24.02.2010 · Warum rentiert sich gesellschaftliche Gleichheit? Richard Wilkinson und Kate Pickett antworten mit einleuchtenden Zahlen.
Von Wolfgang KerstingAntike und Mittelalter glaubten noch, das Glück allgemeingültig bestimmen zu können. In der Moderne aber ist das Glück subjektiviert worden, verwandelte sich der Glücksbegriff in eine Sammelbezeichnung für die Befriedigung individueller Präferenzen. Und diese sind zum einen unterschiedlich, zum anderen – auf Grund der strukturellen Knappheit aller Glücksgüter – konfliktuell.
Deshalb lässt sich auf dem Glück keine Ordnung errichten. Denn jede Ordnung muss der fundamentalen Legitimationsbedingung allgemeiner Zustimmungsfähigkeit genügen. Es ist notwendig, die Glücksebene zu transzendieren und einen unparteilichen Standpunkt einzunehmen, von dem aus nur noch verallgemeinerungsfähige Interessen in den unparteilichen Blick geraten. Die Instabilität eines Glücksfundaments zeigt folgende Überlegung: Geht man von einem gegebenen Verteilungszustand aus, dann können wir annehmen, dass einige mehr haben als andere. Jene, die mehr haben, möchten noch mehr haben, oder zumindest das, was sie haben, behalten; diejenigen, die weniger haben, möchten ebenfalls mehr haben, am besten so viel wie die anderen, Besserverdienenden, Talentierteren und vom Schicksal auch sonst Verwöhnteren.
Schwankender Boden des Glücks
Egalisierende Maßnahmen müssen daher notwendigerweise zugleich Glück und Unglück hervorrufen. Denn den Mehrhabenden wird genommen und den Wenighabenden wird gegeben. Da nun ein und dieselbe Egalisierungsaktion den Egalisierungsopfern Unglück, den Egalisierungsnutznießern hingegen Glück bringt, ist es wenig sinnvoll, sich bei sozialstaatlichen Gleichheits- und Ungleichheitsdiskussionen auf den schwankenden Boden des Glücks zu stellen. Nirgendwo steht geschrieben, dass das Glück der Neider, Benachteiligten und Wenighabenden ein größeres moralisches Gewicht besitzt als das der glücklich Besitzenden.
Wenn nun dem Glück der Habenichtse kein größeres moralisches Gewicht zukommt als dem der Besitzenden, dann – so könnte der Eudämonist argumentieren – bestünde Gerechtigkeit darin, jedem gleiches Glück zu garantieren. So wären Glück, Gerechtigkeit und Gleichheit in einer Formel vereinigt – wie in dem plakativen und leider fehlübersetzten deutschen Titel des hier vorgestellten Buches. Aber dieser Vorschlag taugt nichts. Bereits die Wendung „gleiches Glück“ ist unverständlich, da individuelle Befriedigungszustände nicht vergleichbar sind. Daher macht es auch keinen Sinn, Gerechtigkeit als Glücksgleichheit zu bestimmen.
Sekt oder Selters
Wenn wir Glücksgleichheit als Gerechtigkeitskriterium einführen, erhalten wir außerdem Ergebnisse, die mit unseren Gerechtigkeitsvorstellungen kollidieren. In der Literatur spricht man von dem Problem des teuren Geschmacks. Man stelle sich vor, die eine Hälfte der Gesellschaft bestünde aus Seltersmenschen, die andere Hälfte aus Champagnermenschen. Um Champagnermenschen glücklich zu machen, muss weitaus mehr aufgewendet werden als zur Befriedigung der Seltersmenschen. Hier für Gerechtigkeit, für Glücksgleichheit zu sorgen, verlangte also von den Seltersmenschen, den teuren Geschmack der Champagnermenschen zu subventionieren.
Aber von all diesen Überlegungen lässt sich der common sense nicht sonderlich irritieren. Er ist davon überzeugt, dass zwischen der Gerechtigkeit, der Gleichheit und dem Glück ein Zusammenhang besteht, dass eine Gesellschaft bekömmlicher ist, wenn in ihr Gleichheit herrscht und sie darum auch als gerecht, zumindest als gerechter bezeichnet werden kann. Und diese common-sense-Überzeugung erfährt durch Richard Wilkinson und Kate Pickett starke Rückendeckung.
Gleichheit senkt Kosten
Denn die beiden Autoren sind Datensammler, die in den letzten Jahren die Statistiken der Industriegesellschaften durchforstet haben, auf der Suche nach Korrelationen zwischen Einkommensverteilungsmustern und dem Ausmaß sozialer und gesundheitlicher Probleme. Und ihr Befund ist einleuchtend: Ein Gleichheitszuwachs kommt der Gesamtgesellschaft zugute, er vermindert die Kosten der durch Armut erzeugten sozialen und gesundheitlichen Probleme.
Diese Probleme – soziale Desintegration, psychische Erkrankungen, gesundheitliche Mängel und sinkende Lebenserwartung, wachsende Unbildung, Anstieg von Gewalt und Drogenkonsum, Überbelegung der Gefängnisse, mangelnde soziale Mobilität, fehlende Möglichkeit sozialen Aufstiegs, Zukunftsverlust und lebensethische Apathie – sind soziale Krankheitsherde; sie liefern die Kriterien, mit denen die Autoren die Bekömmlichkeit und Unbekömmlichkeit von Gesellschaften messen. Und sie sind allesamt, dies die diagnostische These, Auswirkungen der Ungleichheit, können also durch angemessene Umverteilungsmaßnahmen, durch Anheben des Durchschnittseinkommens erfolgreich bekämpft werden.
Wasserwaagenmessungen
Obwohl das Buch auf Halden von Daten beruht, ist es nicht mit Zahlenreihen angefüllt. Die Autoren haben sich auf übersichtliche Diagramme beschränkt, in denen ihre Wasserwaagenmessungen der Abhängigkeit zwischen Einkommensungleichheit und dem Ausmaß verschiedener sozialer und gesundheitlicher Problemfelder anschaulich dargestellt wird. Und der Text besteht im Wesentlichen aus der Interpretation dieser Diagramme, die leicht verständlich und erfreulich unaufgeregt vorgetragen wird.
Ärgerlich ist nur der deutsche Titel, der offensichtlich vermutete egalitaristische Instinkte der deutschen Sozialstaatsmentalität bedienen möchte. Wörtlich übersetzt lautet der Originaltitel: „Wasserwaage. Warum gleichere Gesellschaften fast immer besser dran sind“. Diese Formulierung ist weitaus zurückhaltender und vermeidet die Großworte des Glücks und der Gerechtigkeit, von denen auch im Text nicht die Rede ist. Ein Bezug zum Glück besteht hier nur insofern, als ein soziales Umfeld, das nicht mit den genannten Problemen belastet ist, den einzelnen Individuen im Durchschnitt eine günstigere Lebensentwicklung ermöglicht.
Freundliche Mahnung
Aber nicht nur das Glück ist hier auf das Niveau allgemein vorzugswürdiger gesellschaftlicher Zustände reduziert, auch die Rede von der Gleichheit bleibt zurückhaltend. Das Buch kann sich mit einer generellen Bekräftigung des welfaristischen Status quo der marktwirtschaftlichen Demokratien begnügen und es bei einer freundlichen Mahnung an die Politiker des Westens belassen, in den egalitaristischen Anstrengungen nicht nachzulassen und in harten Zeiten nur ja nicht nach Vorwänden für eine Minderung des Gleichheitsniveaus zu suchen.