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: Rückkehr ins Wortparadies

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Die feine ältere Dame schwieg während der Diskussion. Sie stellte keine Fragen und machte keine Einwände. Trotzdem mußte man sie im Publikum bemerken. Denn es schien, als hörte sie nicht nur den Worten zu, sondern als lauschte sie mit all ihren Sinnen einem Klang nach, der aus einer anderen Zeit ...

          Die feine ältere Dame schwieg während der Diskussion. Sie stellte keine Fragen und machte keine Einwände. Trotzdem mußte man sie im Publikum bemerken. Denn es schien, als hörte sie nicht nur den Worten zu, sondern als lauschte sie mit all ihren Sinnen einem Klang nach, der aus einer anderen Zeit herübertönte. Als die Veranstaltung zu Ende ging, wurde sie mit einemmal unruhig, ging eilig ein paar Stufen des Auditoriums hinunter, trat zum Redner und stellte sich vor.

          Stammte sie aus Breslau, wie die Erinnerung es will, oder aus München - jedenfalls kam das, was sie sagte, und vor allem, wie sie es sagte, aus einem Deutschland vor dem Nationalsozialismus, vor dem Ersten Weltkrieg noch. In einer ungemein einnehmenden Weise trat dem Besucher eine Form des bürgerlichen Habitus entgegen, den man heute in Deutschland kaum mehr findet. Mit keiner Spielart in anderen Ländern zu vergleichen, hält diese Bürgerlichkeit des Umgangs die Balance zwischen Offenheit und Witz auf der einen und schonender Distanz auf der anderen Seite. Nie aufdringlich, niemals kalt. Diese noblen Vertreter der Jeckes, wie man die aus Deutschland stammenden Immigranten in Israel spöttisch nennt, hinterlassen beim deutschen Besucher einen bleibenden Eindruck. Sie verkörpern jenes Deutschland, sprechen jenes Deutsch, das, vor dem Nationalsozialismus gerettet, in Israel wie das Museum einer lebendigen Hoffnung auf eine deutsche Heimat, wie der gerettete Schatz eines anderen, besseren Deutschland wirkt.

          Wer, wie jetzt beim Streit um die Rede des Bundespräsidenten vor der Knesset geschehen, das Deutsche nicht offiziell hören mag (F.A.Z. vom 18. Januar), dem könnten womöglich Zweifel kommen beim Lesen jener deutschen Literatur, die in Israel selbst bis heute geschrieben wird. Es ist ein kulturhistorischer Glücksfall und eine verlegerische Tat, daß Dorothee Wahl die deutschsprachigen Dichterinnen und Dichter des Lyris-Kreises in Jerusalem bekannt macht und deren Lyrik präsentiert. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von zwölf Dichtern, fast alle Emigranten aus Deutschland, aus der Bukowina und Österreich, die sich auf Initiative der aus Königsberg stammenden Lyrikerin Annemarie Königsberger seit 1982 einmal im Monat treffen, um sich ihre Gedichte vorzulesen und wieder in der Vergangenheit zu Hause zu sein. Jedes Mitglied des Kreises wird in einem Interview ausführlich dargestellt, die Lebensstationen anhand von Fotografien vor Augen gestellt. Ergänzt wird der Band durch zwei lesenswerte Aufsätze über "Die Wege nach Palästina" und die deutschsprachigen Dichter in Israel. Der Kreis bringt Anthologien heraus, in denen neben Gedichten ihrer Kernmitglieder auch Texte von Gästen erscheinen.

          Es handelt sich hier um die Manifestationen einer Monatssprache, wie Wilhelm Brunners, als katholischer Priester dem Kreis angehörend, in dem Gedicht "Lyris" schreibt. An einem Sonntag im Monat rufen sie die alten Worte herbei, nehmen jedes einzelne wörtlich und finden "auch mit brüchiger werdender Stimme" all jene Worte, die "längst nicht zu Ende gesagt" sind. Das Sonntagstreffen ist eine Rückkehr in das Land der Kindheit, mit seinen Gerüchen, Lauten und Landschaften, aber es ist zugleich auch, als müßten die, die hier deutsche Gedichte schreiben, jedesmal durch die Wand der Geschichte brechen, um in den Paradiesgarten der alten Wörter zu gelangen. Diese Zeitreise zerrt an ihnen und auch an den Wörtern, die sie mitnehmen wollen. Diese zwiespältige Begegnung prägt die Gedichte des Kreises. Wer die Interviews dazu liest, beginnt zu verstehen, warum die deutsche Sprache für diese Dichter nicht zuerst die Sprache ihrer früheren Verfolger ist, sondern jene Sprache, mit deren Hilfe sie Teile ihrer eigenen Lebensgeschichte wieder lebendig werden lassen. Zugleich bleibt das Deutsche für sie die Sprache der Phantasie. Und das bedeutet die Sprache der Freiheit, auch der Befreiung von der eigenen Biographie, wenn sie zu schwer und zu fremd zu werden droht.

          Die Lyrikerin und Künstlerin Eva Avi-Yonah, die als das Herz des Lyris-Kreises gilt und in deren Wohnung man sich trifft, stammt aus Wien, wo sie 1921 als Eva Boyko geboren wurde. Ihre Eltern emigrierten 1935, rechtzeitig vor dem sogenannten Anschluß Österreichs, nach Palästina. Nach dem Gymnasium, das sie wegen ihrer mangelhaften Hebräischkenntnisse, vor allem aber wohl wegen der Verunsicherung in der völlig neuen Umgebung nicht mit dem Abitur abschloß, lernte sie bei Mordechai Ardon Zeichnen und heiratete einen Silberschmied aus Deutschland, für dessen Beruf man allerdings in Israel damals noch sowenig Verwendung hatte wie für Zeichenlehrer. Es kam zur Scheidung, sie ging nach Paris, weil sie die Landwirtschaft als dominante Lebenskultur nicht ertrug, kehrte zurück und arbeitete dann als Kunstlehrerin.

          Das Kind, das sie in zweiter Ehe bekam, erzog sie zunächst zweisprachig, aber der Junge wurde im Kindergarten so sehr als "Deutscher" gehänselt, daß er für immer einen Widerwillen gegen das Deutsche beibehielt. Eines der Gedichte, das für den ganzen Band stehen kann, trägt den Titel "Was ich lernen sollte" und kreist um den Spruch ihrer Mutter "Das soll dir eine Lehre sein!", den sie zu hören bekam, als sie als Kind eine Wespe retten wollte, von der sie dann gestochen wurde. "Und nun denke ich nach schon an die siebzig Jahr: Was sollte ich lernen?" Das ist die Frage, die der Band beantwortet, indem auch er rettet, was immer noch stechen kann.

          MICHAEL JEISMANN

          "Lyris". Deutschsprachige Dichter und Dichterinnen in Israel. Vorgestellt von Dorothee Wahl. Beerenverlag, Frankfurt am Main 2004. 170 S., geb., 29,- [Euro].

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