17.03.2010 · Vom toten Hund der Ökonomen zu einem Stichwortgeber für die Reform der Disziplin: Robert Skidelsky gibt John Maynard Keynes einen großen Auftritt.
Von Jürgen KaubeEr war der tote Hund der Wirtschaftswissenschaften. Hier und da gab es noch ein paar Ökonomen, die seine Ideen durchdachten, aber über die durften alle anderen spotten. Spätestens seit den achtziger Jahren galt John Maynard Keynes in der Volkswirtschaftslehre als ein wissenschaftlich widerlegtes, einst politisch gefährliches, inzwischen aber lachhaftes Gespenst. Bekräftigt wurde diese Erledigung noch durch den in den achtziger Jahren aufkommenden Titel „neokeynesianische Ökonomie“. Den reklamierten nun Autoren für sich, die Unvollkommenheiten in Kredit- oder Arbeitsmärkten ins Kalkül zogen, also etwa ungleiche Informiertheit unter Vertragspartnern oder nach unten unflexible Löhne. Das hatte zwar mit Keynes’ ökonomischer Theorie nicht viel zu tun, aber sein Name war eben, da mit dieser Theorie gar nichts mehr verbunden wurde, frei geworden zur Bezeichnung von jedwedem Erklärungsversuch dafür, dass Vollbeschäftigung nicht erreicht wird und nicht jeder von seiner Bank einen Kredit bekommt.
Seit der Finanzkrise ist das anders. Die Wirtschaftswissenschaften üben sich zwar zu großen Teilen in doppelter Rechthaberei: Erstens hätten sie es vorhergesagt, und zweitens sei der Staat an der Misere schuld. Aber vereinzelt wird den Ideen von Keynes doch eine neue Gegenwart attestiert. Man ist sich, wie Paul Krugman, der Frontmann dieses neuen Interesses, geschrieben hat, nur noch nicht einig, um welche Ideen genau es sich handelt.
Keynes' Paradox
Der englische Historiker Robert Skidelsky legt jetzt seine Version dieses Wunschs nach einem großen Wiederauftritt vor. Skidelsky ist Autor der umfassendsten Biographie von Keynes. Er war Professor für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie in Warwick – eine Biographie des englischen Faschisten Oswald Mosley hatte zuvor seiner Karriere geschadet –, er war Gründungsmitglied der sozialdemokratischen Partei Englands (SDP) und saß nach deren Auflösung als Baron Skidelsky für die Konservativen im Oberhaus, seit 2001 aber auf den „cross benches“ der weder Regierung noch Opposition zuneigenden Abgeordneten. Im vorliegenden Buch macht er seinem Ärger über die herrschende Volkswirtschaftslehre Luft. Für ihn greift zu kurz, wer an der Finanzkrise – deren Verlauf im ersten Teil des Buches noch einmal skizziert wird – den Banken, Rating-Agenturen, Regierungen oder Hedge-Fonds die Schuld gibt. Denn alles, was diese Akteure falsch gemacht haben – und es ist eine Menge zusammengekommen –, hätten sie auf der Grundlage irriger ökonomischer Ideen falsch gemacht.
Skidelsky klagt in erster Linie die Chicagoer Schule, ihre Geld- und Konjunkturtheorien sowie die These von der Börse als Idealfall eines vollkommen effizienten Marktes an. Dahinter stecke jeweils eine Vorstellung von ökonomischer Rationalität, die nichts mit dem wirklichen Handeln von Wirtschaftsakteuren zu tun habe. Dafür, dass es Unsicherheit gebe, der man keine Wahrscheinlichkeitswert zuordnen kann, hätte eine auf Mathematisierbarkeit ihrer Aussagen fixierte Forschung so wenig Sinn wie für den Nachweis von Keynes, dass nicht jedes Angebot sich seine eigene Nachfrage schafft.
Der zweite Teil des Buches gibt einen Abriss über Leben und Werk seines Helden, der vor allem als politisch denkender Mensch und als erfahrener Finanzmarktakteur geschildert wird, was ihn vor akademischer Blindheit gegenüber Irrationalität geschützt habe. Der Kern seiner Theorie ist aber wohl weniger, wie Skidelsky nahelegt, das Bestehen auf irreduzibler Unsicherheit, als das von Keynes wissenschaftlich ausgeführte Paradox, dass sich eine Volkswirtschaft arm sparen kann.
Studiengang „Keynesianismus“
Und das geht, Keynes zufolge, so: Wenn alle zugleich den Anteil ihres Einkommens erhöhen, den sie sparen wollen, dann entspricht dem, weil Sparen ja Nichtkonsumieren heißt, eine abnehmende Bereitschaft der Unternehmen, zu investieren. Zwar fallen durch das verstärkte Sparen auch die Kreditzinsen, Investionen werden billiger. Aber das billige Geld in den Markt drücken können weder Banken noch Zentralbanken, wenn die Unternehmer keine Absatzaussichten sehen. Also fallen Einkommen und Preise so lange, bis die Sparpläne der Haushalte und die Investitionspläne der Firmen wieder zueinander passen. Dieses Fallen nennt man Rezession, womit wir wieder bei der Gegenwart und der Finanzkrise wären.
Und bei Ökonomen, die – mit den Worten Nassim Talebs – finden, „dass es besser ist, unrecht zu haben, als allein dazustehen“. Keine andere wissenschaftliche Disziplin ist so unzugänglich für erwiesene Forschungsirrtümer wie die Ökonomie. Deshalb verordnet ihr Skidelsky zuletzt, nachdem er noch erzählt hat, was Keynes über das Christentum, Edmund Burke, die Ethik und den Goldstandard dachte – der Autor nimmt zu viel Rücksicht auf das, was er alles weiß –, eine wahre Rosskur.
Das Wirtschaftsstudium müsse reformiert werden, indem im Bachelor-Bereich mehr Wert auf eine historische, soziologische und politische Bildung der Volkswirte zu legen sei. Es sei die Absurdität abzustellen, dass jemand allein aufgrund mathematischer Fähigkeiten zum Ökonomen erklärt wird. Außerdem fordert Skidelsky, Mikro- und Makrökonomie in zwei getrennten Master-Studiengängen zu unterichten, damit die echten Volkswirte, entlastet vom Nachmodellieren der Entscheidungen auf Einzelmärkten, den Kopf für Keynes und das unmathematisierbare Ganze freibekommen. Der erste dieser Vorschläge ist klug, der Affekt gegen den ungebildeten Optimierfetischismus vieler Ökonomen berechtigt. Der zweite Vorschlag aber liefe darauf hinaus, einen Studiengang „Keynesianismus“ einzuführen, und damit wäre niemandem gedient.