, darstellen muß, damit die intellektuelle Jugend nicht den Faden der Tradition verliert und darauf völlig im luftleeren Raum hängt. Gegen beleidigte Zornkolletive hilft immer auch das Wissen um die Größe und Eigenart des eigenen Herkommens - ein Wissen, das der Globalisierung meistens rasch zum Opfer fällt.

Das beste Haus gegen die Angriffe

Die wackelige unsichere Gegenwart ermahnt uns gleichsam mit dem Dichter Gottfried Benn, endlich besser mit unseren Beständen zu rechnen und vehementer für diese Bestände einzutreten.

Das reine, das kühle Wissen um das Eigene aber nützt wenig, wenn es nicht mit Temperament angeeignet und vorgebracht wird (wofür Konrad Adams Buch ein sehr gutes Beispiel gibt). Nicht eine Gesellschaft allein, sondern eben eine vitale Gemeinschaft bildet das beste Haus gegen die Angriffe der Beleidigten.

Der Weg von jener auch intellektuellen Vitalität bis zur Traurigkeit des großen Gelehrten George Steiner („Warum Denken traurig macht“, Suhrkamp) ist weit - und er ist nur dann als konsequent zu verstehen, wenn man diesen Weg einmal umgekehrt geht: Die Traurigkeit, die das Denken dem Denkenden bereitet, kommt ja aus der Einsicht, daß nur das Temperament dem Denken jene Farbe, Wärme und Kontur gibt, die es braucht, um sich nicht zu verlieren und aufzulösen.

Retten, was zu retten ist

Wir lesen in diesem Herbst deswegen nicht mehr zur Erbauung, wir lesen, um zu retten, was zu retten ist. Im Buch steckt nicht alle Zeit der Welt, die besten Bücher rennen uns voraus, weil uns die Zeit der Welt davonrennt. Wer heute auf Langsamkeit setzt, der hat aufgegeben.

Wir wissen: Man kann nicht wirklich alles verstehen, man kann nicht wirklich für alles Verständnis haben. Denn wer das glaubt, wer so weit gekommen ist, der hat sich, der hat seine, der hat die Welt verloren.

Quelle: F.A.Z., 30.09.2006, Nr. 228 / Seite 39
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