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Ratgeber „Sexout“ : Eng ist ein dehnbarer Begriff

Wer ist hier frustriert? 1949 malte Edward Hopper das Bild „Summer In The City“. Erst zehn Jahre später ist der Mann in ähnlicher Lage . . . Bild: James Goodman Gallery, New York,

Was bedeutet es für die Liebe, wenn es im Bett nicht mehr klappt? Der Auflagenmillionär Wilhelm Schmid offeriert mit „Sexout“ Auswege.

          Suhrkamp kann als Erfinder des Shop-in-Shop-Konzeptes gelten. Wie kein anderer Verlag der Nachkriegszeit reüssierten die Frankfurter früh mit Konzeptläden (Brecht, Hesse, Frisch). Die Ausgaben wurden regelmäßig in neue Kassetten geschweißt und mit neuen Umschlägen versehen, damit nachwachsende Leserschichten sich diese Must-haves zulegten. Die Bewirtschaftung der Bestände ist für die Finanzierung eines risikoreichen Geschäftes wie jenes mit den Büchern von zentraler Bedeutung; zeitgenössische Klassiker sind Geldkühe, die, so sie sich das Vertrauen ihrer Leserschaft erst einmal erworben haben, auf saftigen Weiden gehalten werden, damit es ihnen wohl ergehe.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Zu dieser Spezies zählt auch der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid – Jahrgang 1953, zwei Ehen, vier Kinder –, der sich ganz der „Lebenskunstphilosophie“ verschrieben hat. Sein Werbeprospekt führt fünfzehn Bücher an, die am Ende des neuen Buches an Stelle einer Literaturliste noch einmal abgedruckt werden. Der erste Band stammt aus dem Jahr 1987 und handelt von Michel Foucaults Archäologie des platonischen Eros, dann folgen in den neunziger Jahren zwei Bände in der Reihe „stw“, und seit fünfzehn Jahren wird konsequent die Kunst des richtigen Lebens bespielt – abgestiegen von den Höhen der Wissenschaft und aufgestiegen zu den Altären der Buchhandelskassen. Der Verlag beziffert Schmids deutsche Auflage mit einer Million Exemplare, davon entfallen 400.000 Stück auf den Titel „Gelassenheit“, der seit achtundsechzig Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste steht, derzeit auf Rang zwei. Übersetzungen in vierzehn Sprachen. Der Mann trifft einen Nerv, sein Buch bietet sich als Mitbringsel an. Für acht Euro den Schlüssel zur Gelassenheit? Das mag angehen.

          Den Mund zu voll nehmen

          Ob das für den soeben erschienenen Nachfolger „Sexout“ auch gilt? Das Büchlein verhandelt ein Thema für alle und jede, worum es geht, soll mit diesem neuen Kunstwort auf den Punkt gebracht und zu einem neuen Markenkern geschmiedet werden. Man kannte bislang den Blackout (Erinnerungslücke), den Fallout (Atombombe), den Shootout (Western), den Song „Freak Out“ (Chic, späte siebziger Jahre), den Bailout (Finanzkrise). Jetzt also Sexout für ein zum Erliegen gekommenes Geschlechtsleben.

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          Der Autor geht mit einer nicht gerade steilen These ins Rennen: „Alle wollen Sex, mehr oder weniger.“ In zehn Kapiteln umkreist Schmid die Problemlage und erörtert zunächst gedankliche, dann praktische Auswege aus dem Dilemma: „Das Nachdenken erschließt Möglichkeiten, mit denen sich eine Wirklichkeit verändern lässt.“ Zum Beispiel sollte man daran denken, sich selbst gern zu haben, denn erst so sei es möglich, auch anderen etwas abzugeben. Er unterscheidet „Sex im weiteren Sinne“ und im „engeren“. Im ersten Fall soll man von den „reichen Reizmöglichkeiten“ Gebrauch machen, „die die Natur oder Gott den Menschen zur Verfügung gestellt hat, auf dass sie damit etwas anzufangen wissen“. Zur engeren Variante kommt es erst, wenn es ein „Entgegenkommen“ gibt, wenn Frauen den vom Testosteron geplagten Männern zur Hand gingen und Männer den „weitverzweigten Nervenenden“ der Klitoris Rechnung trügen, indem sie sich „nach unten“ begäben, um „den Mund auf etwas andere Weise voll zu nehmen“.

          Da hilft nur Enthaltsamkeit

          Vielleicht doch keine so gute Idee, das Buch als Geschenk mitzubringen? Es könnte dort in den falschen Hals geraten. So wie beim „Oralsex mit sich selbst“ (Essen und Trinken). Hilft das alles nicht weiter, muss man über eine „Ritualisierung“ des Aktes nachdenken. Dagegen spricht, dass schon manche Beziehung durch genau diese Technik – samstags Autowaschen, Moosröschen für die Frau, Beischlaf – an den Abgrund geführt wurde.

          Schmid testet als Gegenmittel weitere Auswege, ohne von den Resultaten allzu enthusiastisch gestimmt zu werden: virtueller oder käuflicher Sex, das ist es irgendwie auch nicht. Weshalb er sich ernüchtert altbewährten Konzepten wie Askese und platonischer Freundschaft zuwendet, um am Ende – Verweis auf sein vorletztes homöopathisches Brevier – bei Bescheidenheit und Gelassenheit zu landen. Das ist für akut befallene Sexoutisten vielleicht ein bisschen wenig. Sie haben schon genug Enttäuschungen hinter sich, um sich noch einer lebenskunstphilosophischen Produktenttäuschung auszusetzen. Da hilft nur Enthaltsamkeit.

          Quelle: F.A.Z.

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