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Das Geheimnis von Rechnitz : Die mit den Mördern tanzte

Das Schloss Rechnitz: Hier wurde im März 1945 bei der Familie Batthyánys ein großes Fest gefeiert. Die Gäste ermordeten 180 Juden und vergnügten sich anschließend weiter. Bild: DUMMY

In einer Märznacht 1945 geschah beim Schloss seiner Großtante ein Massenmord: Sacha Batthyany erforscht ein Kapitel seiner Familiengeschichte und schreibt darüber ein Buch: „Und was hat das mit mir zu tun?“

          Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Russen schon an der Donau standen, fand in Rechnitz eines der schlimmsten Kriegsverbrechen Österreichs statt: In dem kleinen Grenzort zu Ungarn wurden in einer Nacht hundertachtzig jüdische Zwangsarbeiter ermordet, ihre Leichen verscharrt und das Verbrechen jahrzehntelang totgeschwiegen. Erst ein Dokumentarfilm von Eduard Erne und Margareta Heinrich rückte in den Neunzigern die Tat wieder ins Bewusstsein. Bis heute wurde das Massengrab nicht gefunden und keiner der Haupttäter je zur Verantwortung gezogen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei waren die Mörder, lokale Nazi-Größen, keine Unbekannten gewesen. Ehe sie in die mondhelle Märznacht des Jahres 1945 hinaustraten und Jagd auf ihre Opfer machten, hatten sie auf Schloss Rechnitz ein großes Fest gefeiert. Sie hatten getanzt und getrunken, und nachdem sie die ungarischen Juden niedergemetzelt hatten, kehrten sie ins Schloss zurück und feierten weiter.

          Der Familienname ist die Verbindung

          Der Journalist Sacha Batthyany hörte 2007 zum ersten Mal von Rechnitz. Doch nicht etwa, weil in seiner Familie darüber gesprochen wurde. Vielmehr fragte ihn eine Kollegin: „Was hast du denn für eine Familie?“ Denn Batthyany, dieser Name, der Bilder der Donaumonarchie heraufbeschwört, an Bischöfe, Ministerpräsidenten und Sissi-Filme denken lässt, wurde plötzlich in einem Atemzug mit Rechnitz genannt. Batthyanys Großtante, Gräfin Margit Thyssen-Batthyány, bewohnte damals Schloss Rechnitz. Sie war die Gastgeberin des Gefolgschaftsfests.

          Sacha Batthyany: „Und was hat das mit mir zu tun?“ Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2016. 256 S., geb., 19,99 €.

          Einmal auf das Geheimnis der Familie gestoßen, lässt sich der in der Schweiz aufgewachsene Autor, der heute als Korrespondent in Washington arbeitet, nicht mehr davon abbringen. Er beginnt eine intensive Befragung seiner Familie und seiner selbst, die ihn sieben Jahren beschäftigen und von Ungarn über Sibirien bis nach Buenos Aires und auf die unbequeme Couch eines Psychoanalytikers führen wird. Batthyany hat viele Fragen, auf die er nicht immer Antworten erhält: Wie die Bewohner von Rechnitz beschweigen auch große Teile seiner Familie die Vergangenheit. Erst rückblickend begreift der Autor aber auch, dass etwa dem Schweigen des Vaters, selbst ein Kriegsflüchtling aus Ungarn, der unbedingte Wille zum Neuanfang innewohnte: Die Schweiz, dieses „wattierteste aller Länder Europas“ sei für diese Generation ein „Spieleland“ gewesen, in dem sie die Last vergangener Tage abzustreifen hofften.

          Als Journalist auf privater Spurensuche

          Batthyanys Recherche ist eine Gratwanderung, weil er seinen Stoff zwar als Journalist behandelt, wenn er Archive in Bern und Berlin konsultiert, Zeitzeugen aufsucht und Fakten zusammenträgt, gleichzeitig aber sich selbst immer als handelnde Person im Geschehen verortet: „Es ging jetzt nur noch um mich.“ Der persönliche Zugang und nicht zuletzt eine Ehrlichkeit, die ungeschützt viel über den Autor selbst preisgibt, lassen den Bericht eines Kriegsenkels glaubwürdig erscheinen. Wenn er mit dem Vater auf den Spuren des verschleppten Großvaters reist oder im Tagebuch der Großmutter auf eine nach Argentinien emigrierte Familie stößt, deren Wege sich im Krieg mit seiner Familie schicksalhaft kreuzten, dann gehört dies zu den starken Passagen dieser Ermittlung in eigener Sache.

          Welche Rolle Margit Thyssen-Batthyány in jener Märznacht 1945 spielte, ob sie nur Gastgeberin der Nazi-Party war oder selbst zur Waffe griff, ist bis heute ungeklärt. Dazu steuert leider auch ihr Großneffe keine neuen Fakten bei. Batthyany referiert lediglich die Ergebnisse seiner Nachforschungen, wonach sich die Gräfin nicht am nächtlichen Massaker beteiligte. Von der Verantwortung spricht er sie dennoch nicht frei. Zweifellos sei sie eine Mitwisserin gewesen, die mit den Mördern „lachte und tanzte“. Und sie war es demnach auch, die nach dem Krieg nicht nur die Ermittlungsbehörden, sondern auch die Familie unter Druck setzte. „Das Geld hat euch stumm gemacht“, wirft Batthyany seinem Vater in einem Telefonat vor. Weil „Tante Margit“ alles bezahlt habe, konnte sie entscheiden, worüber man sprach und worüber nicht.

          Geschwiegen wird heute, mehr als siebzig Jahre nach der Mordnacht, nicht mehr. Es finden Tagungen zu Rechnitz statt, Bücher erscheinen, Elfriede Jelinek hat ein Theaterstück geschrieben. Die Täter sind längst gestorben. Aber noch immer liegen irgendwo in der Nähe des Kreuzstadels die sterblichen Überreste ihrer Opfer. Es wäre an der Zeit, sie endlich zu finden.

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