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Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten : Die geschlossene Anstalt

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Richard Münchs neues Buch über die Folgen der deutschen Bildungsreformen ist selbst Ausdruck der desolaten Hochschulsituation, die er beschreibt.

          Britische Bahngesellschaften können seit jüngstem Schaffner einstellen, die hochkultiviert und perfekt dreisprachig sind. Es sind ehemalige Lehrer an Staatsschulen, die lieber Fahrkarten knipsen als weiter zu unterrichten. Die Vertreter der viel gescholtenen Privatschulen fühlen sich bestätigt. Kürzlich hat der Schulleiter von Eton einem Journalisten des „Daily Telegraph“ seine bildungspolitische Philosophie in die Feder diktiert: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Verantwortung und Macht so weit wie möglich auf jene Personen zu übertragen sind, die sie direkt ausüben.“

          In Eton seien das die Fachvorsteher, die ihr Curriculum selbst zusammenstellten. Leider habe sich das staatliche Bildungssystem dem gegenteiligen Glauben verschrieben, wonach „Erziehung nur effizient geleistet werden kann, wenn sie zentral gelenkt ist“. So prassle auf die unmündige Lehrerschaft in immer schnellerer Kadenz eine Flut von neuen Vorschriften nieder, meist im Namen hehrer Bildungsideale wie „Leadership“ oder „Citizenship“. Der Mann hat recht. Und macht es sich viel zu einfach.

          Noch ein Pamphlet

          Ähnliches gilt für den Bamberger Soziologen Richard Münch und seine jüngste Abrechnung mit den Pisa- und Bologna-Reformen im deutschen Bildungswesen. Münch, der vor kurzem schon ein gebundenes Pamphlet gegen die Forschungsförderung in Deutschland vorgelegt hat, breitet nun auf zweihundert Seiten das Argument aus, die deutschen Schulen und Universitäten seien durch eine unheilige Allianz globaler Berater und lokaler Eliten in „institutionelle Hybride“ verwandelt worden, in denen Anspruch und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklafften. Die Ursache des Übels macht er in einer „Verschiebung der symbolischen Macht weg von der nationalen Bildungselite und hin zu einer neuen, an der naturwissenschaftlichen Methodik geschulten, transnational organisierten Wissenselite“ aus. Deren universalistische Humankapital-Ideologie habe „nationale Entwicklungspfade“ ihrer Legitimation beraubt, sie aber strukturell nicht überwunden, so dass sie der Qualität der Bildungsinstitutionen letztlich mehr geschadet als genützt habe.

          Münch liegt mit seiner Gesamtdiagnose nicht ganz falsch, macht es sich aber zu leicht, wenn er meint, die Hauptschuld für fehlgeschlagene Reformen an anonyme ausländische Agenten à la McKinsey & Co. „outsourcen“ zu können. An Universitäten ist das Problem in weit stärkerem Maß ein nationales, als er denkt, und die deutsche Professorenschaft trifft eine viel größere Verantwortung, als er zuzugeben bereit ist. Die von ihm hochgeschätzte Idee eines ebenso engen wie hierarchischen Lehrer-Schüler-Verhältnisses, die den universitären Unterrichtsformen und Machtstrukturen nach wie vor zugrunde liegt, ist schon seit der – staatlichen – Einführung der Massenuniversität hoffnungslos überholt.

          Ein Beispiel von Defätismus

          Der große Witz der Bologna-Reform ist, dass sie überall den Hebel ansetzt, nur nicht an diesen fossilen Strukturen: Eingeführt wird ein neuer, komplett durchgeplanter Massenunterricht, in dem jede Arbeitsstunde abgegolten wird, durchführen aber soll ihn die alte Ordinarienoligarchie mit ihren fein separierten Mitarbeiterstäben. Merkt man dann, dass sie es nicht schafft, greift man zur nächsten Verlegenheitslösung, den leicht zu verschiebenden und geräuschlos zu entsorgenden „Lehrkräften für besondere Aufgaben“. Solange man Lehrstühle und Assistenzen nicht konsequent in Tenure-Track-Stellen umwandelt und diese nach Studiengängen bündelt, wird Bologna in Deutschland nicht funktionieren. Genau dagegen aber wehrt sich der von Ordinarien beherrschte deutsche Hochschulverband mit anhaltendem Erfolg.

          Münch scheint für solche Überlegungen nicht einmal ganz unempfänglich zu sein, wenn er die deutsche Universität im Vergleich zur amerikanischen als „geschlossene Anstalt“ beschreibt. Allein, er vermag sie nicht in sein Pauschalargument einer unaufhaltsamen globalen Verschwörung zu integrieren. Konservative Kritik kann brillant und befruchtend sein, wenn sie von der Idee getragen wird, dass sich etwas ändern muss, damit es gleich bleibt. Münch dagegen hat sich in einem bequemen Defätismus eingerichtet.

          Ohne argumentative Architektur

          Noch bedenklicher an diesem Buch ist jedoch, dass es in Aufbau und Stil dem, was man üblicherweise mit „McKinsey & Co.“ verbindet, verdächtig gleicht. Alles musste schnell gehen, nichts ist fertig gedacht. Die Einleitung beginnt mit einem Haufen unspezifischer Literaturhinweise und imponiert dann mit geschwollenem Unsinn wie: „Es ist nicht länger die Zugehörigkeit zu einer Nation oder Berufsgruppe, die über die Verteilung von Lebenschancen entscheidet, sondern der individuelle Erfolg auf dem Markt.“

          In den weiteren Kapiteln ist eine argumentative Architektur nicht auszumachen, und der Text ist stilistisch so inkohärent, dass man meinen könnte, es seien mehrere Köche am Werk gewesen – ein Eindruck, den Münchs Dank an drei Mitarbeiter für Unterstützung „bei der Erstellung des Manuskripts“ nicht unbedingt entkräftet.

          So wie Eton Teil der britischen Bildungsmisere ist, weil es einer privilegierten Minderheit erlaubt, sich über die Qualität staatlicher Schulen zu foutieren, um umso besser von der Qualität staatlicher Universitäten zu profitieren, so ist Richard Münchs Band über die Folgen der deutschen Bildungsreformen selbst Ausdruck der Malaise, die er beschreibt. Eine Lesart, die man dem Autor leider nicht ersparen kann.

          Richard Münch: „Globale Eliten, lokale Autoritäten“. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von Pisa, McKinsey & Co. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 266 S., br., 13,– Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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