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Richard David Precht : Essen Sie nur, was Sie auch selbst töten!

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Intuitionen gelten lassen

Mit Verweis auf Kants „Ding an sich“ behauptet Precht, dass es keine objektive Erkenntnis geben könne. Damit wäre Kant nun überhaupt nicht einverstanden, denn man kann sehr wohl objektive empirische Erkenntnisse gewinnen, ohne metaphysische Erkenntnisse von Dingen an sich haben zu müssen. Genauso problematisch sind Prechts Behauptungen, dass es weder Gerechtigkeit noch das Gute noch das Glück „an sich“ geben soll, sondern nur gerechte oder gute oder glückliche Menschen.

Aber kommen wir zum springenden Punkt: Precht meint, dass eine Ethik ohne Verdrängung unser Verhältnis zu Tieren geradezu revolutionieren würde. Eine solche Ethik bestünde ganz einfach darin, dass wir im Hinblick auf Tiere nur das tun und akzeptieren sollten, was unseren Intuitionen nicht widerspricht. Dabei könnten uns die Utopien von Vegetarismus und Veganismus als eine Art regulative Ideen dienen. Das ist ein erwägenswerter Gedanke. Wären da nur nicht die Intuitionen.

Was Precht mit „Intuitionen“ meint, veranschaulicht er am Beispiel eines Gesprächs, das er mit dem Philosophen Robert Spaemann führte. Spaemann argumentiert, dass man Tiere zum Zweck der Ernährung zwar töten, aber nicht absichtlich leiden lassen dürfe. Wie wäre das nun, fragt Precht zurück, wenn man einem Reh ein Bein unter Betäubung amputierte, dieses als Rehkeule zubereitete und das Reh dreibeinig weiterleben ließe, würde Spaemann diese Keule essen? Spaemann soll leicht den Mundwinkel verzogen und dann die Frage verneint haben. Nun ja, vielleicht hat Spaemann das Gesicht verzogen, weil er nicht verstanden hat, was das Gedankenexperiment besagen soll. Denn er hatte ja nicht behauptet, dass man Tiere für den Fleischkonsum verstümmeln darf.

Tiere essen ist Privatsache?

Was sich Spaemann aber auch immer gedacht haben mag, Precht zieht daraus den Schluss, es komme hier darauf an, was sich mit meiner Sensibilität vereinbaren lasse: Nur Leiden, das man erkennt, wird abgelehnt. Bei den ins Feld geführten Intuitionen läuft es also offenbar darauf hinaus, was man persönlich mit ansehen, tun und ertragen kann. Precht fordert denn auch, dass man nur jene Tiere essen sollte, die man auch selbst töten würde und könnte. Damit psychologisiert er die Moral.

Wer psychisch keine Probleme mit Schlachthäusern oder anderen Folterkammern hat, darf weiter Tiere essen, wer damit nicht zurechtkommt, muss sich einschränken. Diese Psychologisierung ist fatal für die These, dass sich die Kluft zwischen dem, was wir für richtig halten, und dem, was mit Tieren in unserer Gesellschaft geschieht, so lange nicht schließt, wie wir unsere Ernährung als Privatsache auffassen. Denn die Psychologisierung der Moral vollzieht genau jenen Schritt, den Precht zu Recht als Problem erkannt hat: Sie macht das Essen von Tieren zu einer Privatsache. Darum kann dieses Buch nicht einlösen, was es verspricht.

Precht hätte auf diese Psychologisierung verzichten und auf ethischen Prinzipien und sachhaltigen Informationen bestehen sollen. Das tut er immerhin im letzten Teil seines Buchs. Dort liest man über den unzureichenden gesetzlichen Schutz von Tieren in Deutschland, die Jagd in Mitteleuropa, die Problematik von Tierversuchen, die Ideologie von Tiergärten und über Konflikte zwischen Tier- und Artenschutz. Precht plädiert engagiert für einen dringend notwendigen anderen Umgang mit Tieren. Das Buch hätte ruhig nur aus diesem letzten Kapitel bestehen dürfen.

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