http://www.faz.net/-gr3-16ujg

Roland Barthes: Mythen des Alltags : Gemeinplätze muss man nur richtig zu dechiffrieren wissen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ideologiekritik mit Flaubert: Die „Mythen des Alltags“ von Roland Barthes liegen nun zum ersten Mal in einer vollständigen deutschen Fassung vor.

          Erstaunlich ist zunächst einmal, wie viel man damals dem deutschen Leser nicht hat zumuten mögen, oder, was auf das Gleiche hinausläuft, wie wenig man ihm zugetraut hat. Damals, das war 1964, als Roland Barthes' „Mythen des Alltags“ erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, in einem hübschen schmalen Bändchen der noch jungen edition suhrkamp (Nr. 92!), das am Ende mit einer Notiz versehen war, in der es hieß, es handele sich um eine Auswahl aus dem Original: „Fortgelassen wurden in der deutschen Ausgabe einige kürzere Texte des ersten Teils, deren Thematik und Bedeutung einem mit den Verhältnissen in Frankreich wenig vertrauten Leser nur unzureichend sich erschlossen hätten.“ (Man beachte die Adornosche Positionierung des „sich“.)

          Wer sich später einmal das Original gekauft hat oder wer nun die gerade erschienene erste vollständige deutsche Übersetzung in der Hand hält, der weiß, dass dieser Satz schon an beinahe stalinistische Retuschierkunst grenzt. Fortgelassen wurden nämlich nicht einige kürzere Texte, sondern deren vierunddreißig von insgesamt dreiundfünfzig. Und über die Auswahlkriterien kann man sich im Nachhinein noch immer verwundern, denn unzureichend erschließt sich dem heutigen Leser, was zum Beispiel Barthes' glänzende Analyse der Chaplinschen Filmkunst, insbesondere des Films „Moderne Zeiten“, mit spezifisch französischen Verhältnissen zu tun hat. Oder warum zwar damals der Artikel „Beefsteak und pommes frites“ übersetzt wurde, nicht aber der Komplementärartikel über „Wein und Milch“. Etwaige kulturelle Differenzen hätten sich schon damals durch entsprechende Anmerkungen des Übersetzers überwinden lassen können, wie sie für die jetzige Ausgabe der versierte Barthes-Übersetzer (und -Interpret) Horst Brühmann geliefert hat.

          Kunst des Zeichenlesens

          Genug der Schelte. Schließlich hat der Suhrkamp Verlag ja doch nachgeholt, wozu er sich vor sechsundvierzig Jahren nicht entschließen konnte. Und das schmale Bändchen hat in diesen Jahren bis heute sechundzwanzig Auflagen erlebt und mehrere Generationen Leser in die Barthessche Kunst des Zeichenlesens eingeführt. Ums Zeichenlesen, um Semiologie geht es ja. Was damals so faszinierend und neu war für einen jungen Leser und was offenbar an Faszination nicht verloren hat, das ist Barthes' Blick auf nicht nur alltägliche, sondern auch sogenannte natürliche Phänomene, die keine sind, sondern Barthes' Lieblingsgegner, dem französischen Kleinbürgertum, nur so erscheinen.

          Denn bei der Lektüre der vorliegenden Übersetzung fällt auf, was bei der ersten vor mehr als vierzig Jahren vielleicht noch übersehen werden konnte. Barthes beschränkt sich keineswegs darauf, anhand von Phänomenen der Massenkultur seine Dechiffrierkunst vorzuführen, deren bekanntestes Beispiel wohl seine Analyse des Citroën DS von 1955 geworden ist, dessen Foto folgerichtig auch den Umschlag des jetzt vorliegenden Bandes ziert. Diese Dechiffrierkunst steht vielmehr immer im Dienste der Kritik, und gut links richtet sich diese Kritik durchgängig gegen die ideologische Verwandlung von Geschichte in Natur. Ottmar Ette hat diesen Ansatz in seiner brillanten intellektuellen Biographie von Barthes als „nicht marxistisch, wohl aber ,marxisierend'“ bezeichnet und lapidar festgestellt: „Die Mythen des Kleinbürgertums sind umgeschlagen in den Mythos vom Kleinbürgertum.“ Daraus lässt sich dann ein brauchbarer Feind basteln, eher eine Schießbudenfigur, auf die sich trefflich zielen lässt.

          Weitere Themen

          Dem Gesetz zum Trotz

          Polnische Bucherfolge : Dem Gesetz zum Trotz

          Polens nationalkonservative Regierung möchte dem Land ein Geschichtsbild verordnen. Bücher von Historikern, die den Antisemitismus nicht als Import aus Deutschland darstellen, werden überraschende Bestseller.

          Topmeldungen

          Bewerbung um CSU-Vorsitz : Söders Reifeprüfung

          Auf seiner ersten Pressekonferenz als offizieller Bewerber um den CSU-Vorsitz macht Markus Söder einen gut sortierten Eindruck. Er übt sich in Selbstkritik – zumindest ein bisschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.