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Richard Wrangham: Feuer fangen : Liebe geht durch den Magen

Bild: Verlag

Für Richard Wrangham ist das Kochen der Anfang aller Dinge. Sein Buch vertritt eine kulinarische Theorie darüber, wie unsere Zivilisation entstand.

          Dass das Kochen die vornehmste Kulturtechnik und der Siegeszug der Tiefkühlpizza ein schrecklicher zivilisatorischer Rückschritt ist, war uns schon immer klar. Dass aber das Kochen den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht und am Anbeginn aller Evolution steht, dass wir ohne die Fähigkeit des Bratens und Dünstens bis heute auf dem Baum säßen und Blätter knabberten, das ist schon allerhand – und freut uns natürlich umso mehr. Der in Havard lehrende Anthropologe Richard Wrangham ist genau davon überzeugt: Alles haben wir der Kunst des Kochens zu verdanken, den aufrechten Gang, die Vergrößerung des Gehirns, die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, die Herausbildung der Gesellschaft, das Entstehen der Zivilisation.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Der fundamentale Zusammenhang zwischen der Beherrschung des Feuers und der Entwicklung des Kochens spielt zu Wranghams Verwunderung in der Evolutionstheorie keine Rolle. Charles Darwin nannte zwar die Zähmung des Feuers „die wahrscheinlich größte Entdeckung mit Ausnahme der Sprache“, fragte sich aber nicht, wann der Mensch es zu beherrschen lernte – er nahm an, dass er schon Mensch war, als er es tat, das Feuer bei der Menschwerdung also keine Rolle spielte und deswegen auch das Kochen biologisch irrelevant sei. Claude Lévi-Strauss hielt das Kochen zwar für ein wesentliches Merkmal des Menschseins, maß ihm aber nur psychologische Bedeutung bei. Die entscheidende Frage hat nach Wranghams Meinung weder die Anthropologie noch die Gastrosophie bisher gestellt: Wie, wann und warum hat das Kochen den Menschen geformt?

          Mehr Energie fürs Gehirn

          Wrangham musste keine archäologischen Sensationsfunde machen, um seine Evolutionstheorie zu entwickeln. Er hat nur eine neue Perspektive gewählt, die radikal auf das Kochen zentriert ist, und kann so verblüffende, plausible Schlüsse ziehen. Er stellt zum Beispiel fest, dass es auf der Erde keine einzige reine Rohkostkultur gibt. Alle Zivilisationen kochen. Niemand außer ein paar Karottenfanatikern in hochzivilisierten Gesellschaften verzichtet freiwillig auf Gekochtes.

          „Wir sind nicht wie andere Tiere“, folgert Wrangham daraus, und doch teilen andere Tiere unsere Vorliebe für Gegartes – Verwandtschaft lässt sich eben nicht verleugnen. Schimpansen im Senegal zum Beispiel fressen den Samen des Afzeliabaumes nur, wenn es in der Savanne gebrannt hat und er geröstet ist. Dass es nach der Beherrschung des Feuers lange gedauert hat, bis man es zum Kochen benutzte, hält Wrangham für unwahrscheinlich. Denn der Mensch fing nicht an zu kochen, weil er schlau geworden war, sondern er wurde schlau, weil er anfing zu kochen. Der Schlüssel war die Energie, die in gegartem Essen in viel größerem Maß steckt als in rohem. Je größer das Gehirn eines Lebewesens ist, umso höher ist sein Energiebedarf. Das Gehirn eines Menschen im Ruhezustand verbraucht zwanzig Prozent der aufgenommenen Nahrungsenergie, obwohl es nur 2,5 Prozent unseres Körpergewichts ausmacht. Ohne die Kunst des Kochens hätte sich also das menschliche Gehirn gar nicht so dramatisch vergrößern können.

          Und seine neu gewonnene Schlauheit nutzte der Mensch, um die Kochtechniken immer weiter zu verfeinern. Er erfindet den Erdofen und gart dort in Blätter eingewickeltes Fleisch. Er benutzt – wie bis heute die Ureinwohner der Andamanen – Schildkrötenpanzer als Pfannen und erhitzt wie die Yamana in Feuerland Steine, um sie als Waffeleisen einzusetzen. Er gewinnt dadurch noch mehr Energie für sein Gehirn, und so geht es immer weiter, immer klüger wird erst der Homo erectus, dann der Homo sapiens allein dank guten Essens – ein interessanter Gedanke, den man bei McDonald’s ruhig als Warnhinweis auf die Burgerpappschachtel kleben sollte.

          Alternatives Turnen

          Richard Wrangham selbst ist bestimmt auch ein leidenschaftlicher Hobbykoch und beschäftigt sich mit den Knochen des Homo heidelbergensis genauso liebevoll wie mit den Knochen für den Kalbsfond. Wir erfahren: Gekochtes Essen kann der Mensch viel schneller aufnehmen und verdauen als rohes. Schimpansen kauen sechs Stunden am Tag, haben deswegen zu nichts anderem Zeit und bleiben lebenslang dumm – und würden übrigens auch niemals ihr Essen teilen, sind also dumm und gemein. Der Urzeitmann hingegen geht auf die Jagd, während die Dame der Höhle kocht, er kommt erst in der Dämmerung heim zu seiner Familie, isst ein leicht bekömmliches, weil gekochtes Abendessen im Schein des Feuers und sinkt glücklich, satt und zufrieden aufs Nachtlager.

          Dass die Frau am Herd stand, war also jahrtausendelang eine anthropologische Notwendigkeit. Dass diese Zeit schon lange vorbei ist, begreifen die Männer allerdings erst sehr zaghaft; in den siebziger Jahren untersuchten Anthropologen das Kochverhalten von 185 Kulturen und stellten bei fast 98 Prozent fest, dass Kochen Frauensache ist.

          „In der Hypothese, dass das Kochen zu unserer Paarbindung geführt hat, steckt eine immense Ironie“, schreibt Wrangham mit leichter Resignation. „Das Kochen hat den Nährwert der Nahrung enorm erhöht, doch zugleich hat diese Praxis die Autonomie der Frauen erheblich geschwächt. Das Kochen schuf und verfestigte ein neuartiges System männlicher kultureller Überlegenheit. Es ist kein schönes Bild.“ Immerhin haben die Frauen am Herd einen Trost: Rührten sie nicht im Topf, turnten ihre Kerle immer noch im Geäst herum.

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