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Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker An der Bombe vorbei

Atompolitik unter den Nationalsozialisten: Richard von Schirach nimmt sich noch einmal die deutschen Physiker vor, die während des Krieges an der „Uranmaschine“ arbeiteten.

© Berenberg Verlag

Es waren zehn Forscher in Farm Hall / die galten für fürchterlich harmvoll. / Beim Jüngsten Gericht / erschienen sie nicht / denn sie saßen noch immer in Farm Hall.“ So dichtete der deutsche Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker im Herbst 1945, eben auf jenem Landsitz Farm Hall, wo nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zehn deutsche Atomforscher für einige Monate interniert worden waren. Darüber, ob ihre Forschungen im Rahmen des deutschen Uranprojekts „harmvoll“ waren oder nicht und ob im Dritten Reich an einer Atombombe gearbeitet wurde - darüber gibt es bis heute eine lebendige und kontroverse Diskussion. Das vorliegende Buch des Münchener Sinologen und Schriftstellers Richard von Schirach ist die jüngste Meinungsäußerung in diesen Debatten.

Grundlage für Schirachs historischen Essay bilden die Abhörprotokolle, die der britische und der amerikanische Geheimdienst aus den Gesprächen der deutschen Atomphysiker während ihrer sechsmonatigen Internierung kompilierten. Als diese vor fast genau zwanzig Jahren für die Öffentlichkeit freigegeben wurden, sorgten sie nicht nur in der wissenschaftshistorischen Fachwelt für einiges Aufsehen. Auch wenn heute die Farm-Hall-Protokolle keinen Medienhype mehr verursachen, so sind die damit zusammenhängenden Fragen nach den Dimensionen, Zielen und Motiven des deutschen Uranprojekts nach wie vor aktuell und in Teilen unbeantwortet.

Inkompatibel mit der Blitzkriegstrategie

Der deutsche „Uranverein“ war unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vom Heereswaffenamt ins Leben gerufen worden und sollte sich mit den militärtechnischen Konsequenzen der kurz zuvor erfolgten Entdeckung der Urankernspaltung beschäftigen. Nachdem bald klargeworden war, dass die Entdeckung zwar die Möglichkeit für eine Bombe von bis dahin unvorstellbarer Sprengkraft bot, dafür aber ein langer Atem sowie ungeheure Ressourcen nötig waren und dies mit der deutschen Blitzkriegstrategie nicht kompatibel war, konzentrierten sich die Arbeiten der deutschen Wissenschaftler vornehmlich auf den Bau einer „Uranmaschine“, das heißt eines Atomreaktors.

Doch auch damit war man nicht erfolgreich, denn der letzte Versuch, den Versuchsreaktor kritisch zu machen, scheiterte an fehlendem Spalt- und Moderatormaterial und am Einmarsch der Amerikaner. Diese nahmen nicht nur den vermeintlichen Reaktor in Gewahrsam, sondern auch die für das Uranprojekt maßgeblichen Wissenschaftler, die über mehrere Zwischenstationen in den eingangs erwähnten Landsitz des britischen Geheimdienstes verbracht wurden.

Verblüffung nach Hiroshima

Hintergrund dieser Geheimdienstaktion waren die Furcht der Alliierten vor einer deutschen Atombombe und ihr Interesse, von den deutschen Forschungen profitieren zu können. Im amerikanischen Manhattan-Projekt wurde schließlich seit 1942 mit Hochdruck an der Entwicklung einer Atombombe gearbeitet, und im Frühjahr 1945 war der Erfolg noch ungewiss. Auch wenn die abgehörten Gespräche der deutschen Atomphysiker den amerikanischen Entwicklungsarbeiten kaum Erkenntnisgewinn brachten, stellen die Abhörprotokolle doch ein einzigartiges Zeitdokument dar. Es dient dem Autor des vorliegenden Buches als Grundlage für Überlegungen zur deutschen Wissenschaftsgeschichte zwischen Genie, Hybris, Schuld und Naivität. Dabei stehen die Reaktionen der deutschen Atomphysiker auf die Nachricht vom Abwurf amerikanischer Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Mittelpunkt.

“Die Gäste waren über die Nachricht äußerst verblüfft. Zuerst wollten sie sie nicht glauben ...“, konstatiert der Bericht vom 6. August. Später beginnen die Diskussionen, und ein „Klärungsprozeß“ setzt ein, der in eine Sentenz Carl Friedrich von Weizsäckers mündet: „Die Geschichte wird festhalten, daß die Amerikaner und die Engländer eine Bombe bauten, daß zur selben Zeit die Deutschen unter dem Hitler-Regime eine funktionsfähige Maschine herstellten. Mit anderen Worten, die friedliche Entwicklung der Uranmaschine fand in Deutschland unter dem Hitler-Regime statt, während die Amerikaner und Engländer diese grässliche Kriegswaffe entwickelten.“

Wider die moralische Verklärung

Auch wenn damit die Geschichte der Atombombenentwicklung quasi auf den Kopf gestellt und das zweifelhafte Wirken der deutschen Atomphysiker für einen verbrecherischen Staat moralisch vergoldet und im Sinne der technokratischen Unschuld pauschal „entschuldet“ wurde, war dieser in Farm Hall begründete Mythos durchaus wirkmächtig und fand beispielsweise in Robert Jungks vielgelesenem Buch „Heller als tausend Sonnen“ seinen Niederschlag. Schirach verkörpert die Gegenposition und setzt sich höchst kritisch mit den Ansichten und Reaktionen der deutschen Atomphysiker auseinander. Er stellt sie in den historischen Kontext und zerpflückt so den Mythos. Dabei folgt er neueren wissenschaftshistorischen Untersuchungen, die nachgewiesen haben, dass es in Deutschland eben nicht nur um die Entwicklung einer Uranmaschine ging, sondern ernsthaft und konkret auch über die Möglichkeiten einer Atombombenentwicklung nachgedacht wurde.

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Dass hierfür allerdings die Farm-Hall-Protokolle als „Krondokument“ fungieren können, ist aus wissenschaftshistorischer Sicht zu bezweifeln - auch wenn der Autor dies durch eine Überinterpretation der Quellen zu suggerieren versucht. Vieles ist überdies nicht neu, denn manche Passagen lehnen sich sehr stark an Argumentationslinien und zuweilen auch Formulierungen älterer Publikationen an. Aber trotz mancher Zuspitzung auf die vermeintliche deutsche Atombombe und auch einiger Detailfehler ist Richard von Schirach eine lesbare Studie über das Innenleben, die Motive und die Moral von Wissenschaftlern im Dritten Reich gelungen.

Richard von Schirach: „Die Nacht der Physiker“. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe. Berenberg Verlag, Berlin 2012. 272 S., Abb., geb., 25,- Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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