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Sachbuch „Kaltland“ : In der Fremde

Lakonische Schilderungen eines aberwitzigen Alltags: Die Autorin bringt Flüchtlingen in der ostdeutschen Provinz Deutsch bei. Bild: dpa

Eine präzise Reportage, die sich Gesinnungskommentare erspart: Jasna Zajček beschreibt in „Kaltland“ ihre Arbeit mit Flüchtlingen.

          Den Pass und andere Urkunden haben fast alle Flüchtlinge weggeschmissen oder „verloren“, denen Jasna Zajček bei ihren Recherchen begegnet. Die Journalistin hat viele Jahre in Damaskus und Beirut gelebt, spricht Arabisch in vielen Dialekten, ist mit den Verhältnissen in den Herkunftsländern bestens vertraut und kann darum nicht nur vielen helfen, die in den Jahren 2015/16 auf abenteuerlichsten Wegen nach Deutschland gelangten. Sie erkennt auch ziemlich schnell – im Unterschied zu Beamten und Dienstleistern, die versuchen müssen, das Chaos der ungesteuerten Einwanderung von Hunderttausenden Menschen irgendwie zu managen –, wen sie vor sich hat. Verzweifelte oder Dreiste, Opfer des Krieges oder untergetauchte Nutznießer des Systems; sie identifiziert deutsche Salafisten, die sich ungehindert und eloquent sofort unter die Elenden vor den Registrierungsstellen mischen, kann ahnungslose Helfer beraten und entschließt sich schließlich, nach Sachsen zu gehen, um dort, wo die Willkommenskultur keine Wurzeln schlagen will, den Deutschunterricht anzukurbeln.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          „Kaltland“ ist eine präzise recherchierte Reportage über diese Zeit, die sich Gesinnungskommentare weitgehend erspart, dafür mit unparteiischem Blick für die Ambivalenz der neuen deutschen Zustände alle zu Wort kommen lässt, die mit ihnen freiwillig oder gezwungenermaßen konfrontiert wurden. Zajčeks provisorische Schule muss anfangs ohne Lehrmaterial auskommen, weil eine sogenannte Bildungsagentur aus Berlin, eines dieser ohne Überprüfung gegründeten „Start-ups“, nicht in der Lage war, das zu organisieren. Die Porträts ihrer erwachsenen Schüler, Analphabeten, Bauernjungs, Städter, Studierte, manche lustlos, andere einfach überfordert und nur einige wirklich interessiert, fügen sich zusammen zu einem vagen Bild vom „das“, was wir laut Kanzlerin schaffen sollen. Ort der Handlung ist überwiegend das provisorische Flüchtlingsheim im sächsischen Tipschitz, weitab von der nächsten Stadt und auch weitab von ihrem Auftraggeber in der Bildungsagentur, einem Berliner Türken, der mit Zajček nur über seine „Cousins“ kommuniziert, dabei aber gut verdient.

          Die Autorin und ihr Buch: Jasna Zajčeks „Kaltland“. Unter Syrern und 
Deutschen, erschienen bei Droemer Verlag, München 2017. 256 S., geb., 19,99 Euro.

          Einheimische Männer fühlen sich verschmäht

          Sie hört den irritierten Dorfbewohnern zu, besucht die AfD und Wutbürger genauso wie professionelle Helfer. Tragikomisch ihr Bericht über die einheimischen Männer – offenbar längst in der Minderheit nach massiver Frauenabwanderung –, die sich verschmäht fühlen wegen der hübschen jungen Fremden. Die Schilderung der Heimküche, in der arabische Männer, die dies vorher nie mussten, selbst kochen sollen, lässt den Leser ahnen, welche kulturellen Probleme hier zu bewältigen sind.

          Die Autorin streut in ihre Berichte immer wieder Hintergrundinformationen über die Herkunftsländer ein. Saubermachen jedenfalls, das ist für arabische Männer selbstverständlich, muss der nervenstarke deutsche Hausmeister. Zajčeks lakonische Schilderungen dieses aberwitzigen Alltags, der verblüffenden Ansprüche, die viele Flüchtlinge an das Aufnahmeland stellen, ihre Ängste vor Verfolgern, denen sie entkommen zu sein glaubten und die sie, anders als die überforderten Behörden, sofort erkennen, machen diese Reportage zu einem Zeitdokument von hoher Authentizität. Ihr Lieblingsschüler will zum Schluss in die AfD eintreten.

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