http://www.faz.net/-gr3-16ug7

Robert B. Pippin: Hollywood Westerns and American Myth : Was will der Reptilienblick John Waynes uns sagen?

Bild: Verlag

Im Scharmützel der Scharfschützen siegt der Scharfsinn: Robert Pippin deutet die Westernregisseure Howard Hawks und John Ford als Klassiker der politischen Philosophie Amerikas.

          Ein Titel wie „Hollywood Westerns and American Myth“ lässt ein gewisses Unbehagen aufkommen. Man meint, die Wendung einfach schon zu oft gelesen zu haben. Denn dass in den klassischen Western ziemlich grundsätzliche Fragen verhandelt und tief wurzelnde Konflikte durchgespielt werden, die zwar nicht auf die Geschichte des jungen amerikanischen Gemeinwesens beschränkt, aber in ihr exemplarisch greifbar und für das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten von sicherlich größerer Bedeutung sind als die „Orestie“ für Europäer, das wird man ja nicht als originell durchgehen lassen wollen. Und ist diese mythische Prägnanz der Western nicht schon in alle Richtungen ausgelegt, kritisiert und dekonstruiert: das Thema der „Frontier“, der eroberten und gezähmten Natur innen und außen, der damit verknüpften Geschlechterrollen, der Beendigung des gesetzlosen Naturzustands durch „Recht und Ordnung“, der präsentierten Verlustrechnungen und verdeckten Unterschlagungen, die zu diesen Gründungsgeschichten gehören?

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Lektüre von Robert Pippins schmalem Band löst solche Bedenken auf. Nicht deshalb, weil der renommierte Philosophieprofessor aus Chicago über die Western von Howard Hawks und John Ford auf ganzer Linie Neues zu sagen hätte. Das wäre angesichts der aufgelaufenen Literatur über diese beiden Regisseure und die hervorstechenden unter ihren Filmen auch etwas viel verlangt. Aber Pippin zeigt sich bei seinen Interpretationen nicht nur als genauer Kenner der Filme und des Genres, er weiß dabei vor allem auch seine Akzente zu setzen. Was er damit einsichtig machen möchte, darauf verweist der durchaus überraschende Untertitel: die Bedeutung von Hawks und Ford für die in Amerika gepflegte politische Philosophie.

          Von Leidenschaften und Tugenden

          Denn diese politische Philosophie leidet in Pippins Augen - um es mit Wittgenstein zu formulieren, der immerhin auch Western mochte, allerdings nur als Mittel, die Mühen seiner philosophischen Vorlesungen aus dem Kopf zu bringen - an einer zu einseitigen Diät. Über der alles überwölbenden Frage nach der Legitimität von staatlicher Machtausübung verliere sie tendenziell deren konkrete Bedingungen aus dem Blick, nämlich die komplexe Psychologie all jener Antriebe, die das politische Feld bestimmen und sich nicht einfach in das Bild vernünftiger Abwägung von Interessen fügen: Selbstliebe etwa und Angst, genauso wie Opferbereitschaft und Loyalität, Verlangen nach Sicherheit, Wohlstand und nicht zuletzt nach Anerkennung, samt ihren heiklen Wechselwirkungen und Abschattungen.

          Fürwahr kein kleines Thema, und Pippin scheut sich auch nicht, an große Namen zu erinnern - von Plato über Hobbes und Rousseau bis Hegel -, die mit der Erkundung solcher politischen Tugenden und Leidenschaften verknüpft sind. Das macht den Einsatz klar, um den es ihm geht, wenn er bestimmte Hollywood-Western in die Reihe dieser Erkundungen stellt: als spezifisch amerikanische Weise, Geschichten von heiklen gesellschaftlichen Übergängen und den sie hervorbringenden Antrieben zu erzählen. Geschichten, die Grundkonstellationen vor Augen führen, in denen Akteure zu Typen werden und vergangene Geschehnisse offensichtlich mit Bedeutung für das gegenwärtige politische Leben aufgeladen werden - eben von mythischer Qualität.Was aber die „ambitionierten“ Western auszeichnet, auf die Pippin hinauswill,

          ist gerade der Umstand, dass sie diese mythische Qualität des Genres und der von ihm behandelten Gründungsgeschichten selbst zum Gegenstand machen: Sie unterlaufen, so könnte man sagen, das Genre mit seinen eigenen Mitteln, indem sie an entscheidenden Punkten der filmischen Erzählung Ambivalenzen erzeugen.

          Mehrdeutige Gründungsgeschichten

          Weitere Themen

          One Hour Photo

          Regisseur Paul Schrader : One Hour Photo

          Er schrieb „Taxi Driver“ und inszenierte „American Gigolo“. Jetzt hat sich Paul Schrader mit Filmen wie „Dark“ und „Dog Eat Dog“ seinen eigenen Jungbrunnen geschaffen. Wir begegnen ihm in Basel. Ein Gastbeitrag.

          „Der Ball liegt in der Politik“ Video-Seite öffnen

          Analyse zum Rundfunkbeitrag : „Der Ball liegt in der Politik“

          Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist gesichert. Doch die Medienlandschaft hat sich gewandelt – und die Frage der Wettbewerbsverzerrung muss politisch neu aufgerollt werden, fordert F.A.Z.-Ressortleiter Reinhard Müller in der Video-Analyse.

          Topmeldungen

          Bayern München : Kovac plant den Superkader

          Noch hält sich der FC Bayern auf dem Transfermarkt zurück. Angeblich soll aber nun der Wechsel von Weltmeister Benjamin Pavard bevorstehen. Dafür enthüllt der Klub schon mal das neue Ausweichtrikot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.